Coaching während des Wettkampfs

von Marc Demmer

  

Allgemeine Grundsätze

Man sollte grundsätzlich noch einmal zwischen Training und Coaching im Leistungsvolleyball unterscheiden. So ist das Training, das systematische und leistungsorientierte Einwirken auf die individuellen Lern- und Leistungsbedingungen, sowie auf die vor allem sportbezogene Handlungsfähigkeit. Coaching wiederum ist das systematische und leistungsorientierte Einwirken unmittelbar vor, während und nach dem Wettkampf auf die individuellen Besonderheiten der Athletenpersönlichkeit im Rahmen einer Verhaltensmodifikation. So wird im Training geübt, trainiert und Fehler werden ausgemerzt, indem die richtige Handlungsausführung immer wiederholt wird. 

Im Wettkampfcoaching werden diese gelernten Handlungen situationsgerecht angewandt, motiviert und zu Zielen angestachelt. Die im Training erworbenen Fähigkeiten und bereitgestellten Programmvarianten werden im Wettkampf erfolgsbestimmend abgerufen und individuell optimal eingesetzt. Grundsätzlich kann man sagen, dass nur das was im Training vorbereitet ist, im Wettkampf auch abgerufen werden kann.

  

a) Verarbeitungskapazitäten

Während eines Volleyballspiels hat der Trainer vielfältige Möglichkeiten auf den einzelnen Spieler und die gesamte Mannschaft einzuwirken. So kann er ständig während des Spiels Anweisungen geben, da er sich am Spielfeldrand aufhalten kann und so sehr nahe am Geschehen dran ist. Diese Möglichkeit sollte der Trainer auch unbedingt nutzen, denn erstens signalisiert er so der Mannschaft, dass er bei ihr ist, um zu helfen und dass er ein Teil der Mannschaft ist. Allerdings stellt sich die Frage, wie er dies am besten tut. Anweisungen, die der Coach während des Spiels gibt, müssen von den Spielern schnell verarbeitet und umgesetzt werden. Dieser Verarbeitungsprozess ist aufwendig, so dass es sehr wichtig ist, dass der Trainer nicht zu viel Anweisungen gibt sondern sich auf eine pro Spielzug beschränkt, da dies sonst nicht für den Spieler umzusetzen ist. Wenn der Coach den Spieler mit Anweisungen überhäuft fühlt er sich überfordert und ist noch dazu nicht in der Lage alle zu verarbeiten. Die Menge der verarbeitbaren Informationen hängt natürlich vom jeweiligen Spieler ab, aber mehr als 1-2 Informationen sollten es nicht sein.

Dies gilt gleichermaßen für eine Auszeit. Hier hat der Coach 30 Sekunden Zeit den Spielern taktische Anweisungen, Motivation und Kritik zu geben. Es ist jedoch nicht sinnvoll die Spieler mit Informationen zu überhäufen, da er sowieso nicht mehr als 1-2 Informationen behalten und im Spiel umsetzen kann. Dies ist ein Punkt, der durchaus oft von Trainern übersehen wird, aber eben manchmal dazu führt, dass die Spieler irgend etwas umsetzen, aber nicht das wirklich Wesentliche. Da man eventuell an verschiedene Spieler verschiedene individualtaktische Hinweise geben will, rät sich ein Zusammenarbeit mit dem Co-Trainer, weil so sowohl die Zeit effektiver genutzt wird, als auch die anderen Spieler nicht mit für sie unwichtigen Informationen „belastet“ werden, die wiederum ihre Kapazitäten senken.

Daher sollte sich ein Trainer darum kümmern, was er der Mannschaft (dem Einzelspieler) wirklich mit auf den Weg geben will und sich darauf konzentrieren. Dazu kann es ratsam sein seine Gedanken kurz schriftlich zu fixieren. Dann kann auch der Spieler den Hinweis klarer verarbeiten und sich darauf konzentrieren. Hierzu ist es, wie oben bereits erwähnt, unabdingbar die im Wettkampf geforderten Dinge im Training vorzubereiten. Wenn man dort viele Programme stabilisiert, kann man im Wettkampf auch variabel coachen. Wichtig dabei ist es, die Spieler nicht zu überfordern, sondern ihre optimalen Leistungsgrenzen auszuloten (in Trainingsspielen und Wettkampf), um ihnen während des Wettkampfs auch die entscheidenden Hilfen geben zu können. Je mehr Programme abrufbar sind, desto weniger Ressourcen werden benötigt, um die gestellte Anforderung zu Verarbeiten und umzusetzen.

