Volleyball & Kleine Spie

Genetisches Lernen I

Vermittlung von Volleyball einmal anders?!

Gunnar Kraus (post@gunnar-kraus.de)

1. Wie alles begann...


Zufrieden sitze ich da und schaue meiner Damenmannschaft beim Einschlagen zu. Es ist der erste Spieltag. Wir sind bestens vorbereitet, haben Aufschlag und Annahme trainiert. Auch Angriff und Block haben wir in ausgefeilten Übungsreihen verbessert.

Die Aufstellung ist klar. Das Spiel beginnt. Wir haben Aufschlag. Lange Ballwechsel entwickeln sich. Das Spiel geht hin und her. Es wird angenommen, die Zuspieler verteilen die Bälle auf ihre Angreifer, die dann mehr oder weniger hart angreifen. Die jeweils andere Mannschaft verteidigt, „kratzt“ die Bälle und geht zum Gegenangriff über. Es gibt Angriffe und auch einige Blocks zu sehen. Hin und wieder wird ein Ball gelegt. Alles bestens.

Doch irgendetwas stimmt nicht. Die Aufschläge kommen mal mehr, mal weniger hart, aber völlig unabhängig davon, wie der Annahme-Riegel steht, oder wer in der Annahme steht. Die Annahme ist dafür ganz ordentlich. Alles geht Richtung Position 2. Dorthin ist die Zuspielerin gewechselt, um die Bälle an die Angreiferinnen zu verteilen. Aber warum spielt sie immer vor die beiden großen Blockspielerinnen? Und warum schlägt die Angreiferin immer mitten in den Block?

Der nächste Angriff wird gelegt. Mitten auf die Arme meiner Nahsicherung. Wir starten zum Gegenangriff über Position 4. Knallhart fliegt der Ball Richtung Position 5, wo drei Abwehrspielerinnen schon auf ihn warten. Abgewehrt. Ein richtiger Gegenangriff kommt allerdings nicht zustande, der Ball wird ‚nur’ gepritscht. Warum blocken dann eigentlich meine Spielerinnen?

Jetzt kommt der Ball zu meiner besten Spielerin. Sie wird es schon richten. Tatsächlich erkennt sie genau ‚das Loch’ und legt den Ball zielsicher in die Mitte des gegnerischen Feldes. Der Jubel ist groß.
Das gleiche macht sie im Verlauf des Spiels auch noch viele Male, ohne, dass sich beim Gegner irgendetwas ändert. Beim Angriff über die 4 nehmen die Abwehrspielerinnen immer schön ihre Positionen ein, um dann den Ball doch nicht zu kriegen. Moment… meine machen das genau so. Nur, der Gegner hat es noch nicht gemerkt…

Leider hat der Gegner auch so eine Spielerin wie ich. Eine mit Übersicht und Spielintelligenz, wie man so schön sagt. Aber: Spielen hier dann eigentlich nur zwei richtig Volleyball? So, dass es Spaß macht zuzugucken und man manchmal überrascht ist, was denen noch so einfällt. Worin bestand dann der Fortschritt durch mein Training? In der Erhöhung des technischen und motorischen Niveaus? – Immerhin wird der Ball ja mit einer ganz ansehnlichen Technik immer wieder auf die Arme der Abwehr geschlagen. Oder vielleicht in Form unseres neuen Abwehrriegels, den ich aus der neuen Ausgabe des VolleyballMagazins übernommen habe? Haben die Spielerinnen überhaupt begriffen, worum es beim Volleyball geht?

Natürlich habe ich ihnen genau das vermitteln wollen. Schließlich habe ich ihnen doch die Techniken des Volleyballspiels als seine Grundelemente mit verschiedensten Übungsreihen beigebracht. (Loibl, 2001).
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1.1 Was fehlt?
Was also fehlt meinen Spielerinnen? Sind es vielleicht mangelnde körperliche Voraussetzungen? – wahrscheinlich eher nicht, denn engagierte ‚kleine Dicke’ und ‚lange Dünne’ gibt es auch. Oder ist es mangelnde Spielübersicht? – Natürlich fehlen der einen oder anderen Erfahrungen aus kleinen Spielen und anderen großen Sportspielen. Vor allem aber scheinen es technische Voraussetzungen zu sein, die fehlen, denn diese ermöglichen doch erst ein regelgerechtes Spiel und damit die Entwicklung von Spielübersicht und Spielerfahrung?!

Wie schon erwähnt setzt aber genau da – nicht nur meine – Vermittlung an: Die technischen Grundelemente als Voraussetzung des Spielens zu sichern. Leider scheint daraus nur für wenige, oder nur nach sehr langer Zeit, Spielen zu entstehen. Liegt das an den Lernenden oder auch an der Vermittlung? – Einige spielen ja ‚richtig’. Aber sind das nicht die, die es schon von Beginn an, vielleicht vom Handball her, schon konnten? (Loibl, 2001)

1.2 Was tun?
Was kann ich also tun, um ein volleyballtypisches Spielerlebnis möglichst früh und in kurzer Zeit für alle zu ermöglichen: Die Freiheit des Spielens zu erleben, Situationen durch unterschiedliche Aktionen auszuloten, immer neue Versuche zu starten, die gegnerische Abwehr oder den Block auszutricksen; oder im Gegenzug die eigene Position im Feld immer wieder so zu verändern, dass optimale Chancen gegen die Angriffe des Gegner entstehen – eben „ein ständig produktives Handeln auf Grundlage vielfältiger Handlungsmöglichkeiten?“ (Loibl, 2001, S. 9).

