• Zur frühen Spezialisierung im Kinder- und Jugendtraining

    Gerhard Löber

    Frühspezialisierung Belastung Überbeanspruchung Ziele Vielseitigkeit

    Vorbemerkungen
    Formuliert man als oberstes und langfristiges Ziel Kinder und Jugendliche zum lebenslangen Betreiben einer Sportart sowohl unter Gesundheits- als auch unter Erfolgsaspekten zu befähigen, dann will dieser Aufsatz Denkanstösse geben. Diese sollen dem engagierten Kinder- und Jugendtrainer helfen, seine langfristige Trainingsplanung nicht nur noch einmal zu überdenken, sondern auch – wenn er sich in seinen Gedankengängen bestätigt fühlt – diesen Weg weiter zu befolgen.

    Auf wissenschaftliche Verweise und Zitate mit Autor und Quellenangaben habe ich im Text an dieser Stelle verzichtet, da meine Aussagen durch Untersuchungen an verschiedenen Instituten und deren Veröffentlichungen fundiert dargestellt wurden.  

    Frühspezialisierung
    In der Vergangenheit war das Kinder- und Jugendtraining schon zu Beginn auf eine möglichst frühe Spezialisierung ausgerichtet.

    Frühspezialisierung beinhaltet demnach einen planmäßigen Trainingsaufbau mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche in einem eng begrenzten Gebiet möglichst schnell zu Erfolgen (z.B. optimale Platzierungen bei Zielwettkämpfen ) in und zum Beherrschen der Spezialdisziplin zu führen. Nicht kindgemäße arbeitsähnliche Durchführungsweisen kennzeichnen das Training:

    • monotone Übungsformen mit hohen Wiederholungszahlen zum Erlernen der Technik

    • Disziplinierung durch Organisationsformen innerhalb und außerhalb des Trainings, die eine erhöhte Anspannung und Ernsthaftigkeit von den Kindern verlangt

    • Rationalisierung der Trainingseffektivität pro Zeiteinheit

    Belastungen
    Die Folge ist eine Einseitigkeit der Belastungen und eine Beschränkung auf Bewegungsformen, die nur der Spezialsportart dienlich sind. Als viel zitiertes Beispiel mag hier der Aufschlag von oben dienen: Die frühe Einführung des Tennisaufschlages ist hier nicht zu bemängeln, wenn sie mit dem Ziel einhergeht, eine Bewegungsverwandtschaft zum Angriff herzustellen und den Kindern ein vielfältiges Bewegungsangebot zu machen. Dann gehört aber eben der Aufschlag von unten ebenso dazu. Nicht in den Trainingsprozess gehört eine intensive Schulung des Aufschlages von oben pro Zeiteinheit mit dem Ziel des reinen Spielerfolges.

    Die sich bei solchem Vorgehen schnell einstellenden Erfolge überdecken zunächst die intrinsische Motivation (Interesse an der Sache von sich selbst aus) und bestätigen vordergründig bei Kindern, Eltern und natürlich Trainern die Trainingsarbeit. Dies führt allerdings später bei häufiger werdendem Misserfolg – nämlich dann, wenn koordinativ besser und längerfristig ausgebildete Kinder den technischen Vorsprung eingeholt haben – zu einem unerwarteten, frühzeitigem Ausstieg („Drop-Out“).

    Nicht selten ist die Frühspezialisierung auch durch eine Steigerung der Gesamtbelastung in Training und Wettkampf (teilweise bis an die Grenze der kindlichen Leistungsfähigkeit) – meist auch durch den Erfolg legitimiert – gekennzeichnet. Mit dieser Form der Frühspezialisierung können zwar durch einen schnellen und steilen Leistungsanstieg überdurchschnittliche Leistungen im frühen Jugendalter erreicht werden – man spricht dann meist von hoffnungsvollen Talenten in der Spezialsportart -, aber ebenso schnell stellt sich dann – meist überraschend – eine Stagnation (häufig beim Übergang zum Erwachsenenbereich) ein. Vielfach ist sogar ein Leistungsabfall zu beobachten (unter anderem auch, weil ab 18 Jahren für diese Altersgruppe ein Zielwettkampf z.B. Landesmeisterschaft bzw. DM Junioren/innen fehlt).

