Annahmeriegel

Michael Warm & Andreas Meusel

 
Zielsetzung Kommunikation und Organisation Tipps

Annahmeriegel

5er 4er 3er 2er

„Unser Annahmeriegel hat dem Druck der Aufschläge noch nicht wieder standgehalten“, hörte man Stelian Moculescu nach einigen Vorbereitungsspielen die letzten Tage in Italien klagen. Dass seine Spieler am Beginn einer Saison noch nicht die technische Stabilität besitzen, die man sich im Laufe eines harten Wettkampfjahres erarbeitet, scheint normal zu sein. Dennoch sind nicht nur die technischen Elemente ein Knackpunkt, der verantwortlich sein kann für Annahmeprobleme von Mannschaften. Eine gute Annahme hängt nämlich nicht nur von der individuellen technischen Fertigkeit einzelner Spieler ab, sondern umfasst viele weitere Aspekte.

Einer davon ist auch die Formation eines Annahmeriegels.

  • Wie viele Spieler stehen im Annahmeriegel?

  • Wer bestimmt die Koordination zwischen den Spielern?

  • Welche Spieler stehen im Annahmeriegel?

  • Wie funktioniert die Kommunikation?

  • Wie kann ein Annahmeriegel verschoben werden?

  • Welche Möglichkeiten habe ich, mir aus unterschiedlichen Annahmeriegeln Vorteile zu sichern?

Mit all diesen Fragen sollte sich ein Trainer beschäftigen, bevor er eine Mannschaft in den Wettkampf schickt. Einige Lösungen auf die Fragen stellen wir hier dar.

I. Die Zielsetzung

Bevor ich mich an die Arbeit mache, Fragen nach den Riegelformation etc. zu stellen, muss ich mir bewusst werden, welche Prioritäten in der Zielsetzung bestehen.

  1. Die Optimierung der tatsächlichen Annahmeleistung
    Fast jede Mannschaft ist in der Lage, aus einer guten Zuspielsituation heraus einen erfolgreichen Angriffsaufbau zu starten. Nur wenigen Teams gelingt dies auch bei einer schlechten Annahmeleistung. Daher sollte die Priorität immer auf diesem Ziel liegen!

  2. Erleichterungen für den Angriffsaufbau
    Ist davon auszugehen, dass die Annahmequalität von Veränderungen im Riegel unverändert bleibt, kann als nächstes der Angriff in den Mittelpunkt gestellt werden. Ich kann gute Laufwege für meinen Zuspieler organisieren oder gar einzelne Angreifer von Annahmeaufgaben befreien, damit sie sich auf den Angriff vorbereiten können.

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II. Kommunikation und Organisation

Zuerst ist wichtig, wer für die Koordination und Kommunikation innerhalb des Annahmeriegels verantwortlich ist. Oft bewährt sich, entweder den Libero oder aber den führenden Annahmespieler mit der Verantwortung zu betreuen. Er sollte in diesem Bereich die rechte Hand des Trainers sein. Dabei sollte er einerseits die Entscheidungen auf dem Feld selbständig treffen und durchsetzen, andererseits aber mit seinem Trainer oder auch Co-Trainer kooperieren, um mögliche Statistiken oder Beobachtungen mit einzubeziehen.

Er entscheidet,

  • mit welchem Riegel dem Aufschlagspieler zu begegnen ist
    (siehe auch Tipps: „Anzahl der Spieler - Annahmeriegel“)

  • wie sich der Annahmeriegel im Feld postiert bzw. auch verschiebt
    (siehe auch Tipps: „Variationen im Riegel“)

  • welche Spieler sich in den Annahmeriegel stellen
    (siehe auch Tipps: „Prioritäten im Riegel“)

Steht der Riegel erst einmal, hängt viel von der Kommunikation zwischen den Spielern ab. Je weniger Spieler im Riegel stehen, desto einfacher, umgekehrt umso mehr Spieler annehmen, umso schwieriger gestaltet sich die Kommunikation. Ein paar Tipps können helfen:

Absprachen vor dem Spiel:

  • Variante 1: Jeweils vor der Annahme die Annahmebereiche absprechen

  • Variante 2: Feste Regeln für alle Situationen aufstellen
    (z.B.: Alle Spieler nehmen den Ball auf ihrer linken Seite)

