Kohäsion* in der Wirtschaft und im Sport

- eine Explorationsstudie bei Managern und Volleyballern (Auszüge)-

von Ulf Schmidt & Erik Schleiffenbaum (*=Zusammenhalt)

Einleitung Definition von Kohäsion Methodik
Diskussion Fazit und Ausblick Download: vollständiger Text

  

1 EINLEITUNG

Eine ungenügende Aufgabenabstimmung oder ein schlechtes Arbeitsklima können sowohl in der Wirtschaft als auch im Sport zu schlechten Leistungen führen. So kommt es in sportlichen Wettkämpfen immer wieder vor, dass ein technisch überlegenes Starensemble, das jedoch aus „zusammengekauften Individualisten“ besteht, einer Mannschaft mit durchschnittlich begabten Spielern unterliegt. Ein Grund dafür kann sein, dass es dem siegreichen Trainer gelungen ist, eine Mannschaft mit einem tollen Teamgeist und einer hohen Kohäsion zu formen, bei der die Teamleistung besser ist als die Summe der Einzelleistungen aller Spieler. Vergleichbare magere oder herausragende Managementleistungen finden sich auch in der Wirtschaft.

Zur Messung der Kohäsion bei Angestellten verschiedener Leitungsebenen bzw. bei Volleyballern aus unterschiedlichen Leistungsniveaus wurde daher ein in Anlehnung an Carron, Widmeyer und Brawley (1985) entwickelter Kohäsionsfragebogen Wirtschaft (KFW) (Schmidt, in Druck) sowie ein Kohäsionsfragebogen Sport (KFS) (Schmidt/Henkies/Fischer, in Druck) eingesetzt.

Neben einer testtheoretischen Analyse der eingesetzten Fragebögen werden in diesem Beitrag erste Ergebnisse aus dem Vergleich Sport/Wirtschaft präsentiert. Hierbei werden sowohl Unterschiede und Gemeinsamkeiten der zwei Stichproben als auch mögliche Transfereffekte zwischen (Spitzen-) Sport und (Spitzen-) Management diskutiert sowie praktische Implikationen vorgestellt.

  

2 DEFINITION VON KOHÄSION

Kohäsion wird von Carron (1982, S. 124) definiert als „a dynamic process which is reflected in the tendency for a group to stick together and remain united in the pursuit of its goals and objectives“. Dieser dynamische Prozess, welcher einem ständigem Wandel unterzogen ist und sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt, wird nach neueren Ansätzen der Kohäsionsforschung (vgl. Carron et al. 1998) wesentlich von zwei Dimensionen bestimmt: (1) Der Zusammenhalt der einzelnen Gruppenmitglieder vor dem Hintergrund der Teamaufgabe und (2) den persönlichen sozialen Bedürfnisse jedes einzelnen Mitglieds des Teams (ausführlicher s.u.).

Eine weitere Eigenschaft der Kohäsion ist ihre Multidimensionalität (vgl. Carron/Hausenblas 1998). Die Gründe für den Gruppenzusammenhalt sind in jeder Gruppe verschieden. Sogar bei Teams mit gleicher Aufgabe können der beziehungsorientierte Zusammenhalt und der aufgabenorientierte Zusammenhalt verschieden verteilt sein. Ein weiteres Bestimmungsmerkmal von Kohäsion ist ihre Zweckorientierung. Jede Gruppe formt sich zu einem gewissen Maße aus zweckorientierten Gründen. Sportgruppen, Arbeitsgruppen und sogar reine soziale Gruppen formen sich aus bestimmten Gründen, (z.B. um andere Menschen kennen zu lernen oder Anschluss zu finden). Schließlich hat Kohäsion auch eine affektive und zeitliche Dimension. Soziale Beziehungen innerhalb einer Gruppe sind entweder von Anfang an da, oder sie entwickeln sich im Laufe der Zeit. Sogar in besonders zweckorientierten Gruppen, z.B. Arbeitsgruppen, entwickeln sich soziale Beziehungen durch ständige Kommunikation und soziale Interaktionen.

