von Jörg Bahl (*=Zusammenhalt)
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EINLEITUNG
Allgemein
bedeutet Kohäsion in der Verhaltenspsychologie, den Zusammenhalt von Gruppen
als Resultante aller Kräfte, die ein Verbleiben in der Gruppe bewirken (vgl. HÄCKER/STAPF
1994). Diese Kräfte lassen sich in zwei Zielrichtungen unterteilen: Zum einen
die Prozesse der Entwicklung und Aufrechterhaltung harmonischer interpersoneller
Beziehungen (sozial-emotionale oder beziehungsorientierte Kohäsion) und zum
anderen die Prozesse, die im Zusammenhang mit der Erledigung von Gruppenaufgaben
stehen (aufgabenorientierte Kohäsion). Dabei reflektiert die
beziehungsorientierte Kohäsion die Interaktion der Gruppenmitglieder außerhalb
der Wettkampf-/Trainingssituation, während die aufgabenorientierte Kohäsion in
engem Zusammenhang zu den sportlichen Zielen einer Mannschaft steht. Der
Erfolg einer Mannschaft wird in der Regel über die Prozentzahl der gewonnenen
Spiele gemessen1 und ist somit ein objektiv
beobachtbare Größe. Leistung
hingegen wird besonders in Spielsportarten häufig subjektiv empfunden. Es ist möglich
trotz guter Leistung ein Spiel zu verlieren, bzw. trotz subjektiv schlechter
Leistung zu gewinnen. In
der Beispieluntersuchung wird aus diesem Grund explizit zwischen Leistung und
Erfolg unterschieden. Auf unser einleitendes Beispiel bezogen setzt sich die Forderung nach den elf Freunden also mit beziehungsorientierter Kohäsion auseinander, die Feststellung des aktuellen Fußballbundestrainers hingegen mit aufgabenorientierter Kohäsion, da es ihm und seinem Team darum geht, gemeinsam gesteckte Mannschaftsziele zu erreichen.
2
UNTERSUCHUNGEN ZUM ZUSAMMENHANG VON KOHÄSION UND ERFOLG
BZW. LEISTUNG IN SPORTSPIELMANNSCHAFTEN 2.1
Untersuchungsansätze2 1972
entwickelten MARTENS, LANDERS u. LOY den „Sport Cohesiveness Questionaire“
(SCQ). Dieser blieb über lange Zeit der meist eingesetzte Fragebogen zur
Messung des Mannschaftszusammenhalts, erfasst aber überwiegend die
interpersonelle Attraktivität der Gruppenmitglieder und die Attraktivität der
Mannschaft. Somit wird nicht das Team in seiner Gesamtheit beurteilt, sondern
die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen der Sportler zum Indikator einer
Gruppeneigenschaft gemacht. Aus
dieser Kritik heraus entstanden Mitte der achtziger Jahre unabhängig
voneinander drei neue Erhebungsinstrumente für die Gruppenkohäsion. Zwei davon
bezogen sich ausschließlich auf die Sportart Basketball. Zum einen der von
MEDING entwickelte „Kohäsionsfragebogen Basketball“ (KFB) und das
„Multidimensional Sport Cohesion Instrument“ (MSCI) von YUKELSON, WEINBERG
u. JACKSON (1984). 1985 wurde zusätzlich ein sportartunspezifischer Fragebogen
vorgestellt. Der
von CARRON, WIDMEYER u. BRAWLEY entwickelte „Group Environment Questionaire“
(GEQ). Allen dreien ist
gemeinsam, dass sie Kohäsion multidimensional erfassen, als Fragebogen
konzipiert sind und aus der Einschätzung der Spieler auf den Zusammenhalt der
Mannschaft schließen. Unterschiede bestehen in Bezug auf die Dimensionalität von Kohäsion. Den zwei Faktoren des KFB - aufgabenorientierte und beziehungsorientierte Kohäsion - stehen bei MSCI und GEQ jeweils vier Faktoren gegenüber, wobei jeweils zwei Dimensionen inhaltlich weitgehend mit denen des KFB übereinstimmen und die beiden anderen eher als Ergänzung zu werten sind (vgl. MEDING 1988, YUKELSON/WEINBERG/JACKSON 1984 und CARRON/WIDMEYER/BRAWLEY 1985).
