Differenzielles Lernen im Volleyball (V)

J. Römer, W.I. Schöllhorn, T. Jaitner,  R. Preiss

Ergebnisse - Diskussion - Literatur

Untersuchungsergebnisse

Vergleich der Änderungen während beider Techniktrainingsansätze

Für die insgesamt 16 Schülerinnen und Schüler, die an der Untersuchung Datenschutz! Teilgenommen  haben und deren metrische Leistung bezüglich der Zielgenauigkeit in der Annahme auf Rangskalenniveau gemessen wurde, konnten im Vor- und Nachtest folgende „Treffer“ gemessen werden (siehe Abb. 2 und 3).

Vergleicht man die Annahmequalität beider Lerngruppen im Vortest, so kann nach Anwendung des statistischen Verfahrens von Wilcoxon-Mann-Whitney mit p = 0,33 (siehe Tab. 1) davon ausgegangen  werden, dass sich die beiden Lerngruppen in der Ausgangssituation nicht signifikant voneinander unterscheiden.

Für den Nachtest liefert der Test mit p = 0,049 (siehe Tab. 1) den Hinweis, dass sich beide Gruppen signifikant unterscheiden. Die Lerngruppe D mit dem differenziellen Techniktraining zeigt dabei die zielgenaueren Annahmen. Da die klassische Lerngruppe K zu Beginn der Untersuchung im Vergleich mit der Lerngruppe D eine etwas schlechtere Annahmeleistung zeigte (siehe Abb. 1), wurden die Steigerungsraten der beiden Gruppen vom Vor- zum Nachtest ermittelt. Die Steigerungsrate, gemessen als Differenz zwischen dem durchschnittlichen Rangplatz beider Lerngruppen jeweils zum Zeitpunkt des Vor- und Nachtests, ergab für die Lerngruppe D eine Steigerung um 14 Plätze (von Rang 21 auf Rang 7) und für die Lerngruppe K eine Steigerung um 9 Plätze (von Rang 23 auf Rang 14). Damit geben die angeführten Steigerungsraten (siehe auch Abb. 4) einen deutlichen Hinweis, dass das differenzielle Techniktraining im Volleyball mindestens ebenso erfolgreich ist wie ein klassisch durchgeführtes Training.

Vergleicht man die Leistungsveränderung der Lerngruppe K zwischen Vor- und Nachtest, so kann nach Anwendung des Wilcoxon-matched-pairs-Test gefolgert  werden, dass die acht Schülerinnen ihre Annahmequalität mit p = 0,016 (siehe Tab. 1) signifikant verbessern konnten. Beim Vergleich zwischen Vor- und Nachtest mit dem gleichen statistische  Verfahren konnte bei der Lerngruppe D mit p = 0,008 (siehe Tab. 1) eine hochsignifikante Verbesserung der Annahmequalität festgestellt werden.

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Ergebnisse des Fragebogens

Abb. 1

Abb. 1

 

Abb. 2

Abb. 2

 

Abb. 3

Abb. 4

Die Antworten auf die zwei offen formulierten Fragen ergaben, dass die Schülerinnen der Lerngruppe K eine im Sinne der klassischen Bewegungsbeschreibung bessere Bewegungsvorstellung vom unteren Zuspiel entwickelt haben sowie die Technikknotenpunkte des unteren Zuspiels verstehen und anwenden können. Bezüglich der eigenen Leistungsverbesserung in ihrer Selbsteinschätzung äußerten diese Schülerinnen, dass sie insgesamt deutlich besser baggern könnten.

Die Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe D sagten, dass sie die Übungen abwechslungsreich, praxisnah, lehrreich und spaßig empfanden. Einige Schüler gaben an, ein neues Ballgefühl entwickelt zu haben, sicherer im Umgang mit dem Ball zu sein und ein größeres Selbstvertrauen bei der Ballannahme zu besitzen.

 

Diskussion

Ein Vorteil des klassischen Weges einer methodischen Reihe liegt in für den Lehrer  einer gewissen Sicherheit, mit erprobten Übungen aus der Literatur (z. B. Dannemann/Sonnenbichler 1989, Meyer/Keller/Göllner 1996) zu bestimmten motorischen Lernzielen zu gelangen. Die Übungen sind bereits methodisch aufeinander aufbauenden angeordnet und müssen „nur“ noch von den SchülerInnen abgearbeitet werden.

Im Vergleich zum klassischen Ansatz bereitet die Planung und auch Durchführung des differenziellen Techniktrainings wie bei allen neun Ansätzen zunächst einen  größeren Aufwand, da man sich intensiver und aus mehr Blickwinkeln mit den Unterrichtsgegenständen auseinandersetzen muss. Da bei diesem Ansatz die Übungen nicht im einzelnen vorgegeben sind sondern weitestgehend nur die o.g. Prinzipien, wird dem Schüler die Chance gegeben, aus der Vielzahl angebotener Übungen individuelle Lösungsmöglichkeiten auszuwählen. Dafür ist eine nachhaltigere Auseinandersetzung mit dem unteren Zuspiel notwendig und Kreativität zunächst beim Unterrichtsvorbereitenden eine notwendige Voraussetzung. Durch die gesteigerte Motivation sowohl des Lehrenden als auch des Lernenden kommt es im allgemeinen auch zu mehr Freude und Motivation beim Erlernen von Neuem. Der Spaß an der Bewegung steht somit verstärkt im Vordergrund und nicht das langwierigere und etwas langweiligere Einschleifen einer vorgegebenen generellen Idealtechnik.  Je nach Organisationsform können die Schüler mit ihren eigenen Übungen aktiv in den Unterricht eingreifen und gelangen so zu mehr Bewegungsvielfalt, Kreativität, Selbstvertrauen und Ballsicherheit.

