Volleyball & Kleine Spie

Genetisches Lernen II

Vermittlung von Volleyball einmal anders?!

Gunnar Kraus (post@gunnar-kraus.de)

3 Herkömmliche Vermittlung von Volleyball


Zurück zu der Frage, welche Hilfen ich meiner Mannschaft anstelle einer langwierigen (und oft gar nicht spannenden oder spaßigen) Technikschulung bieten könnte und somit zu der Frage: Wie lernt man eigentlich (Volleyball-)Spielen?

Zu diesem Zweck möchte ich zunächst klären, wie – im Groben – die bisherige Vermittlung des Sportspiels Volleyball aussieht: Volleyball ist unbestreitbar eine Sportart mit komplizierten Techniken und komplexen Situationen, wie die folgende Abbildung veranschaulicht:

 

Wahrscheinlich ist die in der Tabelle dargestellte Herangehensweise wohl bekannt. Im Training wird dabei versucht die Situation soweit zu vereinfachen, bis das Üben eines bestimmten Bewegungsablaufes möglichst ohne Störfaktoren durchführbar ist. Dabei orientieren sich die Trainer nicht selten an so genannten Technikleitbildern, die mit diversen Lehrfilmen, -büchern oder Zeitschriften zur Verfügung stehen.

Einige Techniken werden dabei in ihre verschiedenen Elemente zerlegt, die dann einzeln trainiert werden können (beim Angriff z. B. Stemmschritt und Schlagbewegung). Andere Techniken werden erstmal ‚trocken’ ausgeführt, um den Ablauf ‚einzuschleifen’. Hin und wieder werden bestimmte Bewegungsabläufe auch in Zeitlupe ausgeführt, um jede Teilbewegung bewusster durchführen zu können.

Trainiert wird dabei meist vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Komplexen, wobei jeweils vom Lehrer/Trainer bzw. vom Lehrbuch festgelegt wird, was leicht, was schwer, was komplex und was einfach ist. Ob das der Anfänger jeweils genau so empfindet spielt dabei keine Rolle.

Auf jeden Fall findet häufig eine Korrektur der Bewegung hin zu der angestrebten Zieltechnik statt. Dabei wird die Aufmerksamkeit des Lernenden auf die richtige Ausführung der einzelnen Bewegungsteile gelenkt.

Später wird dann das Gelernte in die Spielsituationen eingesetzt und braucht auch dort zunächst einmal eine gewisse (meist längere) Zeit bis es funktioniert.

Man könnte auch sagen, dass in der herkömmlichen Vermittlungsart der Versuch unternommen wird, den Anfänger durch Techniktraining auf das Anforderungsniveau von Volleyball ‚anzuheben’, damit dann das Zielspiel möglich wird. Das hat zur Folge, dass ‚richtiges’ Spielen lange nicht möglich scheint oder etwas ketzerischer formuliert: Das herkömmliche Training vermittelt offensichtlich die falschen Inhalte.

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4 Und jetzt?

Ganz so verhält es sich natürlich nicht, denn viele Spielerinnen lernen ja ‚richtig’ Volleyball spielen. Nur wäre es doch schade, wenn die ‚richtigen’ Inhalte quasi nebenbei – aus Versehen – gelehrt würden.

Stellen sich also folgende Fragen: Was ist daran ‚falsch’ sich an Techniken von Weltklassespielerinnen zu orientieren? Was fehlt, wenn Techniken ‚trocken’ geübt werden, um sie ‚einzuschleifen’? Was funktioniert nicht, wenn ich durch Bewegungskorrekturen die Aufmerksamkeit auf einzelne Bewegungen lenke?

4.1 Technikleitbilder

Anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen Turnen und Volleyball? – Beim Turnen geht es um die Ausführungen einer Bewegung, diese wird dann sogar bewertet, so dass alle Turner nach möglichst der gleichen Ausführung streben. Die erbrachte Leistung orientiert sich an eben dieser möglichst exakten Ausführung. Beim Volleyball hingegen geht es um den Effekt, nämlich um das Erzielen von Punkten, bzw. das Verhindern. Eine Bewertung des Aussehens wäre wahrscheinlich eher kontraproduktiv. Daher ist es letztendlich egal, ob z. B. ein Zuspieler alle 10 Finger am Ball hat oder nur 6, ob er die Arme im 45°-Winkel gebeugt hat oder nicht, wenn der Ball immer dahin kommt, wohin er soll, und (in Perfektion) keiner der Gegner es vorher erkennt.

Ein anderes Beispiel: Als Boris Becker 1985 als 17jähriger in Wimbledon antrat, amüsierten sich alle über seine Aufschlagtechnik, die so gar nicht den Lehrbüchern entsprach. Wie wir alle wissen, gewann er das Turnier.

Es gibt also im Volleyball kein so genanntes Technikleitbild dessen Ausführung es genauestens nachzuahmen gilt. Was es allerdings gibt, sind so genannte Invarianten. Gemeint sind damit diejenigen Schlüsselelemente, die unbedingt vorhanden sein müssen, damit eine bestimmte Bewegung überhaupt gelingt. Beim Speerwurf z. B. muss irgendwann eine Ausholbewegung stattfinden. Wann ist dabei eher nebensächlich, auch wenn sie in der Bewegungsbeschreibung diverser Lehrbücher natürlich einen genauen Platz hat. In der internationalen Spitze macht es jeder Werfer zu einem anderen Zeitpunkt – und die müssen es ja wissen.