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b) unnütze Phrasen und konkrete Handlungsanweisungen

Wie wir bereits oben gehört haben ist das Beschränken auf wichtige Punkte sehr wichtig, um die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsressourcen der Spieler nicht zu überschreiten. Es gibt jedoch noch weitere Punkte durch die man Spieler entlasten kann und ihnen hilft die Leistung zu steigern. So gibt es viele Trainer, die ihren Spielern Anweisungen geben, die so unspezifisch sind, dass die Spieler diese Anweisung nicht umsetzen können. Es ist absolut davon auszugehen, dass der Spieler lediglich mit einer konkreten Anweisung etwas anfangen kann, es aber immer wieder vorkommt, dass er vollkommen unspezifisches Feedback erhält. Um dies klarer zu machen werde ich einige dieser „sinnlosen“ Phrasen aufzählen:

  • mach weiter so!

  • gut so!

  • Das ist OK!

  • Das gefällt mir!

  • Das Gefällt mir nicht!

  • Gute Arbeit!

  • Schöner Versuch!

  • Das ist es nicht!

  • Das ist es!

  • Spielt mal Volleyball!

  • Kämpft mal!

  •  Macht den Punkt!

Diese Phrasen werden immer wieder verwendet, ohne dass der Spieler sie genau einordnen kann, da er im Sportspiel Volleyball in eine komplexe Situation vor sich hat und nicht weiß, worauf sich dieser Ausruf bezieht. Insbesondere während der Auszeit sind derartige Anweisungen im wahrsten Sinne des Wortes Zeitverschwendung, denn ein Satz wie „spielt doch mal Volleyball“ oder „wir müssen den Ball ins gegnerische Feld bekommen“ helfen einem Spieler sicher nicht weiter, während eine konkrete Handlungsanweisung (z.B.: Aufschlag auf Position 6, Block nur noch diagonal) dazu führt, dass der Spieler, die Anweisung in die Tat umsetzen kann, vorausgesetzt, er hat die Ausführung der Anweisung im Training erlernt. Es ist also unbedingt darauf zu achten dem Spieler eine konkrete Handlungsanweisung zu geben und ihn nicht mit einer inhaltlosen Phrase zu belästigen.

Ein weiteres Problem sind Negationen während des Coachens. Darunter fallen alle Anweisung die ein „nicht“ oder „kein“ oder eine Vermeidung enthalten. Es ist noch unklar warum, aber diese sind nicht zu verarbeiten und führen oft zu Fokussierung des Gegenteils. Ein simples Beispiel hierfür wäre die Anweisung: „spiel nicht auf die Nummer 6“. Da nun der Spieler das „nicht“, nicht mitverarbeitet wird er genau auf die Nummer 6 fokussiert und spielt ihn unbewusst sogar mehr an. Man sollte also auch hier wieder versuchen dem Sportler klare Handlungsanweisungen zu erteilen, die positiv formuliert sind. Auch hier nenne ich eine paar Beispiel für negative Phrasen:

  • mach dir nichts daraus!

  • nicht doch!

  • spiel nicht zu nah!

  • bedränge mich nicht!

  • Stell mich nicht in Frage!

  • Sei nicht dumm

  • Nicht ins Netz schlagen!

  • Nicht aufgeben!

  • Aufschlag nicht ins Netz!

  • Nicht auf Nummer 6 spielen!

  • Nicht aufhören!

Ein Coach sollte also tunlichst vermeiden diese negative Phrasen zu verwenden, weil sie ein starke Tendenz dazu haben, genau das Gegenteil des Gewollten zu bewirken. Vielmehr sind positiv formulierte Anweisungen und Aufmunterungen deutlich effektiver. 

Gute Beispiele:

  • Spiel auf Nummer 3!

  • Spielt den Ball longline!

  • Spiel den Ball 1m vom Netz weg!

  • Spring nach dem Schnellangreifer !

  • Longlineverteidiger weiter vor!

  • Aktiv gegen den Ball gehen!

  • Ja genau, spiel den Ball auf die Nummer 3!

  • Gut den Lob verteidigt!

Mit derartigen Anweisungen kann der Spieler etwas anfangen und sich daran machen diese umzusetzen. Ein zusätzlicher Effekt ist, dass er das Gefühl hat es gibt ein Lösung für das Problem auf dem Feld. Bekommt er nur unspezifisches Feedback, so bleibt er mit seinen Problem allein und wird eher hoffnungslos reagieren, weil er nicht erkennt wo der Fehler liegt.

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c) Struktur der Auszeit

Wenn man auswertet was auf höherem und mittleren Niveau in der Auszeit vom Trainer gesagt wird, so erfährt man, dass ein Großteil der Äußerungen sich auf die Taktik beziehen, es ein wenig Lob und Tadel gibt und in geringem Maße etwas über die Technik gesagt wird. Fragt man jedoch die Spieler danach, so wissen sie zwar auch, dass der Großteil taktische Anweisungen sind, allerdings nehmen sie Lob und Tadel viel stärker war, als diese in Wirklichkeit ausgesprochen wurden. Man sollte sich also als Trainer durchaus überlegen, was man denn genau in einer Auszeit sagt und wie man diese strukturiert. Eine Möglichkeit wurde oben schon angesprochen, nämlich, dass sich der Coach einzelner Spieler annimmt und der Co-Trainer wiederum anderer.

