Coaching im Sport

von Marc Demmer

 

1 Coaching im Sport

Coaching ist ein Begriff der uns schon länger im Alltag begegnet und zwar vor allem in Zusammenhang mit Leistungssport. Dort gibt es den Begriff Coaching seit dem Ende der 60er Jahre. In vielen Fällen wird der Begriff des Trainers hier mit dem des Coaches gleichgesetzt. Dies liegt daran, dass der Trainer oft beide Aufgaben erfüllen muss. Ob dies sinnvoll ist, ist bis heute umstritten.

Die Aufgaben des Trainers liegen vornehmlich darin, dem Sportler ausgewählte Qualifikationsmerkmale, vor allem Techniken, Strategien und Verhaltensweisen systematisch beizubringen.

Der Coach hingegen sollte ein umfangreiches Beratungs- und Betreuungskonzept liefern. Deshalb muss der Coach den Sportler vor, während und nach dem Wettkampf betreuen. Die Zielsetzung lautet hier immer, dem Sportler Selbständigkeit und Selbstverantwortung im Umgang mit Problemen, Konflikten, Blockaden, Zielen, Erfolgen, Misserfolgen und Erwartungen beizubringen.

Hierzu gibt es eine Definition (Eberspächer in „Sportpsychologie“):

Coaching ist die Betreuung im Sinne teilnehmender Hilfestellung beim Lösen von Problemen im leistungsorientierten Sport vor, während und nach Beanspruchungen und Belastungen im Training und Wettkampf. Basis ist psychologisches Grundlagen- und Alltagswissen. Coaching impliziert Diagnostik, Beratung, Modifikation suboptimalen Erlebens, Verhaltens und Handelns. Effizienzkriterium ist die realisierte sportliche Leistung.“

Der Coach muss sich dabei auch im privaten Bereich des Sportlers auskennen. Das gesamte Lebensumfeld des Sportlers muss mit einbezogen werden. Hier wird klar, dass ein unbedingtes Vertrauensverhältnis zwischen Coach und Sportler unverzichtbar ist. Landläufig formuliert kann man sagen, dass die „Chemie“ stimmen muss.

Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass sportliche Höchstleistungen nur mit psychologischer Unterstützung gebracht werden können. Es ist sehr wichtig auch die komplizierten psychischen Faktoren, in die Handlungs- und Leistungsmotivation des Sportlers einzubeziehen.

 

2 Instrumente des Sportcoachs

Der Coach bedient sich im Prozess mit

  • Selbstmotivationstechniken

  • Visualisierungstechniken

  • Fokussierungstechniken

  • Umpolung negativer Selbstgespräche

  • Stressbewältigungs- und Stressvorbeugungstechniken

  • Entspannungstechniken und

  • Mobilisationstechniken.

Dabei erstellt der Coach gemeinsam mit dem Sportler ein (individuelles) Coaching-Konzept. Seit einiger Zeit herrscht das Bild des mündigen Athleten vor, so dass solche Konzepte nicht vom Coach vorgegeben werden, sondern der Sportler aktiv an ihnen mitarbeitet. Damit ist die Grundlage für das moderne Sportcoaching die Selbstverantwortlichkeit des Sportlers für seine sportlichen erfolge und für seine private Lebensbewältigung.

Es ist also die Hauptaufgabe des Coachs Leistungsbedingungen zu schaffen, in denen der Sportler an seine persönlichen Grenzen gehen kann. Dabei werden dem Sportler keine Ziele vorgegeben, sondern dass der Sportler immer im Wettkampf mit sich selbst steht und so seine selbst gesetzten Normen und Ziele zu erreichen sucht. Es geht also nicht so sehr darum seinen Gegner zu besiegen, sondern sich selbst zu besiegen. Der Erfolg kommt dann auch automatisch, wenn der Leistungssportler sein Potential optimal nutzt. Dieser Erfolg ist oft nicht der Sieg, sondern die Anerkennung von Außen.

Abschließend muss noch erwähnt werden, dass der Coach den Trainer nicht ersetzen oder gar verdrängen will, sondern seine sportliche Effizienz durch eine breite psychologische Beratung zu erhöhen.

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3 Grundlagen des Coachings

Man kann im Sport unterscheiden zwischen Einzelcoaching und Teamcoaching. Volleyball ist eine Mannschaftssportart, wobei natürlich dennoch jeder einzelne Spieler seine Eigenheiten hat und anders behandelt werden muss, so dass beide Arten beim Volleyball voll zum Einsatz kommen. In diesem psychologischen Ansätzen geht es in erster Linie um das Beheben von Problemen.

Coaching dient der Verbesserung der Kommunikation und setzt psychologische Einsichten dort in die Praxis um, wo größere Veränderungen in Mannschaften vonstatten gehen oder Einzelpersonen gezielt Unterstützung brauchen. Der Nutzen dieser Maßnahmen im Sport hat zu einer breiten Akzeptanz geführt und zeitgleich zum inflationären Gebrauch des Wortes Coaching.. Das Coaching erfährt eine Differenzierung und dadurch wird nicht das Coaching in Frage gestellt, sondern immer mehr der Coach. Infolgedessen gewinnen die unterschiedlichsten Ansätze oder "Schulen" an Bedeutung. Entscheidend ist das Talent und die Vorliebe des Coaches und hier wird die gegenseitige Kontrolle der Coaches untereinander Leichtfertigkeit und Einseitigkeit verhindern.