    Durch die einseitige Auswahl von der Trainingsanforderungen und die geforderten festen Bewegungsausführungen ist die Entwicklung einer natürlichen motorischen Vielfalt eingeschränkt. Gerade die Kräfte einer individuellen Kreativität bleiben ungenutzt, werden zu wenig gefördert und verkümmern zunehmend. Die Anwendung von Techniken als Ausdruck individualtaktischen Verhaltens ist demnach antrainiert und natürlich auch begrenzt. Sie beruht nicht auf deren kreativen Entwicklung, womit die erwartete prognostizierte Höchstleistung nicht erreicht wird. Die Folge sind Abbruch der sportlichen Karriere in der Spezialsportart, Zuwendung zu anderen Sportarten (z.B. Trendsportarten) oder gar eine generelle Abkehr vom Sporttreiben. 

    Neben den genannten motivationalen Argumenten sind noch weitere zu nennen: die frühe Spezialisierung verlangt in den meisten Fällen einen stabilen passiven Bewegungsapparat z.B. für die Sprungbelastungen. Zudem engt sie die Breite der Bewegungs-, Spiel- und Wettkampferfahrungen und wirkt sich damit auch einschränkend auf die kognitive und emotionale Reifenentwicklung aus.

    Auch in der Sportart selbst führt eine zu frühe und einseitige Spezialisierung (z.B. zum Zuspieler/ Angreifer usw.) zu einer Begrenzung der Entwicklungsmöglichkeiten. Vordergründiger Erfolg und mit Sachzwängen behaftete begründete Entscheidungen der frühen Einteilung in Zuspieler und Angreifer führt langfristig dazu, das z.B. Angreifer nicht pritschen können und es später erst mühsam wieder erlernen können.

    Überbeanspruchung
    In der Vereinspraxis weit verbreitet ist auch die Unsitte, talentierte Jugendliche in zu vielen Mannschaften bzw. Altersklassen unter dem Deckmantel des Erfolges einzusetzen. Diese Überbeanspruchung durch häufige Wettkämpfe (siehe nebenstehendes Beanspruchungsprofil) führt häufig zu einem Verlust der Motivation. Argumente, die darauf abzielen, es würde nur wenige in der Spitze bei dem nebenstehenden Beanspruchungsprofil treffen, lassen sich leicht dadurch entkräften, indem jeder Trainer für seine Jugendlichen ein entsprechendes Beanspruchungsprofil errechnet. Liegt die Zahl über 50 Spiele pro Saison gibt es Bedenken anzumelden, denn kein Ballspieler anderer Sportarten hat solch eine hohe Anzahl von Wettkämpfen vorzuweisen. Ganz davon zu schweigen, das ein Trainer in der Lage wäre, 50 Spiele taktisch effektiv und leistungsdiagnostisch notwendig für die lernenden Jugendlichen nachzubereiten und kognitiv in den Trainingsprozess einfließen zu l
    assen. Vielmehr ist bei solch einer Anhäufung von Wettkämpfen über Jahre hinweg im Kindes- und Jugendalter der Ausstieg aus der Sportart vorprogrammiert.

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    Beanspruchungsbeispiele von  weiblichen C-Jugendlichen pro Jahr:

    Spielerin A Spielerin B

    Meisterschaften

    A bis C-Jugendmeisterschaft:

    Gesamt:    9 Turniertage, 36 Spiele

    • erreicht Qualfikation A-C-Jgd. zu:

    • Südwestm. 6 Turniertage, 12 Spiele

    • Deutsche:   6 Turniertage, 12 Spiele

    Gesamt:  21 Turniertage, 60 Spiele 

    B- und C-Jugendmeisterschaft:

    Gesamt:   6 Turniertage, 24 Spiele

    • erreicht Qualifikation B-C-Jgd. zu:

    • Südwestm. 4 Turniertage, 8 Spiele

    • Deutsche:   4 Turniertage, 8 Spiele

    Gesamt:  17 Turniertage, 40 Spiele

    Jugend trainiert

    • Kreisent.:   1 Turniertag,  3 Spiele

    • Regional:   1 Turniertag,  3 Spiele

    • Landes.:     1 Turniertag,  4 Spiele

    • Bundes:     4 Turniertage, 5 Spiele

    Gesamt: 28 Turniertage, 75 Spiele

    • Kreisent.:   1 Turniertag,  3 Spiele

    • Regional:   1 Turniertag,  3 Spiele

    • Landes.:     1 Turniertag,  4 Spiele

    • Bundes:     4 Turniertage, 5 Spiele

    Gesamt: 24 Turniertage, 55 Spiele

    Summe

    Spielerin A absolviert in 3 Altersklassen 75 Spiele, mit Bundespokal 80 Spiele und mit Serienspielen in der Bezirksklasse  96 Spiele pro Jahr. Spielerin B absolviert 76 Spiele.