  • Variante 3: Feste Regeln in Bezug auf die Spieler aufstellen
    (z.B.: Hauptverantwortliche Annahmespieler nehmen die Bälle zwischen den Positionen an)

  • Variante 4: Feste Regeln für jede einzelne Rotation aufstellen

Direkte Kommunikation

  • Kommuniziere bei jeder Situation mit Deinem Annahmepartnern!
    Sobald Du die Situation richtig einschätzen kannst, teile Deine Einschätzung Deinen Annahmepartnern mit („Ich“, aber ruhig auch sehr frühzeitig „Deine Seite“, etc.)

  • Je früher Du eine Entscheidung triffst, desto mehr Zeit hast Du, sie auch gut umzusetzen. Daher zögere nicht, sondern entscheide und agiere!

III. Tipps

Variationen im Riegel

  • Der Riegel kann leicht verschoben werden, je nachdem von welcher Seite der Aufschlagspieler serviert.

  • Gegen harte Sprungaufschläge sollte der Riegel weiter nach hinten verschoben werden.

  • Gegen Float- und Sprungfloataufschläge sollte der Riegel deutlich nach vorne verschoben werden, um auf eine Annahme im Oberen Zuspiel vorzubereiten.

  • Sind die Annahmespieler unterschiedlich sicher und erfolgreich, sollte ein besserer Spieler auch einen größeren Annahmebereich verantworten.

  • Haben Spieler bevorzugte Annahmeseiten, kann der Riegel auch dahingehend angepasst werden, dass dieser Spieler auf seiner besseren Seite einen größeren Bereich verantwortet und umgekehrt.

  • Bevorzugt ein Aufschlagspieler eine bestimmte Feldseite, so kann der Riegel in diesem Bereich verdichtet (enger stehen) und auf der anderen Seite etwas geöffnet werden.

  • Dasselbe Prinzip kann angewandt werden, wenn ein Spieler Unsicherheiten in der Annahme zeigt. Hier sollten sich ebenso (möglicherweise nur für einige Situationen) die Verantwortungsbereiche verändern.

  • Hat der gegnerische Aufschlagspieler ein oder gar mehrere Asse geschlagen, so kann es nützlich sein, den Riegel zu verschieben, damit sich neue Ziele ergeben und der Aufschlagspieler „zum Nachdenken“ angeregt wird.

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Prioritäten im Riegel

Welche Spieler im Annahmeriegel stehen, hängt in allererster Priorität von der Annahmefähigkeit ab! Die besten Annahmespieler sollten stets im Riegel stehen!

Nur wenn mehrere Spieler gleich gut sind, können weitere Entscheidungen die Wahl der Annahmespieler beeinflussen:

  • Der Schnellangreifer sollte möglichst nicht in den Annahmeriegel eingebunden werden

  • Kommen Spieler mit der Doppelbelastung (Annahme und Angriff) nicht zurecht, so können weitere Angreifer aus dem Riegel herausgenommen werden, um sich frühzeitig auf den Angriff vorzubereiten.

  • Dies kann oft ein Hinterfeldangreifer sein.

  • Auch ein Vorderspieler kann aus dem Riegel herausgenommen werden

Die Anzahl der annehmenden Spieler

Man kann in jeder Situation zwischen einem und 6 Spielern in den Annahmeriegel stellen. Üblicherweise werden Riegel mit 2,3,4 oder auch 5 Spielern praktiziert.

Unterschiedliche Aspekte sprechen für die jeweiligen Annahmeriegel:

 

IV. Annahmeriegel

1. 5er-Riegel

"W-"Aufstellung "flache" Aufstellung
5er-Riegel "W" 5er-Riegel "flach"
Anwendung Vorteile Nachteile
  • Die Aufschlagqualität übersteigt die Annahmequalität deutlich.

  • Die Annahmespieler verfügen über ähnlich gute Qualitäten.

  • Die Zeit zum Agieren ist eingeschränkt, etwa bei sehr harten Sprungaufschlägen und Annahmespielern, die das Tempo noch nicht gewohnt sind.

