Volleyball im Sand = Beachvolleyball ?

- Überlegungen zur Gestaltung einer Unterrichtsreihe in der Orientierungsstufe (Klasse 5/6) -

 Christian Zeyfang

Bedingungen

Struktur der Einheit

Beispielstunde

Autor

 

5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen

Bilder: Beachanlage TSV Bleidenstadt

5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen

Als ich Anfang des Jahres die Sportanlagen meiner neuen Schule begutachtete war ich sehr erfreut, darunter auch eine Sprunggrube zu finden. Diese war selbst gebaut worden und hatte – wie zufällig – die Größe eines Beachvolleyballfeldes (außer, die nächste Regeländerung verändert die Feldmaße in 12x12 Meter...). Und zu meiner Überraschung fand ich dort auch zwei fest installierte Volleyballständer; somit konnte ich dieses Feld auch zum Volleyballspielen über das Netz nutzen.

Ich schreibe ganz bewusst auch, denn zuerst ging es mir um die Gestaltung einer Unterrichtsreihe mit Sechstklässlern und dabei möchte ich mich nicht ausschließlich auf das Ziel Volleyball als Wettkampfsport festlegen (darüber herrscht inzwischen auch unter den Nachwuchstrainern wie in der Literatur nahezu Einigkeit). Somit versuchte ich mich, gedanklich noch fest dem Spitzensport nahe, an einer Einheit „volley den Ball im Sand spielen“. Dabei war ich mir im Klaren, dass die Schüler in der Schule bisher noch keine Erfahrungen mit Volleyball – egal ob drinnen oder draußen – gesammelt hatten.  Es gab also nur einige wenige, die durch Spielen mit Eltern oder Geschwistern schon eine kleine Idee vom  „volley den Ball spielen“ hatten, jedoch keine Vereinsspieler.

Zuerst sammelte ich Möglichkeiten und Bedingungen:

Anzahl der Schüler:

26

Anzahl der (spielbaren) Volleybälle:

8 & 4 aus Privatbesitz, also immerhin 12

Anzahl der Beachvolleyballfelder

1, Größe ca. 24x12 m

Anzahl der Unterrichtsstunden:

3, unterteilt in einmal eine Stunde (= ca. 35 Min.), sowie eine Doppelstunde (=80min.)

Anzahl der Wochen, die ich dafür einplanen kann:

max. 3 (d.h. im Grunde mindestens vier, aber in den Sommermonaten fällt der Unterricht aufgrund Wandertage, Konferenzen, Klassenfahrten u.ä. doch recht regelmäßig aus. Zudem werde ich bei Regen nicht in den Sand gehen können).

Die Struktur der Einheit hatte somit folgendes Aussehen:

1. Stunde: Bewegungserfahrungen im Sand – Laufen, Springen, Fallen

2./3. Stunde: Koordinative Aspekte des Ballspielens auf neuem Untergrund: Gleichgewichts-, Reaktionsschulung

4. Stunde: Einführung in die  volleyballspezifische Grundtechnik des Oberen Zuspiels im Sand

5./6. Stunde: Wiederholung und Festigung der Grundtechnik Oberes Zuspiel, Einführung in die volleyballspezifische Grundtechnik des Oberen Zuspiels, Erfahrung mit  ersten volleyballähnlichen Spielformen

7. Stunde: Spielen lernen – Grundideen des taktischen Verhaltens im Volleyballspiel 1:1 und 2:2

8./9. Stunde: Volleyball spielen - Verschiedene Spielformen bis hin zum Zielspiel Beachvolleyball 2:2

 

 

Ich beginne damit, dass die Schüler Erfahrungen im Sand ohne und mit Ball sammeln. Der Untergrund ist zwar nicht neu, für die meisten Schüler ist jedoch Sport treiben  im Sand ungewohnt. Sowohl verschieden Bewegungsformen und Spiele als auch die Verbindung der Bewegung im Sand mit koordinativen Aspekten des Ballfangens, -werfens, jonglierens; mit Hand,  Fuß, Kopf usw.

Darauf baue ich auf, wenn die Schüler im zweiten Teil der Einheit die elementaren Spieltechniken Kennen lernen und Üben. Das Üben ist mir dabei sehr wichtig – „ohne Schweiß kein Brot“ – auch und gerade im Sport besteht die Möglichkeit, dies den Schülern deutlich zu machen.