Auf den Volleyball bezogen ist es beim Versuch möglichst hoch zu springen unumgänglich die Knie zu beugen. Auch ein kräftiger Armschwung ist sicherlich hilfreich. Allerdings benötigen verschieden Spieler völlig verschiedene Kniewinkel, um die für sie größtmögliche Höhe zu erreichen, und auch der Armschwung sieht bei jedem anders auch. Es wäre daher völlig verkehrt, wenn wir jeden dazu zwingen würden einen Winkel von beispielsweise 45° zu benutzen oder die Arme nur auf eine ganz bestimmte Art und Weise einzusetzen.

Techniken in einer ausführungsorientierten Sportart wie Volleyball sind immer individuelle Lösungen und somit auch nie völlig identisch. Vorhanden sein müssen nur die erwähnten Schlüsselelemente.

4.2 Bedeutung von Bewegung

In diesem Zusammenhang soll auch erwähnt werden, dass die Bedeutung einer Bewegung immer abhängig ist von dem Sinn und Zweck, den die Handlung erfüllen soll. Die Bewegung des Fensterputzens ohne Fenster und Lappen ist bedeutungslos, ebenso wie das Verknoten zweier Seile ohne Seile oder das Küssen ohne Partner. Nicht ohne Grund gilt die Fertigkeit, Bewegungen ohne situativen Bezug korrekt auszuführen, als Kunst der Pantomime (Scherer, 2001).

Die Technik des Pritschens erhält also nur dadurch einen Sinn, dass es auch ein Ball gibt, der zugespielt werden muss. Unter diesem Aspekt erscheint das durchaus übliche Üben eines Stemmschrittes ohne Ball und Netz nicht mehr zwingend einleuchtend. Wenn die Bewegungsausführung unabhängig von ihrem eigentlichen Sinn geübt wird und dabei auch noch auf die ‚korrekte’ Ausführung geachtet wird, dann turnen wir Volleyball (siehe Kapitel 4.1).

Wenn es keinen Grund gibt durch einen möglichst schnellen Anlauf an einer bestimmten Stelle möglichst hoch abzuspringen und auch beinahe an der gleichen Stelle wieder landen zu müssen, warum sollte man das tun?

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4.3 Antizipieren

Des Weiteren werden Bewegungen immer durch die Wahrnehmung geleitet (Scherer, 2001). Das können wir z. B. an Formulierungen wie ‚greifbar’ und ‚nicht greifbar’, ‚überspringbar’ und ‚nicht überspringbar’ oder ‚erreichbar’ und ‚nicht erreichbar’ erkennen. Wir haben keine Kilogrammzahl vor Augen, wenn wir etwas heben wollen. Wir würden immer – wenn auch nicht bewusst – ‚tragbar’ oder ‚nicht tragbar’ denken. Man führt die Bewegung, um z. B. ein Glas in die Hand zu nehmen nur aus, wenn es in Reichweite (erreichbar) scheint. Genauso verhält es sich übrigens in einer Abwehrsituation beim Volleyball. Dort bewege ich mich auch nur zum Ball, wenn ich eine Chance sehe ihn auch zu erreichen – wenn der Ball also erreichbar scheint.

Dabei ist aber auch die Wahrnehmung von der Bewegung bzw. von den eigenen Aktionsmöglichkeiten abhängig (Scherer, 2001). Für eine Spielerin, 1,90 m groß und sprunggewaltig, erscheint ein Block als durchaus überwindbar und sie versucht einen Angriffsschlag. Derselbe Block ist für eine kleinere Spielerin, die zudem nicht sehr hoch springt, ein unüberwindbares Hindernis, und sie versucht wahrscheinlich etwas anderes als einen Angriffschlag über den Block.

Wahrnehmung (der Umweltbedingungen) und Bewegung (die jeweils vorhandene Aktionsmöglichkeiten) beeinflussen sich also wechselseitig (Scherer, 2001).

Zu guter Letzt sind Bewegungen immer auf zukünftige Person-Umwelt-Beziehungen ausgerichtet (Scherer, 2001). Wir antizipieren das Glas (Umwelt) in der Hand (Person) und nicht wie und wann wir den Ellenbogen strecken, die Hand öffnen, die Finger beugen oder ähnliches2. Würde man beispielsweise einen Tausendfüßler fragen, was er wann mit seinem 963sten Bein macht, käme er ins Stolpern. Genau so verhält es sich im Sport und im Volleyball. Wenn wir einen Ball ins gegnerische Feld schlagen wollen, antizipieren wir den Ball im Feld, nicht, wann wir welche Einzelbewegung vollziehen. Tun wir das, oder wird unsere Aufmerksamkeit durch Traineranweisungen zu sehr darauf ausgerichtet, gelingt die Bewegung meist nicht. Wir stellen uns also eher das Glas in der Hand vor, als dass wir uns die dafür nötigen Bewegungen ins Gedächtnis rufen.

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