2.2
Beispieluntersuchung mit dem Kohäsionsfragebogen Basketball Die
von MEDING mit dem Kohäsionsfragebogen Basketball (KFB) durchgeführte Studie
in Einzelheiten darzulegen würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen,
daher möchte ich nur kurz auf den Ablauf und die wichtigsten Ergebnisse zu
sprechen kommen. MEDING
hat in seiner von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) unterstützten
Studie 64 leistungsorientierte Basketballmannschaften mit dem Ziel untersucht,
die Beziehung von Kohäsion und Effektivität darzustellen. Das Projekt lief in
der Zeit vom 01.07.1984 bis zum 31.12.1986, die Befragung der teilnehmenden
Mannschaften fand in der Zeit vom 13.09.1984 - 05.05.1985 in der Region
Braunschweig statt. Alle an der Untersuchung teilnehmenden Mannschaften wurden
insgesamt dreimal befragt, und zwar vor, während und unmittelbar nach der
Saison, so dass auch Aussagen über die Entwicklung der Kohäsion getroffen
werden konnten. Der KFB umfasst insgesamt 27 Items, jeweils 6 zu
aufgabenorientiertem bzw. beziehungsorientiertem Trainerverhalten, 7 zu
aufgabenbezogener Kohäsion und 8 zu beziehungsbezogener Kohäsion. Alle Items
sind auf einer Punktskala von 1 bis 6 zu bewerten, wobei gilt, je niedriger der
Wert, desto höher die Kohäsion. Die
Spielklassenzugehörigkeit der befragten Mannschaften zog sich im
Erwachsenenbereich von der Kreisliga bis zur 1. Bundesliga bei den Herren und
bei den Damen von der Kreisliga bis zur 2. Bundesliga. Im Jugendbereich gehörten
die Mannschaften der Kreis- bzw. Leistungsklasse sowohl der A- als auch der
B-Jugend an. Die einzelnen Ligen wurden in der Untersuchung zu zwei Klassen zusammengefasst, eine obere und eine untere Leistungsklasse. Die Variable „Alter“ wurde in den Ausprägungen „Erwachsene“ und „Jugendliche“ intervallskaliert erfasst, je nach Zugehörigkeit zu einer Erwachsenen- bzw. Jugendmannschaft. Sportlerinnen waren mit 27.8 % unterrepräsentiert. Dieser Wert entspricht aber in etwa dem vom DSB angegebenen Frauenanteil von 1983.
2.2.1
Ergebnisse der Untersuchung mit dem KFB Die
Ergebnisse werden hier nur angeschnitten. Zudem werden nur die Ergebnisse
dargestellt, die relativ eindeutig sind. Vermutungen über eventuelle Zusammenhänge
und daraus resultierende Schlussfolgerungen werden außer Acht gelassen.
2.3
Ausblick für zukünftige Forschungen Ob
eine weitergehende Differenzierung über die von MEDING vorgenommene Zweiteilung
hinaus sinnvoll ist, lässt sich erst beurteilen, wenn einschlägige
Forschungsergebnisse mit allen drei Methoden, KFB, MSCI und GEQ, miteinander
verglichen werden können. Aufgrund der dargestellten Untersuchungsergebnisse ist zu fordern, dass zukünftige Forschungen nur an natürlich gewachsenen Gruppen in ihrer natürlichen Umgebungen durchzuführen sind.
3
Konsequenzen
für Mannschaftsformung und Mannschaftsführung
Die
zweite Erkenntnis mit einer wichtigen Implikation für die Praxis ist die, dass
das Verhalten des Trainers, will er ein Optimum an Kohäsion bewirken, auf die
jeweils trainierte oder betreute Mannschaft individuell abgestimmt sein muss.
Dies liegt in der Erkenntnis begründet, dass in unterschiedlichen Gruppen -
betreffend Geschlecht, Alter, Leistungsklasse - ergriffene Maßnahmen zu
unterschiedlichen, z.T. sogar gegensätzlichen, Ergebnissen geführt haben. So
scheint ein beziehungsorientiertes Trainerverhalten vor allem im Jugend- und
Damenbereich erfolgversprechend, während im Herrenbereich und bei hohem
Leistungsniveau der Mannschaft ein stärker auf die Aufgabenstellung hin
ausgerichtetes, sachorientiertes Trainerverhalten vorzuziehen ist. Diese
Ergebnisse stimmen mit denen anderer Untersuchungen überein, die feststellen, dass
Sportler einen mehr autokratischen, Sportlerinnen einen eher demokratischen Führungsstil
des Trainers favorisieren. Patentrezepte gibt es allerdings keine, so dass jeder Trainer seine Maßnahmen zur Stärkung des Zusammenhalts, unter Berücksichtigung der personellen Zusammensetzung des Teams und der situativen Bedingungen, individuell auf die von ihm betreute Mannschaft abstellen muss.
