Differenzielles Lernen im Volleyball (II)

J. Römer, W.I. Schöllhorn, T. Jaitner,  R. Preiss

Praktische Umsetzung des differenziellen Lernens im Sportunterricht

Allgemein

Differenzielles Lernen umfasst unter anderem ein Lernen an Bewegungs- und Wahrnehmungsdifferenzen durch vielfältige Übungen und Instruktionen. Dies beinhaltet auch ein Lernen in Gegensätzen, wobei die Schüler motorische Ausführungen im möglichst gesamten Bereich der in Frage kommenden  Lösungen mit großem Interpolationsraum erfahren. Durch ein Verstärken der natürlich auftretenden Schwankungen während des Lernprozesses soll ein Vorgang der Selbstorganisation bei den Schülern ausgelöst werden. Differenzielles Lernen impliziert jedoch nicht ein freies Versuch-Irrtum-Lernen, das alle Bewegungen erlaubt

und den Lehrer überflüssig macht bzw. das ausschließliche Üben von „Fehlern“ mit sich bringt. Den Schülern soll vielmehr die Möglichkeit angeboten werden, sich aus der Vielfalt an Übungen diejenigen auszusuchen, die ihnen bewusst oder unbewusst am besten weiterhelfen. Durch ein Ausführen von vielfältigen Übungen und auch „Fehlern“ in allen Kombinationen soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass der Schüler zum einen den Bereich des individuellen Optimums selbst findet, zum anderen jedoch innerhalb dieses Bereichs möglichst rasch auf die ständig ändernden Bewegungsbedingungen adäquat reagiert.

Zum Einsatz des differenziellen Lernkonzepts im Bereich des Techniklernens wird als mögliche Vorgehensweise folgende Reihenfolge in Abhängigkeit vom Lernstadium mit den jeweiligen Schwerpunkten empfohlen (Schöllhorn 1999):

  • verstärkte Schwankungen im Bereich der Bewegungsgeometrie,

  • verstärkte Schwankungen im Bereich der Bewegungsgeschwindigkeit

  • verstärkte Schwankungen im Bereich der Bewegungsbeschleunigung,

  • verstärkte Schwankungen im Bereich des Bewegungsrhythmus zu erzeugen.

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Umsetzung des differenziellen Lernens im Volleyball

In Sportspielen wie Volleyball kommen neben den Schwankungen im koordinativen Bereich auf der taktischen Ebene als weitere zu verändernde  Bedingungen das Verhalten von Gegner und Mitspieler sowie die Antizipation der Ballflugkurve hinzu. Bei der Verbesserung des unteren Zuspiels im Volleyball wird im anfänglichen Lernstadium das Verhalten von Gegner und Mitspieler vernachlässigt. Innerhalb einer differenziellen Unterrichtsreihe wird die dargelegte systematische Vorgehensweise auf die Bewegungsausführung selbst wie auch auf die Ballflugkurve bezogen und erprobt werden. Da die Veränderung eines Bewegungsrhythmus - wie z. B. ein langsames Hinlaufen zum Spielort mit nachfolgender schneller Spielbewegung gegen den Ball - erst in einem höheren Lernstadium realisierbar ist, wird zu Beginn der Unterrichtsreihe die Bewegungsgeometrie und -geschwindigkeit und erst zum Ende der Unterrichtsreihe auch der Bewegungsrhythmus variiert.

Methodische Gedanken zur Realisierung des differenziellen Lernens im Volleyball

Um möglichst viele unterschiedliche „Baggerbewegungen“ mit möglichst vielen Bewegungsdifferenzen zu erzeugen und damit viele Adapationsmöglichkeiten zu schaffen, wurden Übungen gewählt, die ohne häufiges Unterbrechen des Unterrichts realisiert werden können. Hier boten sich so genannte offene Bewegungsaufgaben an, die keine eindeutigen Lösungen vorschreiben und zum Ausprobieren bzw. kreativen Finden von Lösungen anregen (z. B. durch Metaphern wie „Baggere so geschmeidig wie eine Raubkatze“). Durch unbekannte und damit interessante Geräte wie zum Beispiel einem Luftballon, in dem sich ein kleiner mit Wasser gefüllter Luftballon befand, werden schwer antizipierbare Flugbahnen erzeugt, die ebenfalls kurzfristige Adaptationsprozesse und große Aufmerksamkeit im Sportunterricht auslösen können. Um den Lösungsraum im Sinne einer Auslese einzuengen, boten sich spielerische Wettkampfübungen an, die sich durch einen hohen Aufforderungscharakter auszeichnen.

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