 

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3 Methodik

Beide Fragebogen wurden Probanden aus den entsprechenden Zielgruppen vorgelegt. Vornehmlich stammten die Probanden, die den KFW erhielten, aus den Branchen Versicherung, Bank und Automobilindustrie. Die Sportler und Sportlerinnen, die den KFS ausfüllten, stammten aus der Sportart Volleyball. Die Teilnahme an der Untersuchung war freiwillig und erfolgte anonym. Jeder Fragebogen wurde nach einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von knapp zehn Minuten eingesammelt.

 

Durchführung, Ergebnisse im Einzelnen und weitere Informationen können dem kompletten Text (Download hier) entnommen werden.

 

4 DISKUSSION

Das herausragende Ergebnis ist die in der Gruppe Wirtschaft mit steigender Kompetenzebene wachsende Diskrepanz zwischen hoher aufgabenorientierter Integration des Individuums und zugleich niedriger beziehungsorientierter Integration des Individuums. Mit der Kompetenzebene fällt in der Gruppe Wirtschaft ebenfalls die eingeschätzte Kohäsion der Gesamtgruppe auf Aufgabenebene. Dem steht in der Gruppe Sport ein durchgängiger, fast immer signifikanter Anstieg in allen der untersuchten Arten von Kohäsion in Richtung höherer Kompetenzebenen gegenüber. Im folgenden wird daher auf einen möglichen grundsätzlichen Unterschied in der Struktur von Sportmannschaften und Arbeitsgruppen in der Wirtschaft Rückgriff genommen, um denkbare Gründe für die Ergebnisse zu finden.

Sowohl in der Gruppe Sport als auch in der Gruppe Wirtschaft findet sich ein Anstieg der aufgabenorientierten Integration des Individuums. Je nachdem, ob es sich um eher hierarchisch oder eher gleichberechtigt organisierte Gruppen handelt, kommen unterschiedliche Gründe für einen derartigen Anstieg in Betracht. Bei eher hierarchisch organisierten Gruppen (wie sie eher in der Wirtschaft als im Mannschaftssport zu finden sein werden), werden mit steigender Kompetenzebene die Möglichkeiten des Individuums wachsen, seine aufgabenbezogenen Interessen gegenüber seinen Arbeitskollegen und Mitarbeitern mit unterschiedlichen Machtmitteln durchzusetzen. Dagegen wird in eher gleichberechtigten Gruppen (wie etwa bei Mannschaften der Sportspiele) eher die Fähigkeiten wachsen, sich mit dem Mitspieler so abzustimmen, dass aufgabenbezogene Ziele gemeinsam erarbeitet werden. In beiden Fällen kann daraus die Wahrnehmung resultieren, den gestellten Aufgaben stets gerecht zu werden bzw. aufgabenbezogen gut in die Gruppe eingebunden zu sein: In der einen Gruppe, weil es keinen Widerspruch gibt, in der anderen, weil tatsächlich alle ihre Interessen und aufgabenbezogenen Handlungen aufeinander abstimmen.

Diesen beiden unterschiedlichen Wegen zur Wahrnehmung guter aufgabenbezogener Anbindung des Individuums an die Gruppe entspricht ein unterschiedlicher (tatsächlicher oder wahrgenommener) Grad der Anbindung des Individuums auf Beziehungsebene: Derjenige, der sich am besten durchsetzen kann, ist nicht unbedingt der Beliebteste; in Gruppen dagegen, in denen gleichberechtigte Zusammenarbeit gut funktioniert, sollte auch ein günstiges Klima auf sozialer Ebene folgen. Diese Überlegungen stellen eine Möglichkeit dar, das Absinken der Anbindung des Individuums an die Gruppe bei den Managern hinsichtlich sozialer Aspekte zu erklären.

Die Unterschiede der beiden Gruppen Wirtschaft und Sport hinsichtlich des eingeschätzten aufgabenbezogenen Gesamtgruppenzusammenhalts sind ein Hinweis darauf, dass auch andere Interpretationsmöglichkeiten in Betracht kommen. So könnte eine schlechte soziale Anbindung (beziehungsorientierte Integration des Individuums) der Manager höherer Ebenen auch aus Maßnahmen resultieren, die sie gegen die von ihnen wahrgenommene schlechte aufgabenbezogene Zusammenarbeit in der Gruppe treffen.