5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen
Bilder: Beachanlage TSV Bleidenstadt

Gerade Volleyball ist dazu eine sehr lernintensive Sportart.

Hinführen möchte ich die Schüler zu einfache Spielformen, wobei auch das „Spielen“ gelernt werden muss. Dies soll die Einheit dann abschließen und eventuell Reize für ein Beschäftigen mit diesem Sport auch in der Freizeit setzen. Genauer vorstellen möchte ich nun die Doppelstunde 5. /6.

Da den Schülern meine Tätigkeit außerhalb der Schule als Spitzentrainer im Volleyball bekannt ist, werde ich die diese Unterrichtseinheit auch als „Trainer“ durchführen. Damit möchte ich den Schülern neben den volleyballspezifische Erfahrungen auch andere Aspekte des Sports – eben das Training im Spitzensport – erfahrbar machen; in der vorhandenen Konstellation ist mir dies gut möglich.

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Beispielstunde: Doppelstunde 5. /6
 

Erwärmung / Einspielen / WH: Oberes Zuspiel

Übungs- Spielformen

Anmerkungen

3 Schüler /1 Ball, parallel zum Netz:

Bälle zuwerfen und fangen mit/im Laufen, verschiedene Variationen:

  • Ball über Kopf werfen,

  • Ball seitlich mit beiden Händen werfen,

  • Ball seitlich jeweils mit links und rechts werfen,

  • Ball ungenau werfen und als Kopfball annehmen,

  • Ball ungenau werfen und im Oberen Zuspiel sich den Ball selbst zuspielen.

  • Ball im Oberen Zuspiel zum Partner spielen,

  • Ball im Oberen Zuspiel in der Dreiergruppe hin und her spielen.

Die Aktivierung und Erwärmung soll ballgebunden sein, so dass die Schüler so viel Zeit wie möglich mit Ballkontakten verbringen.

 

Ich versuche von den Schülern Bewegung im Sand in Verbindung mit der Beobachtung des Ballfluges und koordinativen Variationen des Ballwurfes zu verlangen.

 

Diese Übung leitet den Aspekt Wiederholung Oberes Zuspiel ein. Durch die Annahme mit dem Kopf ist eine Position des Körpers vorausgesetzt, die auch beim Oberen Zuspiel notwendig ist.

 

Diese Übung wird sicher nur von den bewegungsbegabteren Schülern beherrscht werden. Trotzdem möchte ich sie als Ziel innerhalb des ersten Übungsbereiches mit einbauen.

Die Dehn- und Kräftigungsphase wird von den Schülern eigenständig durchgeführt, zwei Schüler leiten an und ich achte auf die korrekte Bewegungsdurchführung.

 

Im Rahmen des Sportunterrichtes ist dieser Bereich so vorbereitet, dass die Schüler das Dehnen und Kräftigen eigenständig durchführen können. Zu jeder Sportart bzw. Bewegungsschwerpunkt werden von mir neue, dafür speziell geeignete Übungen hinzu gefügt.

Sprungformen im Sand:

  • „Umsteigespringen“:

  • einbeinige Sprünge von links nach rechts mit Haltezeit (Balance) von ca. 3s;

  • „Hüpfer“:

  • beidbeinige Sprünge nach vorwärts - oben, auf Körperspannung achten;

  • „Weitsprung“:

  • einbeinige Sprünge aus dem Stand mit dem Ziel, so weit wie möglich zu springen und dabei im stand zu landen;

  • „Weitsprung 2“:

  • wie oben, dabei soll sich dem Sprung eine Art Hechtbagger anschließen.

Dies dient der Gewöhnung an den Sand, der Kräftigung und Aktivierung vor allem der unteren Extremitäten und Koordination des Rumpfbereiches.

 

Die Schüler sollen verschieden Sprungformen ausprobieren, um sie im Laufe der Einheit auch einsetzen zu können. Dabei gilt dies in dieser Altersstufe noch mehr für Abwehraktionen als für Angriff- oder Blockhandlungen am Netz.

 

Der „Hechtbagger“ dient vor allem der Gewöhnung von Sand am ganzen Körper, die Technik wird nicht exakt geschult.