Sind Schüler aufgrund zu häufigem lehrerzentriertem Unterricht gewohnt, primär mit Bewegungsanweisungen anstelle von Bewegungsaufgaben zu arbeiten, dann kann die Vielfalt der Übungen durch ein systematisches Kombinieren der Schwankungen im Geometrie-, Geschwindigkeits-, Beschleunigungs- und Rhythmusbereich mit einzelnen Gelenken erzielt werden. Ein wesentliches Charakteristikum des differenziellen Lehr- und Lernansatzes besteht in dem Abrücken von zu engen, einzig korrekten Idealtechniken, die ausschließlich durch tausende von Wiederholungen erreicht werden. Vielmehr werden großzügig Schwankungen im Lösungsraum toleriert und in der Terminologie klassischer Methodik Ausführungen von Fehlern u.a. gefordert, da sie am ehesten den möglichen Lösungsraum aufzeigen. Limitierendes Kriterium bleibt dann lediglich das Regelwerk, das für die Annahme ein Schlagen des Balles mit jedem Körperteil erlaubt.

Methodenkritik

Da es sich um eine anfallende und keine repräsentative Stichprobe handelt, können die oben dargestellten Ergebnisse schwer auf andere Kollektive übertragen werden und nur Hinweise liefern. Diese Hinweise deuten darauf hin, dass der differenzielle Ansatz effektiver ist als der klassische, mindestens jedoch gleichwertig und sollte daher an größeren und repräsentativ ausgewählten Stichproben überprüft werden. Die Auswertung sollte neben der Beurteilung der Treffergenauigkeit auf Rangskalenniveau weitere statistische Verfahren mit einschließen, wie z. B. ein Experten-Rating, bei dem  die Technik der Annahme ohne Kenntnis der Annahmequalität beurteilt wird sowie eine verlaufsorientierte Analyse des Bewegungsmusters auf der Basis von biomechanischen Daten wie z.B. Gelenkwinkelverläufen.   

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Fazit

Beide Lerngruppen unterscheiden sich zum Zeitpunkt des Vortests nicht signifikant. Nach der Durchführung der 5 Unterrichtseinheiten á 90min kann für beide Lerngruppen bezüglich ihrer Annahmeleistung eine deutliche Verbesserung in Form eines präziseren und konstanteren ersten Passes auf die Zuspielposition  festgestellt werden. Zeigten jedoch beide Lerngruppen noch zu Beginn der Untersuchung annähernd gleiche Annahmeleistungen, waren die Steigerungsraten  der differenziellen Lerngruppe  im Nachtest  im Vergleich zur klassischen Lerngruppe etwas größer. Da es sich bei der Untersuchung lediglich um eine anfallende und keine repräsentative Stichprobe handelt, bedarf es weiterer bestätigender Analysen, bevor Schlussfolgerungen auf andere Kollektive gezogen werden können. Unter Berücksichtigung ähnlicher Resultate im Sprint (Schöllhorn, Röber, Jaitner, Hellstern, Täuber 2001) liefert die vorliegende Untersuchung jedoch einen weiteren Hinweis auf mindestens eine Gleichwertigkeit des differenziellen Lehr- und Lernansatzes mit klassischen Modellen.

 

Literatur:

  • Birbaumer, N. und Schmidt, R. F. in Schmidt, R. F. (1994): Neuro- und Sinnesphysiologie. Berlin

  • Dannemann, F. und Sonnenbichler, R.(1989): Video - Kinder lernen Volleyball, Heidelberg

  • Größing, S. (1997): Einführung in die Sportdidaktik,

  • Handwerker, H. O. in Schmidt, R. F. (1994): Neuro- und Sinnesphysiologie. Berlin

  • Hatze, H. (1986). Motion Variability – its Definition, Quantfication , and Origin. Journal of Motor Behavior, 18, 5-16.

  • Letzelter, M. (1978): Trainingsgrundlagen. Reinbeck bei Hamburg  

  • Meyer, P, Keller, K., Göllner, D.(1996): Volleyball Grundlagen, Rheine

  • Miglino, O., Lund, H. H., & Nolfi, S. (1995). Evolving mobile robots in simulated and real environments. Artificial Life, 2, 417-434

  • Schöner, G. & Kelso, J. A. S. (1988). A Dynamic pattern theory of behavioral change. Journal of Theoretical Biology, 135, 501-524.Schöllhorn, W.(1995): Schnelligkeitstraining. Reinbek bei Hamburg

  • Schöllhorn, W.(1999): Individualität - ein vernachlässigter Parameter ? Leistungssport 29,2 , S. 5 - 122000 Schöllhorn, W. I. (2000) Applications of systems dynamic priciples to technique and strength training. ACTA ACADMIAE OLYMPIQUAE ESTONIAE 8, 67-85. Schöllhorn, W. I., Röber, F., Jaitner, T., Hellstern, W., & Käubler, W. D. (2001). Discrete and continuous effects of traditional and differential sprint training. In (pp. 331). Cologne: Strauss

 

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