Was sind Handlungsmöglichkeiten im Volleyball? Pritschen, Baggern, Schmettern, Aufschlag, usw.? Also doch wieder die Techniken?

Genau diese Techniken können meine Spielerinnen aber ganz gut. Sogar komplexe Übungen, in denen verschiedene Techniken kombiniert sind, funktionieren recht ordentlich. Dann können Handlungsmöglichkeiten im Spiel aber nicht die gleichen Techniken sein, die im Training geübt werden. Was also fehlt den Techniken? Was ist im Spiel anders?

Meines Erachtens ist dies die Spielsituation: Im Spiel geht es permanent darum, sich zu entscheiden und zu erkennen, was zu tun ist, um die Situation möglichst günstig zu gestalten. In Übungsformen wird dagegen häufig nur thematisiert, wie die unterschiedlichen Aktionen ausgeführt werden sollen. Der Könner weiß, wann sie im Spiel zum Einsatz kommen, aber weiß das auch der Anfänger? (Loibl, 2001)
Anfänger sind in der Regel recht schnell dazu fähig, sich Bälle gezielt zuzupritschen oder zuzubaggern. Wann aber z. B. in der Situation der Ballannahme die eine oder andere Technik angewandt werden sollte, ist nicht so eindeutig. Mit derartigen Entscheidungen werden Anfänger meist erst im Spiel konfrontiert. Auf gar keinen Fall aber beim Üben bestimmter Bewegungsabläufe.

Wie sollen nun solche Spielhandlungen als Lösungen komplexer Spielsituationen im Lernprozess entwickelt werden, wenn die doch recht komplizierten Techniken nicht vorhanden sind? Welche andere Hilfe kann ich dem Lernenden bieten, anstelle einer langen Technikschulung?
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2 Was ist Sport?
Es sollen also nicht einfach Bewegungsabläufe, sondern „Bewegungshandlungen als Lösungen von Aufgaben, speziell Spielhandlungen als Lösungen von in Spielsituationen gestellten Aufgaben“ (Loibl, 2001, S. 12) gelernt werden. Diese Aufgaben im Volleyball, die natürlich nicht einfach vom Himmel fallen, sind so typisch für Sport im Allgemeinen, dass ich hier zunächst eine Definition von Sport vorstellen möchte, die ich für mich größtenteils als gültig empfinde. Denn was ist, wenn unser Training am eigentlichen Sinn von Sport und insbesondere Volleyball vorbeigeht?

„Sport ist die willkürliche Schaffung von Aufgaben, Problemen oder Konflikten, die vorwiegend mit körperlichen Mitteln gelöst werden. Die Lösungen sind beliebig wiederholbar, verbesserbar und übbar und die Handlungsergebnisse führen nicht unmittelbar zu materiellen Veränderungen.“ (Volkamer, 1987, S. 53)
Das bedeutet, dass ein auf dem Weg zur Arbeit befindlicher Mann, der zum Bus rennt, keinen Sport ausübt, denn er ist nicht mit Absicht zu spät aus dem Haus gegangen, nur um zu gucken, ob er den Bus noch erreicht. Ein 400m-Läufer hingegen, der unter größten Anstrengungen einmal in der Runde rennt, um dann wieder am selben Ort anzukommen an dem er zuvor gestartet ist, treibt seines Erachtens sehr wohl Sport. Wenn das ‚Einmal-in-der-Runde-laufen’ von einer anderen Person allerdings nicht als sinnvoll erachtet wird, kann man dieser auch keinen Grund nennen, der ihr die Sache zweckmäßig erscheinen lässt.
Warum es toll, spannend und sinnvoll ist mit 22 Personen hinter einem Ball her zu rennen, um diesen gelegentlich auf ein Tor zu schießen, dass sogar noch bewacht wird, lässt sich objektiv nicht erklären. Genauso wenig lässt sich erklären, warum Volleyball – objektiv gesehen – sinnvoll sein soll. Es handelt sich hier nur um willkürlich geschaffene Probleme, die man nicht lösen muss, wenn man nicht will.
Letztendlich ist Sport und somit auch Volleyball für die meisten aber aus einem ganz bestimmten Grund sinnvoll: Natürlich kann Sport dabei auch gesund machen oder halten und die Figur formen, aber wenn uns das keinen Spaß macht, dann lassen wir es bleiben. Früher oder später zumindest. Wenn Handlungen für uns keine materiellen Auswirkungen haben, müssen sie im Großen und Ganzen Spaß machen, damit wir sie länger ausüben wollen.

Dieser Text wird natürlich nur von Leuten gelesen, die es sinnvoll finden, zu versuchen, einen Ball trotz Gegenwehr in einem gegnerischen Feld auf den Boden zu bringen, obwohl sie dabei diesen nicht fangen dürfen (was bestimmt leichter wäre). Das ganze auch noch über ein hohes Netz, das zwischen ihnen hängt. Es scheint wohl Spaß zu machen.

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