 

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Reflexion des ersten Stundenabschnittes:

 

5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen
Bilder: Beachanlage TSV Bleidenstadt
Schon bei den ersten Übungen zeigen sich die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler: Während einige, vorwiegend Jungen, sich den Ball mit Leichtigkeit in den verschiedensten Variationen zuwerfen, zeigen sich bei vielen Mädchen dabei schon Schwächen. Ich versuche durch binnendifferenzierte Anforderungen den Schwächeren ein längeres Üben zu ermöglichen, und zeitgleich den ballsicheren Schülern neue Herausforderungen zu stellen. Dabei akzeptiere ich, dass nicht alle Schüler alle Übungen beherrschen. Zudem nehme ich Einfluss auf die Gruppengestaltung, indem ich immer wieder die Gruppen verändere, so dass schwächere Schüler von den Fähigkeiten der Stärkeren profitieren können.

Dies wird von fast allen akzeptiert, ein wenig Gemurre überhöre ich.

Die Dehn- und Kräftigungsphase läuft unproblematisch, so dass ich mich dabei um die Ausführungsqualität einzelner Schüler kümmern kann.

Bei den Sprungübungen machen alle Schüler mit teils übertriebener Begeisterung und Bewegungsdrang mit. Selbst beim „Hechtbagger“ schmeißen sich die Schüler mutig in den Sand – außer einem Dreiergrüppchen Mädchen, die sich nur sehr vorsichtig in Richtung Boden bewegen ( „Herr Zeyfang, der Sand ist doch bestimmt noch nass!“).

Schwerpunkt 1: Unteres Zuspiel

  • Jonglage alleine:

Diese und die folgenden Übungen werden in Zweiergruppen durchgeführt, jede Gruppe übt mit einem Ball. Dabei kann die Aufstellung variieren: senkrecht oder parallel zum netz, oder auch quer durcheinander.

Ein Schüler wirft dem anderen den Ball ruhig zu, dieser nimmt im unteren Zuspiel den Ball an und versucht ihn mehrfach hintereinander hochzuspielen. Anschließend wird gewechselt.

  • Jonglage zu zweit:

Durchführung wie oben, nur dass der erste Schüler nach zwei (drei, vier...) Ballkontakten versucht, den Ball zu seinem Partner zu baggern, so dass dieser dann jonglieren kann.

  • Jonglage und Artistik:

Die Schüler sollen versuchen, den Ball zweimal hochzuspielen und dann zum Partner zu passen. Bevor der Ball wieder zurück kommt machen sie dann eine Rolle vorwärts (oder Rolle rückwärts, Hechtbagger u. ä.).

  • Zirkusreif!:

Derselbe Grundgedanke, nur dass der Ball jetzt direkt gespielt werden soll. Sollten einige Schüler dies gut beherrschen, können die Anforderungen durch ein Variieren der Aufstellung gesteigert werden: Diagonales zuspielen in Vierergruppen, so dass der Ball sich in der Mitte kreuzt, paralleles Zuspielen synchron usw.

Bei den vorhandenen Möglichkeiten ist die vorgeschlagene Aufteilung sinnvoll, um möglichst viele Ballkontakte zu bekommen. Und nur dann können die Schüler ausreichend Erfahrung sammeln um eventuell eine Spielform mit Erfolg durchzuführen. Die Übungsaufstellung wird bewusst variiert, um das perspektivische Sehen immanent mit zu üben.

 

Die vorgeschlagenen Übungen versuchen durch Abwechslung und verschiedene Anreize das Engagement der Schüler in der etwas trockeneren Lernphase aufrecht zu halten. Trotzdem ist diese Form von Übungen notwendig, um sich das Handwerk zu erarbeiten.

 

Dabei finden sich Elemente der ersten Übung in der unten dargestellten Spielform wieder (Ballkontrolle), die zweite Übung hat perspektivisch die zweite Spielform als Ziel.

 

Die Übungen können dabei einen Abschluss finden, indem die Schüler ihre „Jonglage“ vor den anderen Aufführen. Auch eigene Ideen und Variationen können und sollen darin einfließen, wobei dies sicher sehr abhängig ist vom Leitungsvermögen der Schüler.