    Langfristige Ziele
    Demnach muss bei der Vorgabe von Zielperspektiven der Langfristigkeit eindeutig Priorität eingeräumt werden. Die individuelle Höchstleistung sollte mit dem für die Sportart typischen Höchstleistungsalter (im Volleyball Mitte bis Ende Zwanzig) übereinstimmen. Das heißt, die Höchstleistung ist das Fernziel, Kindheit und Jugend sind Durchgangsstufen auf dem Weg zur optimalen Leistung oder gar für die individuelle Entscheidung Leistungssport zu betreiben.

    Es kann damit nicht Ziel einer optimalen Talentförderung sein, als E- oder D-Jugendlicher (10-13 Jahre) Deutscher Meister zu werden! Der langfristige Leistungssaufbau muss sich am individuellen und gruppenspezifischen Entwicklungsstand orientieren, der direkten Einfluss auf die Trainingsgestaltung hat. Alle Trainingsprinzipien, -häufigkeiten, -umfänge und -intensitäten, die man aus dem Erwachsenenbereich kennt, können nicht einfach unreflektiert übernommen werden, da Kinder- und Jugendtraining unter dem Aspekt des jeweiligen Entwicklungsstandes kein Erwachsenentraining sein kann. So ist unter anderem auch zu berücksichtigen, das eine kalendarisch Zehnjährige einen biologischen und psychischen Entwicklungsstand einer Zwölfjährigen und umgekehrt haben kann.

    Die Vielseitigkeit von sportmotorischen Aktivitäten in den verschiedenen Sportarten ist vor allem auf eine höchstmögliche Entfaltung der koordinativen Fähigkeiten ausgerichtet.

    Weitere Ziele sind

    • Verbesserung der motorischen Grundeigenschaften,

    • Vergrößerung des Bewegungsrepertoires,

    • Verbesserung des Lerntransfers bei der Differenzierung von Bewegungsmustern,

    • Und durch den Vergleich mit anderen Sportarten und deren Durchführung eine bessere Motivation für die Spezialsportart erhalten.

    Vielseitigkeit
    Mit anderen Worten bedeutet dies, das am Anfang des Kinder- und Jugendtrainings eine vielseitige sportmotorische Grundausbildung stehen muss, die einhergeht mit einem breit gefächerten Angebot an sportmotorischen Erfahrungen aus anderen Sportarten (Basketball, Handball, Turnen, Leichtathletik usw.)

    Anschließend beginnt erst die Phase der Ausbildung der sportartspezifischen Vielseitigkeit, was nicht gleichbedeutend ist, das erst jetzt und nicht in einer vielseitigen sportmotorischen Grundausbildung pritschen und baggern gelernt werden darf.

    Sportartspezifische Vielseitigkeit bedeutet immer, das jeder Zuspielen kann, das jeder baggern kann und das jeder angreifen kann. Denn ein Angreifer kann später nur einen Zuspieler verstehen, wenn er selbst mal zugespielt hat. Dies gilt auch im umgekehrten Falle. Vielseitigkeit in diesem Ausbildungsabschnitt verlangt in der langfristigen Trainingsplanung demnach Geduld und auch das weiterhin wichtige Inhalte anderer Sportarten thematisiert werden (z.B. Fußball und Basketball spielen oder Sprints und Ausdauerläufe).

    So steht Vielseitigkeit nicht nur am Anfang der Ausbildung, sie ist Begleiter über das Erreichen des Höchstleistungsalter hinaus, denn  sie setzt durch die Andersartigkeit der Belastung in einigen Bereichen (z.B. in der Motivation, mal etwas anderes auszuprobieren) positive Akzente. Als Beispiel mag hier auch  Beachvolleyball dienen.

    Vielseitig und auf breiter Basis Kinder- und Jugendliche auszubilden, ist nach den vorangegangenen Ausführungen der schwierigere Weg. Der ständige Kampf um Argumente (z.B. bei Erfolglosigkeit im E-und D-Jugendalter) und Mitstreiter verlangt vom Trainer/in Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Letztendlich sind aber die Ziele einer vielseitigen Ausbildung auch unter den schlechtesten äußeren Bedingungen mit der richtigen Einstellung und Überzeugung zu erreichen, denn das Ergebnis lohnt die Mühe, wenn ein oder mehrere ehemalige Kinder- und Jugendliche – zwar kein Hessischer E- und D-Jugendmeister – mit Ende Zwanzig noch in der Oberliga oder höher spielen.

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