Volleyball & Kleine Spie

Zuspiel

Anforderungsprofil und Training einer Zuspielerin im Volleyball

Autorin: Katrin Meiershofer
 
Einführung

Im Sportspiel Volleyball nimmt die Zuspielerin die Schlüsselposition innerhalb der Mannschaft ein. Sie ist an jeder Aktion beteiligt, trägt die Hauptverantwortung für einen erfolgreichen Spielaufbau und ist wie keine andere Spielerin Spezialistin für höchste Präzision und Variation. Die Anforderungen an die Zuspielerin sind im modernen Volleyball sehr hoch. Eine einwandfreie technische Ausführung des oberen Zuspiels reicht schon lange nicht mehr aus. Zuspielen, Blocken, Täuschen, Denken, Lenken – die Zuspielerinnen müssen komplette Spielerinnen sein (vgl. Klöckner in: DVZ 5/1997, 32).

Sie sind Führungspersönlichkeiten, mental stark, effizient in der Bewegungsausführung (vgl. Meier in: Volleyballtraining 6/1995, 91), spielentscheidend, ruhig, intelligent, diszipliniert, kreativ, erfolgsorientiert, psychisch stabil (vgl. Papageorgiou/Spitzley 2000, 114/116), usw. – diese Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen.

Umso mehr verwundert es, dass sich weder in einschlägigen Lehrbüchern noch in Zeitschriften Aufsätze zur Ausbildung und zum Training der Zuspielerin finden.

Bild: fivb

 

Die wenigen Untersuchungen und Beiträge beschäftigen sich oft nur sehr allgemein und oberflächlich mit der Thematik oder begrenzen sich auf einen Teilaspekt der unterschiedlichen Anforderungen an die Zuspielposition. So sind beispielsweise Technikbeschreibungen sehr zahlreich vorhanden, jedoch teilweise überholt und auch falsch.

Es herrscht Einigkeit darüber, dass die Zuspielerin die wichtigste Spielerin auf dem Feld ist, „der entscheidende Faktor in der Rechnung über Sieg und Niederlage“ (Eichinger/Gasse/Niemczyk/Ziegler 1989, 5). Doch warum gibt es immer weniger gute Zuspielerinnen? Der ehemalige deutsche Frauen-Bundestrainer Siegfried Köhler beispielsweise, kann sich an eine Zeit ohne Zuspielproblem kaum erinnern (vgl. Klöckner in: DVZ 5/1997, 30). In den Vereinen führen meist die älteren Spielerinnen Regie. Das spricht „nicht unbedingt für den deutschen Nachwuchs. Und genau das ist das Problem.“ (Klöckner in: DVZ 5/1997, 30).

Die Ursache für die schlechte Situation in Deutschland ist aber wohl kaum bei den Spielerinnen selbst zu suchen, sondern bei den Vereinen und einigen Trainern. In der Literatur findet sich kein klares und einheitliches Ausbildungskonzept. Köhler glaubt außerdem, „dass viele Trainer das Zuspieltraining unterschätzen und nicht genug Wert darauf legen.“ (Klöckner in DVZ 5/1997, 32). Die Ausbildung der Zuspielerin kann nur über einen längerfristigen, häufig individualisierten Lernprozess erfolgen und verlangt vom Trainer viel Zeit, Geduld und Beharrlichkeit. Von der Spielerin erfordert es ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft, um schließlich „Hirn und Seele des Angriffs“, „Diener der Mannschaft“, „verlängerter Arm des Trainers“, „Führungspersönlichkeit“, „Spielintelligenz“, „Organisator und Umsetzer der Angriffsstrategie“ zu werden. Denn Zuspielerin kann man sein und werden.

Ziel dieser Arbeit ist es, ein ausführliches Anforderungsprofil der Zuspielerin zu erstellen, das als Richtlinie und Leitfaden für Trainer und Spielerinnen dienen soll. Zunächst werden die äußeren Rahmenbedingungen abgesteckt, die durch das Regelwerk, die Mannschaftstaktik und die Frage nach den somatischen Voraussetzungen vorgegeben werden. Im Folgenden werden die leistungsbestimmenden Faktoren Psyche, Technik, Kondition, Koordination und Individualtaktik untersucht und erläutert. Im letzten Teil der Arbeit werden ein Überblick über den langfristigen Leistungsaufbau, spezielle Konditionsübungen und schließlich ein Übungskatalog für das individuelle Training der Zuspielerin und das Mannschaftstraining erstellt.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit sich ausschließlich mit dem Anforderungsprofil einer Zuspielerin beschäftigt. Denn das Frauenvolleyball unterscheidet sich vom Powervolleyball der Männer vor allem hinsichtlich der größeren Variabilität im Angriffsaufbau und der fehlenden athletischen Komponente bezüglich Sprung- und Schlagkraft. Die Festlegung auf ein Geschlecht ist daher unbedingt notwendig. Die Ausdrücke „Zuspieler“ und „Zuspielerin“ werden in der Arbeit dennoch gleichbedeutend verwendet, da in der zitierten Literatur meist kein Unterschied in den Geschlechtern getroffen wird.