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Reflexion des zweiten Stundenabschnittes:

 

Bei den Übungsformen zum Unteren Zuspiel zeigt sich die schon bekannte Problematik der Ballsicherheit: Die Schüler agieren mit unterschiedlichen Erfahrungen und daraus folgend auch mit unterschiedlichem Mut und Engagement. Ich kümmere etwas ausführlicher um die ballunsicheren Schülerinnen und merke gleichzeitig, dass einige Jungen zwar sehr aktiv, jedoch sehr ungenau die Übungen ausführen. Mein Hinweis, eine gründliche Ausführung im Hinblick auf das spätere Zielspiel sei sinnvoll, wird registriert („Es klappt doch schon so gut!“) – doch restlos überzeugen konnte ich die Schüler nicht, der Spieltrieb ist zu übermächtig. 5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen
Bilder: Beachanlage TSV Bleidenstadt

 

Die abschließend Übung „Zirkusreif“ wird in der Zielform auch nur von einer Vierergruppe erreicht, die anderen Gruppen fangen den Ball bei zu ungenauem Zuspiel auf. Die Schüler sind unzufrieden („Die Übung war zu schwer für uns!“) und nach einem allgemeinen Meinungsaustausch werden die Schwierigkeiten der Übung akzeptiert und ein weiterer Versuch in der nächsten Stunde angekündigt („Dann schaffen wir das bestimmt, wenn wir vorher noch mehr üben!“ höre ich zwei Jungs aus der „wilden“ Gruppe sagen).

Schwerpunkt 2: Spielform 1 gegen 1

  • 1:1 „Fast perfekt“

Das Feld ist längs geteilt, so dass mir 8 Felder mit 3m x 10m – 5m pro Seite -  zur Verfügung stehen. 16 Schüler können somit aktiv sein, 8 weitere werden als Schiedsrichter eingesetzt.

Dabei wird der Ball über das Netz eingeworfen, der 1. Ball muss gebaggert werden, der zweite Ball darf gefangen oder direkt zurück gespielt werden, der dritte Ball darf nach Anwurf auf die andere Seite gespielt werden; dort gelten dieselben Regeln.

  • 2:2, „Fast perfekt“:

Die Spielfeldgröße wird verdoppelt, auf 6m x 10m. Dies ist schnell und einfach zu organisieren. Zudem ist diese Spielfeldgröße gut mit zwei Schülern abzudecken.

Die Spielregeln sind identisch, nur dass in Zweierteams gespielt wird.

 

Der erste Ball, der über das Netz fliegt muss von Anfang mit einer Volleyballtechnik gespielt werden. Dadurch erreiche ich die entsprechende, volleyballspezifische Bewegung und daraus folgend Position im Sand.

 

Anschließend möchte ich das Spiel erleichtern, indem der Ball gefangen werden kann. Somit vermeide ich ein ständiges direktes über das Netz spielen. Außerdem entsteht damit auch das volleyballspezifische Denken, den Ball dreimal auf der eigenen Seite zu spielen.

 

Im abschließenden Spiel soll das „zu einem Partner spielen“ deutlich gemacht werden. Somit ist das Zielspiel schon fast erreicht. Außerdem spielt die soziale Komponente – alleine kann ich nichts erreichen – eine große Rolle.

Reflexion des dritten Stundenabschnittes:

5. Klasse: Ball über die Schnur mit Volleyballelementen
Bilder: Beachanlage TSV Bleidenstadt
Da die Schüler bis zu diesem Zeitpunkt sehr konzentriert mitgearbeitet haben, möchte ich ihnen im abschließenden spielerischen Teil ein wenig mehr Freiraum lassen. So kommt es, dass einige die Spielform „Fast Perfekt“ nach wenigen Minuten abändern in ein regelkonformes Volleyballspiel ohne Fangen. Ich lasse diese Gruppe ihre Erfahrungen sammeln und nutze dies in der abschließenden Besprechung um Vor- und Nachteile darzustellen: Diese werden von beiden Gruppen auch erkannt (weniger Spielfluss, häufige Unterbrechungen, ungenaueres Zuspiel).

 

Cooldown

Der Abschluss der Stunde bildet ein lockeres Auslaufen auf dem Rasen, bevor die Schüler, teilweise erfolgreich, teilweise weniger zufrieden, in den restlichen Schulalltag entlassen werden

 

 

 

Der Autor:

Christian Zeyfang, geb. 1967, Lehrer für Sport und Musik, Diplomtrainer Volleyball

Seit 1984 Trainer in allen Alters- und Leistungsbereichen und auf jedem Untergrund

z. Zt. Cotrainer der Frauennationalmannschaft Halle

Seit Anfang 2001 im Schuldienst 

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