Macht man eine Auszeit mit der gesamten Mannschaft, so ist es sicherlich hilfreich sich ein Konzept zu überlegen und dieses durchzuhalten. Dies ist natürlich kein allgemeingültiges Beispiel, aber hier kommen die Informationen nacheinander und die Handlungsanweisungen sind konkret und kurz. Man sollte eben in der Auszeit unbedingt vermeiden, die Anweisungen zu durchmischen und die Spieler in ihrer Aufnahmefähigkeit überfordern. So kommt es häufig vor, dass es eine Taktikinformation gibt und danach motiviert wird und dann wird wieder etwas über die Taktik gesagt und plötzlich fällt dem Coach noch ein Kritikpunkt ein, dann motiviert er die Mannschaft nochmals und gibt kurz vor dem ins Feld gehen noch schnell eine 3. taktische Anweisung, die dann meistens auch noch vage ist („vielleicht könnten wir mal testen...“). 

Es liegt hier an jedem Trainer selbst wie viel Wert er auf eine derartige Struktur legt, aber eine planlose Aneinanderreihung und Vermischung von Information, Anweisungen, Lob und Tadel, führt lediglich dazu, dass die 30 Sekunden der Auszeit nicht effizient genutzt werden. Dann gibt man den Spielern lieber eine Anweisung und dieses wird umgesetzt.

Beispiel einer sinnvollen Reihenfolge:

Allgemeine Aussagen

Bisher geht nicht viel zusammen

Randbedingungen

Das Licht stört scheinbar

Spielverlauf

und das führt doch zu einigen Fehlern

Aufmuntern/Emotionalisieren

Aber wir liegen gut im Spiel, versucht euch über jeden Punkt zu freuen

Technik

In der Annahme aktiv gegen den Ball gehen

Taktik

Abwehrspieler weiter vor, um Lobs zu verteidigen

Aufmuntern/Emotionalisieren

Wir können das noch schaffen

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Zusammenfassung

Wir haben gesehen, dass das Thema Coaching sehr komplex ist und es sehr viel Facetten dieses Teils der Trainertätigkeit gibt. So muss man Coaching zuerst von Training abgrenzen, da dies mehr den praktischen Teil der Sportausbildung betrifft, während Coaching sich mehr um die mentalen Belange dreht, bzw. um das konkrete Einsetzen, der im Training erlernten Fähigkeiten.

Die Anforderungen an einen idealen Volleyballcoach sind sehr hoch und man kann geradezu sagen, dass er eine „eierlegende Wollmilchsau“ sein muss. Er soll vertrauenswürdig, kompetent, intelligent, neutral, persönlich Reif uvm. sein. Dieses Idealbild kann man natürlich nur schwer erreichen, aber wenn man sich immer damit auseinandersetzt, was man als Coach noch an sich verbessern muss, dann kann man sich ihm vielleicht wenigstens nähern.

Weiterhin bleibt festzuhalten, dass konkrete Handlungsanweisungen während des Spiels viel effektiver sind und dass sie immer positiv formuliert sein sollen, denn nur so kann man die Zeit optimal nutzen und den Spielern tatsächlich ein Hilfe bieten. Man sollte Negationen vermeiden und weiterhin seine Auszeit wirklich strukturieren, um die 30 Sekunden sehr gut zu nutzen und um den Spielern wertvolle Anweisungen geben zu können, ohne dass dieses verloren gehen.

3 Literatur

  • König, E. & Volmer, G. (1993). Systemische Organisationsberatung: Grundlagen und Methoden, Weinheim: Deutscher Studienverlag

  • Rauen, C. (2000). Handbuch Coaching. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie.

  • Rauen, C. (2001). Coaching: Innovative Konzepte im Vergleich. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie.

  • von Schlippe, A. & Schweitzer, J. (2000). Lehrbuch der systhemischen Therapie und Beratung. 7. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Christmann, E. & Fago, K. (1993). Volleyball Handbuch Reinbek: Rowohlt

  • Papageorgiou, A. & Spitzley, W. (2000) Handbuch: Leistungsvolleyball Aachen: Meyer & Meyer Verlag

  • Eberspächer, H. (1982). Sportpsychologie. Grundlagen, Methoden, Analysen Reinbek: Rowohlt

  • Janssen, J-P (1995). Grundlagen der Sportpsychologie Wiesbaden: Limpert Verlag

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