Coaching-Wurzeln

Es gibt immer mehrere mögliche Perspektiven. Für einen Coach bietet sich das humanistische Denken an, weil er es mit Menschen zu tun hat und der Respekt vor der Würde des Menschen den Zugang erleichtert. Toleranz und Mitgefühl fördern das Verständnis für die Anliegen des jeweiligen Sportlers sehr. Aus der Sicht des Neurolinguistischen Programmierens - kurz NLP - ist es am effektivsten, Denkmuster zu erforschen und Lernprozesse zu fördern, die den Handlungsspielraum erweitern und auf diesem Weg zu guten Lösungen führen sollen. 

Die Systemtheorie liefert die Grundsätze für dieses Konzept. Organisationen haben die Charakteristika sozialer Systeme. Ein System besteht aus einer Menge von Elementen, zwischen denen eine Wechselwirkung besteht. Soziale Systeme haben in der Regel offene Systemgrenzen, sie nehmen Informationen aus der Umwelt auf, die in eine spezielle, dem System bekannte "Sprache" übersetzt werden, wodurch eine Orientierung innerhalb des Systems möglich wird und gleichzeitig die Beziehung zur Außenwelt geregelt ist. Sie befinden sich einem dynamischen Zustand mit der ständigen Tendenz zum Gleichgewicht und leider auch zur "Störanfälligkeit" - einem Kennzeichen sozialer Dynamik. Ein System ist hierarchisch gegliedert und zeichnet sich dadurch aus, dass es die Fähigkeit hat Neues hervorzubringen, etwas, das nicht durch die Eigenschaften der einzelnen Teile zu erklären ist. Wendet man das systemische Denken beim Coaching an, löst dieses Vorgehen zunächst die zumeist vorherrschende Annahme aus, dass jedes Problem eine einzige Ursache hätte. Begreift man gleichzeitig die Flexibilität und auch die Unvorhersagbarkeit eines "menschlichen" Systems, ergibt sich gleich mehr als nur ein möglicher Lösungsweg. Das systemische Coaching berücksichtigt, dass Menschen in verschiedenen Rollen agieren. Privat und beim Sport, gegenüber dem Trainer oder mit Mitspielern, es sind ständig veränderte Umwelten und Anforderungen, in denen ein Mensch sein Verhalten koordiniert. Niemals sind die Regeln starr, allenfalls Struktur gebend, und diese Eigenschaft nutzt ein Coach um Einfluss zu nehmen.

Coaching-Methoden

Zu den grundsätzlichen Aufgaben eines Coaches gehört es Probleme zu erkennen und Ziele zu formulieren. Um Probleme in einen Gespräch mit der Mannschaft oder einem einzelnen Teammitglied zu erkennen kann man sich verschiedener Methoden bedienen. Hier gibt es als Möglichkeiten das aktive Zuhören, das Fokussieren, das Erfragen getilgter Information und das zirkuläre Fragen.

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4 Problemanalyse

4.1 Aktives Zuhören


Beim aktiven Zuhören signalisiert der Coach dem jeweiligen Gesprächspartner Interesse und Aufmerksamkeit indem er ihm rückmeldet, wie er seine Äußerung verstanden hat. "Grundidee dafür ist, die in den Äußerungen mitschwingenden, aber nicht explizierten Empfindungen des Gesprächspartners ihm direkt widerzuspiegeln" (König & Volmer, 1993, S. 87).

Der Coach muss also 2 Schritte vollziehen:
1. Zuhören und Gefühl des Sportlers nachspüren
2. das Gefühl widerspiegeln

Beispiel

Spieler : "In einem guten Team sollte jedes Mitglied gleichberechtigt sein."

Coach : "Du ärgerst dich, dass du in diesem Team weniger zu sagen hast als andere Teammitglieder."

Der Spieler kann diese Deutung des Coaches akzeptieren und seine subjektive Sichtweise weiter erläutern oder er kann sie korrigieren. Beides führt dazu, dass er sich über seine Gefühlslage klarer wird.

4.2 Fokussieren

Beim Fokussieren wird der Spieler vom Coach aufgefordert, für ein genanntes Problem eine konkrete Situation zu schildern, in der dieses Problem einmal besonders deutlich zum Ausdruck kam. Dabei soll die Aufmerksamkeit auf den Teil des Gefühls in dieser Situation gerichtet werden, der dem Spieler als am schlimmsten erschien. 
In der systemischen Prozessberatung wird der Vorgang des Fokussierens häufig durch gezielte Fragen unterstützt. Solche Fragen könnten wie folgt aussehen (vgl. König & Volmer, 1993, S. 85):

  • In welcher räumlichen Situation fand das Ereignis statt?

  • Welche Personen waren dabei beteiligt?

  • Was sagten die Personen?