Zielgruppe dieser Arbeit ist der mittlere bis obere Leistungsbereich, wobei eine Mannschaft, die drei- bis viermal bis zu acht Stunden pro Woche trainiert, dem mittleren Leistungsbereich und eine Mannschaft, die mehr als fünfmal und mehr als zehn Stunden pro Woche trainiert, dem oberen Leistungsbereich zuzuordnen ist.  

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Inhalt

1 Einführung

2 Äußere Rahmenbedingungen
2.1 Regelwerk
2.2 Mannschaftstaktik
2.2.1 Die Spielstrategie
2.2.2 Spielsysteme
2.3 Somatische Voraussetzungen

3 Die Spielfähigkeit im Volleyball

4 Psychische Anforderungen
4.1 Voraussetzungen der Spielerin
4.1.1 Disziplin
4.1.2 Selbstbewusstsein
4.1.3 Leistungswille
4.1.4 Mentale Stärke
4.1.5 Spielintelligenz
4.1.6 Führungsspielerin
4.2 Die Rolle des Trainers
4.3 Möglichkeiten des psychologischen Trainings
4.3.1 Psychologische Trainingsformen
4.3.2 Methodische Grundsätze und Prinzipien

5 Technische Anforderungen
5.1 Begriffsbestimmung und allgemeine Grundlagen
5.2 Die spezielle Zuspieltechnik – das obere Zuspiel
5.2.1 Die Grundstruktur des oberen Zuspiels
5.2.2 Bewegungsmerkmale
5.2.3 Variationen des oberen Zuspiels
5.2.4 Zuspielkategorien
5.2.5 Angriffskombinationen
5.2.6 Zusammenfassung
5.2.7 Hinweise zum Techniktraining
5.3 Weitere relevante Grundtechniken für die Zuspielerin
5.3.1 Der Aufschlag
5.3.2 Der Block
5.3.3 Die Abwehr
5.3.4 Die Sicherung
5.3.5 Die Angriffshandlungen der Zuspielerin
5.3.6 Folgerungen für die Lehr- und Übungspraxis

6 Sportmotorische Fähigkeiten
6.1 Begriffsbestimmung
6.2 Konditionelle Fähigkeiten
6.2.1 Bedeutung im Volleyball
6.2.2 Belastungsstruktur der Zuspielerin
6.2.2.1 Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit
6.2.2.2 Schnelligkeit
6.2.3 Folgerungen für die Lehr- und Übungspraxis
6.3 Koordinative Fähigkeiten
6.3.1 Begriffsbestimmung
6.3.2 Bedeutung der koordinativen Fähigkeiten für die Zuspielerin
6.3.2.1 Die Rolle der Analysatoren
6.3.2.2 Rhythmisierungsfähigkeit
6.3.2.3 Orientierungs- und Kopplungsfähigkeit
6.3.2.4 Reaktions- und Anpassungs- bzw. Umstellungsfähigkeit
6.3.2.5 Differenzierungsfähigkeit und Ballgefühl
6.3.2.6 Gleichgewichtsfähigkeit
6.3.3 Folgerungen für die Lehr- und Übungspraxis

7 Individualtaktik
7.1 Bedeutung für die Zuspielerin
7.2 Phasen der taktischen Handlung
7.2.1 Überlegungen vor der Aktion
7.2.2 Wahrnehmung und Analyse der Spielsituation
7.2.2.1 Begriffsbestimmung und Einordnung in die kognitiven Prozesse
7.2.2.2 Bedeutung der Analysatoren für die Wahrnehmung
7.2.2.3 Arten der visuellen Wahrnehmung
7.2.2.4 Sehtechniken
7.2.2.5 Bedeutung der Antizipation
7.2.2.6 Aufmerksamkeit, Wissen und Gedächtnis
7.2.3 Gedankliche Lösung der taktischen Aufgabe
7.2.3.1 Ziel und Anforderungen
7.2.3.2 Einflussfaktoren auf den Entscheidungsprozess
7.2.3.3 Die Finte als taktische Handlung der Zuspielerin
7.2.4 Motorische Lösung der taktischen Aufgabe
7.2.5 Beurteilung der gewählten Entscheidung
7.2.6 Zusammenfassung
7.3 Folgerungen für die Lehr- und Übungspraxis

8 Das Training der Zuspielerin
8.1 Überblick über den langfristigen Leistungsaufbau
8.2 Ein spezielles Konditionstraining
8.2.1 Schnelligkeit und Beinarbeit
8.2.2 Ausdauerschulung
8.2.3 Krafttraining
8.3 Übungen mit Ball
8.3.1 Übungen zum Einspielen
8.3.2 Individuelles Training einer Zuspielerin
8.3.3 Übungen im Mannschaftstraining
8.3.4 Zusammenfassung

9 Zusammenfassung und Ausblick

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