 

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5 Fazit und Ausblick

Trotz der angesprochenen Schwierigkeiten und Einschränkungen (u.a. Validität) kann der theoretisch fundierte Kohäsionsfragebogen Sport bzw. Wirtschaft als zufriedenstellendes und praktikables Testverfahren zur Messung des Gruppenzusammenhalts bei Mitgliedern von Sportteams und bei Arbeitsgruppen in der Wirtschaft eingestuft werden. Die berichtete Querschnittstudie zu Unterschieden zwischen verschiedenen Kompetenzebenen im Sport und Wirtschaft zeigt, dass KFS und KFW wichtige Instrumente für die Ermittlung von Defiziten in Gruppenstrukturen darstellen. Zur Absicherung und weiteren Aufklärung der Ergebnisse der genannten Studie sind jedoch weitere Untersuchungen angezeigt. Hierbei sind auch eine Reihe von bislang noch nicht thematisierten Einflussfaktoren (u.a. subjektives momentanes Leistungsniveau relativ zum für die Gruppe erreichbaren Leistungsniveau, subjektiver Erfolg, tatsächlicher Erfolg; vgl. hierzu Schäfers/Meding, 1987; Meding, 1988 sowie Murphy, 1996) systematisch zu berücksichtigen.

Auf der Grundlage der in diesem Beitrag dargestellten Ergebnisse können weitere Untersuchungen geplant und durchgeführt werden. Hierbei sind vor allem zwei Fragen von Belang. Zunächst ist zu klären, welche (unter Umständen je nach Gruppe unterschiedlichen) Auswirkungen die gefundenen Unterschiede in der Gruppe der Sportler und in der Gruppe der Manager haben können (insbesondere auf die Gruppenleistung). Erste Hinweise dazu finden sich - allerdings beschränkt auf die Gruppe Sport - bei Schäfers und Meding (1987). Auf welche Weise der Einbruch in der Gruppe der Spitzenmanager gegenüber den niedrigeren Kompetenzebenen bezüglich der sozialen Anbindung an die Gruppe zu erklären ist, ist ebenfalls in weiteren Untersuchungen zu ermitteln. Dabei ist auch von Bedeutung, ob eventuell Persönlichkeitsunterschiede zwischen Sportlern und Mitgliedern von Arbeitsgruppen in der Wirtschaft zu Grunde liegen. Ebenso bietet sich neben einem detaillierteren Strukturvergleich der beiden Systeme an, das Selbstbild oder den Führungsstil von Managern zu erfassen und mit den Ausprägungen bei Trainern unterschiedlicher Leistungsebenen zu vergleichen.

Je nachdem, wie die Antwort auf die genannten Fragen ausfällt, werden unterschiedliche, eher lang- als kurzfristig orientierte Interventionsmaßnahmen zu konzipieren und zu evaluieren sein. Ergibt es sich, dass für den Bereich der Wirtschaft eine hohe Kohäsion in allen Aspekten von Vorteil ist, bestünde die Möglichkeit, Spitzenmanager in gemeinsamen Sitzungen mit Spitzensportlern gruppendynamisch trainieren zu lassen. Um einen Kohäsionstransfer vom Sport in die Wirtschaft zu erzielen, wäre auch an andere mannschaftssporttypische Interventionsmaßnahmen zu denken, die über das klassische Outdoor-Training für Manager hinausgehen. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die interessante Frage weiter verfolgen, ob Kohäsion zum Erfolg oder ob Erfolg nicht doch eher zu einer hohen Kohäsion führt.

Wirkt eine hierarchische Gruppenstruktur dagegen direkt auf die soziale Anbindung der Spitzenmanager an die Gruppe, wäre durch Interventionen primär auf diese Struktur einzuwirken. Kommt die niedrige soziale Integration dagegen über eine als zu gering wahrgenommene gruppenbezogene aufgabenorientierte Kohäsion und durch entsprechende Gegenmaßnahmen der Manager zustande, liegt hier der Angriffspunkt zu planender Interventionen. 

 

Anmerkung

Die Fragebögen KFS und KFW sind bei dem Erstautor erhältlich.

 

hier: Download des gesamten Textes

  

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