  • Wie war der Tonfall, wie der Gesichtsausdruck?

  • Was hast du dich in dieser Situation gefühlt?

  • Was hätten du dir gewünscht?

4.3 Erfragen getilgter Informationen

"Erfragen von Tilgungen ist ein schnell wirkendes Verfahren, die Problemsituation zu klären, was dann (wie das Fokussieren) in der Regel dazu führt, dass das eigentliche Problem deutlich wird und sich neue Lösungsmöglichkeiten eröffnen" (König & Volmer, 1993, S. 86). Man kann zwischen zwei Sorten von Tilgungen unterscheiden:

  1. Tilgungen in Bezug auf externe Prozesse sind weggelassene Informationen über andere Personen, äußere Situationen oder Handlungen anderer Personen. 

  2. Tilgungen in Bezug auf interne Prozesse sind weggelassene Informationen über Gedanken, Absichten, Empfindungen des Betreffenden.

Bei dem Satz "Ich bin immer sehr nervös" sind beispielsweise eine Reihe solcher interner und externer Tilgungen enthalten, die in der systemischen Beratung durch gezieltes Nachfragen des Coaches aufgelöst werden müssen. Um das Problem genauer analysieren zu können, kann der Coach im vorliegenden Beispiel etwa Fragen stellen wie: 

  • In welcher Situation bist du nervös?

  • Vor wem hast du Angst?

  • Welche Gedanken hast du, wenn du nervös bist?

4.4 Zirkuläres Fragen

Beim zirkulären Fragen wird in der Regel ein Sportler danach gefragt, was seiner Meinung nach ein anderes Mitglied des Teams über einen bestimmten Sachverhalt denkt. "Auf diese Weise wird Information sowohl gesammelt als auch sichtbar gemacht, sind Frage und Intervention kaum noch zu trennen. Beziehungsmuster werden deutlich, ohne dass man sich in inhaltliche Auseinandersetzungen verwickelt. Mit jeder zirkulären Frage wird auch ein Angebot zum Einnehmen einer Außenperspektive auf das eigene soziale System gemacht" (Schlippe & Schweitzer, 2000, S. 142). Es liegt nahe, dass durch solche Fragen Missverständnisse relativ gut aufgeklärt werden können und es zu neuen Einsichten über die bestehende Problemsituation kommen kann. 

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5 Zielsetzung

Von entscheidender Bedeutung ist es für einen Coach Ziele zu formulieren, die er bei seiner Arbeit erreichen will oder die erreicht werden sollen, wenn ein bestimmtes Problem anhand der Analyse erkannt worden ist. Es gibt verschiedenste Ziele die durch Coaching erreicht werden sollen, leider auch einige, die unmöglich zu erreichen sind. Im Vorgespräch mit den Spielern oder den Vereinsverantwortlichen kann man nur seine Vorstellungen und Wünsche zur Rede bringen, z. B. wenn es sich um ein ungünstiges Ziel handelt, muss man erklären, warum es so nicht realisierbar ist.

Nach einer ausführlichen Darstellung und Analyse der aktuellen Probleme im Team sollten von Anfang an schon wichtige Ziele formuliert werden und am besten schriftlich festgehalten werden. Ziele die meist aus einer diffusen Problemlage heraus formuliert werden, müssen bestimmte Eigenschaften erfüllen, um später auch umgesetzt werden zu können. Die Aufgabe des Coaches ist es, dafür Sorge zu tragen, dass die im Team formulierten Ziele diesen Eigenschaften auch gerecht werden. Folgende Ziele sind u. a. möglich:

  • Leistungsverbesserung

  • Abbau von Reibungsverlusten

  • Erweiterung von Verhaltenskompetenzen

  • Arbeitszufriedenheit

  • Abbau von Angst

  • Aufgabenbereichsklärung

  • Schaffung einer Mannschaftsstruktur

  • Entwicklung von Gemeinschaftsgefühl

  • Schaffung von Verantwortung

  • Verbesserung der Produktivität

  • Optimierung von Fach- Sozial- Kompetenz

  • Endziel: Erreichen des Saisonziels oder sogar noch längerfristiger Ziele

6 Literatur

  • König, E. & Volmer, G. (1993). Systemische Organisationsberatung: Grundlagen und Methoden, Weinheim: Deutscher Studienverlag

  • Rauen, C. (2000). Handbuch Coaching. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie.

  • Rauen, C. (2001). Coaching: Innovative Konzepte im Vergleich. Göttingen: Verlag für Angewandte Psychologie.

  • von Schlippe, A. & Schweitzer, J. (2000). Lehrbuch der systhemischen Therapie und Beratung. 7. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

  • Christmann, E. & Fago, K. (1993). Volleyball Handbuch Reinbek: Rowohlt

  • Papageorgiou, A. & Spitzley, W. (2000) Handbuch: Leistungsvolleyball Aachen: Meyer & Meyer Verlag

  • Eberspächer, H. (1982). Sportpsychologie. Grundlagen, Methoden, Analysen Reinbek: Rowohlt

  • Janssen, J-P (1995). Grundlagen der Sportpsychologie Wiesbaden: Limpert Verlag

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