|
Zur frühen Spezialisierung im Kinder- und Jugendtraining
Vorbemerkungen Auf wissenschaftliche Verweise und Zitate mit Autor und Quellenangaben habe ich im Text an dieser Stelle verzichtet, da meine Aussagen durch Untersuchungen an verschiedenen Instituten und deren Veröffentlichungen fundiert dargestellt wurden. Frühspezialisierung Frühspezialisierung beinhaltet demnach einen planmäßigen Trainingsaufbau mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in einem eng begrenzten Gebiet möglichst schnell zu Erfolgen (z.B. optimale Platzierungen bei Zielwettkämpfen ) in und zum Beherrschen der Spezialdisziplin zu führen. Nicht kindgemäße arbeitsähnliche Durchführungsweisen kennzeichnen das Training:
Belastungen Die sich bei solchem Vorgehen schnell einstellenden Erfolge überdecken zunächst die intrinsische Motivation (Interesse an der Sache von sich selbst aus) und bestätigen vordergründig bei Kindern, Eltern und natürlich Trainern die Trainingsarbeit. Dies führt allerdings später bei häufiger werdendem Misserfolg – nämlich dann, wenn koordinativ besser und längerfristig ausgebildete Kinder den technischen Vorsprung eingeholt haben – zu einem unerwarteten, frühzeitigem Ausstieg („Drop-Out“). Nicht selten ist die Frühspezialisierung auch durch eine Steigerung der Gesamtbelastung in Training und Wettkampf (teilweise bis an die Grenze der kindlichen Leistungsfähigkeit) – meist auch durch den Erfolg legitimiert – gekennzeichnet. Mit dieser Form der Frühspezialisierung können zwar durch einen schnellen und steilen Leistungsanstieg überdurchschnittliche Leistungen im frühen Jugendalter erreicht werden – man spricht dann meist von hoffnungsvollen Talenten in der Spezialsportart -, aber ebenso schnell stellt sich dann – meist überraschend – eine Stagnation (häufig beim Übergang zum Erwachsenenbereich) ein. Vielfach ist sogar ein Leistungsabfall zu beobachten (unter anderem auch, weil ab 18 Jahren für diese Altersgruppe ein Zielwettkampf z.B. Landesmeisterschaft bzw. DM Junioren/innen fehlt). Durch die einseitige Auswahl von der Trainingsanforderungen und die geforderten festen Bewegungsausführungen ist die Entwicklung einer natürlichen motorischen Vielfalt eingeschränkt. Gerade die Kräfte einer individuellen Kreativität bleiben ungenutzt, werden zu wenig gefördert und verkümmern zunehmend. Die Anwendung von Techniken als Ausdruck individualtaktischen Verhaltens ist demnach antrainiert und natürlich auch begrenzt. Sie beruht nicht auf deren kreativen Entwicklung, womit die erwartete prognostizierte Höchstleistung nicht erreicht wird. Die Folge sind Abbruch der sportlichen Karriere in der Spezialsportart, Zuwendung zu anderen Sportarten (z.B. Trendsportarten) oder gar eine generelle Abkehr vom Sporttreiben. Neben den genannten motivationalen Argumenten sind noch weitere zu nennen: die frühe Spezialisierung verlangt in den meisten Fällen einen stabilen passiven Bewegungsapparat z.B. für die Sprungbelastungen. Zudem engt sie die Breite der Bewegungs-, Spiel- und Wettkampferfahrungen und wirkt sich damit auch einschränkend auf die kognitive und emotionale Reifenentwicklung aus. Auch in der Sportart selbst führt eine zu frühe und einseitige Spezialisierung (z.B. zum Zuspieler/ Angreifer usw.) zu einer Begrenzung der Entwicklungsmöglichkeiten. Vordergründiger Erfolg und mit Sachzwängen behaftete begründete Entscheidungen der frühen Einteilung in Zuspieler und Angreifer führt langfristig dazu, das z.B. Angreifer nicht pritschen können und es später erst mühsam wieder erlernen können.
Langfristige Ziele Es kann damit nicht Ziel einer optimalen Talentförderung sein, als E- oder D-Jugendlicher (10-13 Jahre) Deutscher Meister zu werden! Der langfristige Leistungssaufbau muss sich am individuellen und gruppenspezifischen Entwicklungsstand orientieren, der direkten Einfluss auf die Trainingsgestaltung hat. Alle Trainingsprinzipien, -häufigkeiten, -umfänge und -intensitäten, die man aus dem Erwachsenenbereich kennt, können nicht einfach unreflektiert übernommen werden, da Kinder- und Jugendtraining unter dem Aspekt des jeweiligen Entwicklungsstandes kein Erwachsenentraining sein kann. So ist unter anderem auch zu berücksichtigen, das eine kalendarisch Zehnjährige einen biologischen und psychischen Entwicklungsstand einer Zwölfjährigen und umgekehrt haben kann. Die Vielseitigkeit von sportmotorischen Aktivitäten in den verschiedenen Sportarten ist vor allem auf eine höchstmögliche Entfaltung der koordinativen Fähigkeiten ausgerichtet. Weitere Ziele sind
Vielseitigkeit
Anschließend beginnt erst die Phase der Ausbildung der sportartspezifischen Vielseitigkeit, was nicht gleichbedeutend ist, das erst jetzt und nicht in einer vielseitigen sportmotorischen Grundausbildung pritschen und baggern gelernt werden darf. Sportartspezifische Vielseitigkeit bedeutet immer, das jeder Zuspielen kann, das jeder baggern kann und das jeder angreifen kann. Denn ein Angreifer kann später nur einen Zuspieler verstehen, wenn er selbst mal zugespielt hat. Dies gilt auch im umgekehrten Falle. Vielseitigkeit in diesem Ausbildungsabschnitt verlangt in der langfristigen Trainingsplanung demnach Geduld und auch das weiterhin wichtige Inhalte anderer Sportarten thematisiert werden (z.B. Fußball und Basketball spielen oder Sprints und Ausdauerläufe). So steht Vielseitigkeit nicht nur am Anfang der Ausbildung, sie ist Begleiter über das Erreichen des Höchstleistungsalter hinaus, denn sie setzt durch die Andersartigkeit der Belastung in einigen Bereichen (z.B. in der Motivation, mal etwas anderes auszuprobieren) positive Akzente. Als Beispiel mag hier auch Beachvolleyball dienen. Vielseitig und auf breiter Basis Kinder- und Jugendliche auszubilden, ist nach den vorangegangenen Ausführungen der schwierigere Weg. Der ständige Kampf um Argumente (z.B. bei Erfolglosigkeit im E-und D-Jugendalter) und Mitstreiter verlangt vom Trainer/in Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Letztendlich sind aber die Ziele einer vielseitigen Ausbildung auch unter den schlechtesten äußeren Bedingungen mit der richtigen Einstellung und Überzeugung zu erreichen, denn das Ergebnis lohnt die Mühe, wenn ein oder mehrere ehemalige Kinder- und Jugendliche – zwar kein Hessischer E- und D-Jugendmeister – mit Ende Zwanzig noch in der Oberliga oder höher spielen. |
||||||||||||||||||||||