  • Oft angewendet beim Übergang vom 4 – 4 zum 6 – 6

  • Gute Feldabdeckung

  • Der Annahmeradius der Spieler ist nicht sehr groß, daher kleine Verantwortungsbereiche

  • Kurze Lauf- und Aktionswege

  • Seitenläufer vorne möglich

  • Viele Überschneidungsbereiche, daher ist ein sehr gute Kommunikation ist notwendig

  • Alle Angreifer sind in die Annahme eingebunden

  • Bei Schwächen eines Annahmespielers sind kaum Variationen möglich

  • Schnellangriff sowie Rückraumangriff sind erschwert

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2. 4er-Riegel

"tiefe" Aufstellung "flache" Aufstellung
4er-Riegel "tief" 4er-Riegel "flach"
Anwendung Vorteile Nachteile
  • Die Aufschlagqualität übersteigt die Annahmequalität

  • Zumindest 4 Spieler verfügen über ausreichende Annahmequalitäten

  • Oft angewendet bei der Einführung des Schnellangriffs

  • Oft angewendet beim Übergang zum „Läufersystem von hinten“

  • Die Feldabdeckung ist immer noch groß

  • Ein schwacher Annahmespieler kann aus dem Riegel genommen werden

  • Der Schnellangreifer kann aus der Annahme genommen werden

  • Der Zuspieler kann als Läufer (aus dem Hinterfeld) außerhalb des Annahmebereichs starten

  • Die Verantwortungsbereiche überschneiden sich teils, die Kommunikation ist daher schwierig

  • Wenig Variationsmöglichkeiten, bei Formschwankungen eines Annahmespieler bzw. bei einer erfolgreichen „Aufschlagsserie“

  • Mindestens ein Vorderspieler ist im Riegel eingebunden

  • 4 Spieler sind durch den Riegel gebunden: Schnellangreifer und Rückraumangreifer können nicht gleichzeitig aus der Annahme genommen werden

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3. 3er-Riegel
3er-Riegel "2-1/2er"-Riegel
3er-Riegel 2 1/2er-Riegel
Anwendung Vorteile Nachteile
  • 3 Annahmespezialisten verfügen über die Fähigkeit, die zu erwartenden Aufschläge gut anzunehmen.

  • Eine oft zu sehende Spezialisierung ergibt den Einsatz des Liberos sowie von 2 Annahmespielern, die Außenangreifer sind.

  • Ein umfassender Angriffsaufbau von allen Positionen ist inszenierbar

  • Dieser Riegel dominiert derzeit im Männervolleyball (auch Nachwuchs!)

  • 3 Annahmespezialisten können die Annahme übernehmen

  • Ein annahmestarker Libero kann einen großen Wirkungsbereich übernehmen

  • Bei Formschwankungen kann der Riegel leicht verändert werden

  • Schnell- und Rückraumangreifer können aus der Annahme genommen werden

  • „Große Lücken“ zwischen den Annahmespielern entstehen

  • Schnelle Beinarbeit vorwärts/rückwärts ist erforderlich, da lange „Korridore“ abgedeckt werden müssen

  • Bei sehr harten und  platzierten Aufschlägen ist neben einer guten Beinarbeit auch eine sehr schnelle Annahmetechnik (Spielbrett) notwendig

  • Verwendet man Annahmespezialisten, so steht stets ein Vorderspieler im Annahmeriegel

 

4. 2er-Riegel

Anwendung Vorteile Nachteile
  • Die Aufschlagqualität kann durch den Einsatz von 2 Annahmespielern entsprechend gut beantwortet werden

  • Vorwiegend bei lange fliegenden Aufschlägen (Distanz-Float)

  • Bei sehr inhomogener Annahmeleistung der einzelnen Spieler
    (2 Spieler sind deutlich besser, als die anderen)

  • 2 Spezialisten lassen eine noch höhere Annahmequalität erwarten

  • Neben dem Zuspieler können sich 3 Spieler bereits frühzeitig auf den Angriff vorbereiten

  • Die Kommunikation und Abstimmung zwischen 2 Spielern ist vereinfacht

  • Werden die Aufschläge druckvoller, kann das Feld nicht mehr komplett verteidigt werden.

  • Bei Formschwankungen eines Spezialisten besteht zumeist kein adäquater Ersatz

  • Die Belastung (physisch und psychisch) für die Annahmespieler ist sehr hoch

 

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