4
Begriffsklärungen Den
Versuch einer Präzisierung unternehmen FESTINGER/SCHACHTER/BACK, die Kohäsion
als „the total field of forces which act on members to remain in the group“
definieren. Dieses Kräftefeld setzt sich dabei aus zwei Komponenten zusammen,
Diese
Unterteilung beruht auf der Tradition das soziale Miteinander sowohl direkt als
Quelle von Belohnungen, als auch indirekt als Mittel zur Realisierung
individuum-spezifischer Ziele zu betrachten. Dieser
Ansatz geht zwar über die Erfassung zwischenmenschlicher Beziehungen hinaus,
indem die Potenz der Gruppe in die Begriffsbeschreibung mit einfließt, es wird
jedoch nicht deutlich, dass der Begriff der Kohäsion ein Gruppenkonzept ist,
das nicht mit einem Individualkonzept „Attraktivität der
Gruppenmitgliedschaft“ gleichgesetzt werden kann. Dies liegt vor allem darin
begründet, dass die Möglichkeiten der Gruppe, in der Erfüllung von
individuellen Wünschen und Zielen liegen. Dieses
individuum-zentrierte Konzept ist 1953 von LIBO unter dem Begriff „Attraction
to Group“ (A-t-G) in die Literatur eingeführt worden. A-t-G ist das Resultat
des Zusammenwirkens aller Motive, die ein Individuum veranlassen, in der Gruppe
zu bleiben oder sie zu verlassen. Resultierend
aus den unterschiedlichen Definitionen von Kohäsion, Leistung und Erfolg lassen
sich in der Literatur sehr viele verschiedene, teils auch widersprüchliche
Ergebnisse finden, die aufgrund ihrer voneinander abweichenden Ansätze nicht
miteinander vergleichbar sind. Neben der Operationalisierung von Kohäsion, ist
es die fehlende Trennschärfe zwischen Erfolg und Leistung die Vergleiche nicht zulässt.
Verstärkend kommt hinzu, dass Erfolg und Leistung auf sehr unterschiedliche Art
und Weise gemessen wird. Neben Sieg und Niederlage werden Faktoren wie „mit
einem Tor abgeschlossene Angriffsspielzüge“ im Handball und Raumgewinn pro
Spielzug im American Football operationalisiert. Ein weiteres Problem folgt aus
der Auswahl der beobachteten Sportgruppen. Oftmals wurden Untersuchungen unter
Laborbedingungen durchgeführt, d.h. Mannschaften aus Forschungsgründen
zusammengestellt und keine gewachsenen Gruppen beobachtet
5
Zusammenfassung
Während von der beziehungsorientierten Kohäsion keine direkte Wirkung auf die Mannschaftsleistung nachzuweisen ist und eher ein umgekehrter Zusammenhang zwischen Erfolg und Kohäsion, in dem Sinne dass Erfolg die Kohäsion stärkt, zu erkennen ist, wirkt aufgabenbezogene Kohäsion direkt auf die Leistung des Teams. Durch die relative Nähe von Leistung und Erfolg kann zumindest von einer indirekten Wirkung von aufgabenorientierter Kohäsion auf den Mannschaftserfolg gesprochen werden. Durch unterschiedliche Sportartstrukturen und uneinheitliche Auswirkungen von Trainingsmethoden in verschiedenen Mannschaften sind Empfehlungen für eine optimale Stärkung des Gruppenzusammenhalts nur schwer darzulegen. Wichtigster Punkt ist, dass der Trainer auf die individuellen Unterschiede der von ihm betreuten Mannschaften eingeht und entsprechende kohäsionsfördernde Maßnahmen ergreift.
BIERHOFF-ALFERMANN,
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Anmerkungen 1 Diese Art der Operationalisierung von Erfolg ist nur möglich in Sportarten, in denen durch den Spielmodus das Ergebnis „Unentschieden“ ausgeschlossen bzw. auf ein Minimum reduziert wird.
2 Alle angesprochenen Untersuchungsergebnisse und die daraus folgenden Konsequenzen (s. Punkt 3) gelten ausschließlich für interagierende Sportgruppen und sind nicht ohne weiteres auf koagierende Sportgruppen übertragbar. In interagierenden Mannschaften (z.B. im Basketball oder Volleyball) hängt die Gruppenleistung von der Güte der Kooperation und der Koordination der spezialisierten Fähigkeiten der Mitglieder ab. Bei koagierenden Teams (z.B. Bowling oder Schießsport) hingegen wird die Gruppenleistung im wesentlichen durch die Summe der Individualleistungen bestimmt.
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