Volleyball & Kleine Spie

Genetisches Lernen III

Vermittlung von Volleyball einmal anders?!

Gunnar Kraus (post@gunnar-kraus.de)

5 Wie dann


Aber wie kann ich bei den Lernenden eine, ihrer Bedeutung entsprechende individuell optimale Technik entwickeln und zugleich das Spiel für jeden spielbar zu machen, obwohl noch fast keine Techniken vorhanden sind?

5.1 Material

Da sich Fähigkeiten und Fertigkeiten (also die Person) nur sehr langsam entwickeln, könnte man den Versuch unternehmen die Umwelt an das vorhandene Niveau anzupassen. Aus diesem Grund spielen Männer, Frauen und Jugendliche bzw. Kinder bei jeweils verschiedenen Netzhöhen und auch Feldgrößen.

Eine weitere Vereinfachung wäre ein Volleyball, der langsamer fliegt als ‚normale’ Volleybälle. Damit würden auftretende Zeitprobleme, die dadurch entstehen, dass der Ball nicht gefangen werden darf, vielleicht gelöst werden können.

5.2 Techniken und Regeln

Auf jeden Fall darf ich nicht versuchen, die Lernenden durch Training auf das Anforderungsniveau von Volleyball anzuheben, wie es im Bild links dargestellt ist und wie es beim herkömmlichen Training allzu häufig vorkommt.

Ich kann auch Volleyball auf Könnensniveau der Anfänger (wie in der Abbildung rechts veranschaulicht) ‚herunterholen’ und dann gleichzeitig das Niveau mit dem Spiel anheben. Das Spiel verändert sich dann mit den Fähigkeiten der Lernenden. Es wird spielbar gemacht, sodass seine typische Struktur, Dynamik und Spannung von Anfang an erlebbar wird.

 

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Das funktioniert allerdings nur, wenn ich die Regeln ändere oder ändern lasse. Und genau das findet im Prinzip schon immer statt: Natürlich wird in der Regionalliga nach den gleichen Regeln gespielt wie in der Kreisliga. Aber eben nicht ganz. In der Kreisliga werden die Regeln so geändert bzw. ausgelegt, dass Volleyballer das Spiel Volleyball auch auf ihrem Niveau spielen können. Die Regeln des Spiels bestimmen die Schwierigkeit der Techniken. Also ist „das Instrument zur Vereinfachung der Spieltechniken das Mittel der Regelveränderung“ (Loibl, 2001).

Jetzt könnte man argumentieren, dass es ja nun vorgeschriebene Regeln gibt und eine zu starke Abänderung dann ja nicht mehr Volleyball ist. Aber: War das Spiel Volleyball vor der Einführung der Libero-Regel kein Volleyball? Spielen wir noch Volleyball, obwohl wir heute bis 25 zählen müssen, nicht bis 21 wie bis 1917 oder bis 15 wie noch vor einigen Jahren? Übrigens ist erst 1938 das Blockieren gestattet worden (Nagel, 1986). War das Spiel bis dahin Volleyball, oder nicht?

Natürlich dürfen solche Regeländerungen nicht beliebig sein. Das sind sie – auch wenn es manchmal so scheinen mag – auch nicht, wenn der Weltvolleyballverband eine Regel ändert. Sie dienen dazu ‚Bedingungen’ herzustellen, ohne die ein Sportspiel (in seiner Sinnlosigkeit; siehe Kapitel 2) keinen Sinn machen würde. Alle Regeln dienen letztendlich dazu folgende drei Voraussetzungen zu schaffen:

  • Sie sollen Spielfluss herstellen bzw. gewährleisten.

  • Sie sollen dafür sorgen, dass prinzipiell jeder teilnehmen kann.

  • Sie sollen eine prinzipielle Ergebnisoffenheit wahren.

  • Sie sollen also das Spiel im Großen und Ganzen spannend machen, damit es funktioniert.

Diese Erleichterung durch Veränderung des Regelwerks darf allerdings auch nicht zu weit gehen (Loibl, 2001). Darf der Volleyball zu Beginn beispielsweise gefangen werden, ist nicht nur der Grundgedanke von Volleyball nicht mehr gegeben. Wenn jeder Angriff vom Gegner einfach gefangen werden darf, ist keine Spannung mehr in der Ballannahme und somit im ganzen Spiel.

Daher wird vor allem für die ungeübten Spieler die Schulung einer Technik sinnvoll sein, damit sie die angebotenen Vereinfachungen besser nutzen können. Beispiel: Ein charakteristisches Element von Volleyball ist es, dass der Gegner Bälle in unser Feld spielt um einen Punkt zu machen. Gelingt die Ballannahme selten, so werden die Techniken der Ballannahme neben dem Spiel zum Übungsthema.

Wichtig dabei: Die entsprechende Spielsituation wird zunächst im Spiel erfahren. Die Technik wird als Lösung einer im Spiel gestellten Aufgabe erkannt und somit auch außerhalb des Spiels beim Üben sinnvoll. Damit ist auch eine Lernmotivation gegeben, die „aus der Sache erwächst und nicht bloß aus dem Expertenwissen des Lehrers/Trainers“ (Loibl, 2001, S.97). Geübt wird so lange, bis dieses Problem das Spiel nicht mehr beeinträchtigt.

Tritt das ein, wird sich wahrscheinlich die Frage nach neuen Möglichkeiten Punkte zu erzielen stellen und ein verbesserter Aufschlag oder Angriffsmöglichkeiten notwendig.

In der folgenden Tabelle sind einige Situationen mit den Techniken als Lösungen und deren Invarianten vorgestellt.

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6 Genetisches Lernen

Wie kann ich nun sichergehen, dass die Entwicklung von Material, Techniken und Regeln nicht an den Interessen der Lernenden vorbeigeht? Und wie kann ich Einsicht und Verständnis in Strukturen des Volleyballspiels schaffen, um Spielintelligenz und Spielübersicht zu schulen? Wie bringe ich meinen Spielerinnen Problemlösen bei, damit ich ihnen nicht zu jedem auftretenden Problem eine Lösung beibringen muss?

Vielleicht erscheinen jetzt so genannte Spielreihen ein probates Mittel zu sein. Dietrich (1984) kommt zu dem Schluss, dass es, neben den eben gestellten Fragen, auch gilt, eine Allgemeine Spielfähigkeit, die das Entwickeln, das „in Gang setzen“ und „in Gang halten“ eines Spiels umfasst, zu entwickeln. Dies ist in Spielreihen nicht möglich, weil im Spielreihenkonzept der Übergang von einem Spiel zum nächsten durch den Trainer, ganz im Sinne des Heranführens an das Zielspiel, bestimmt wird. Im freien Spielen, wie auch im genetischen Lernen bestimmen die Lernenden selbst die Spielform bzw. das Spiel, welches sie gerne Spielen möchten. Gespielt wird dabei natürlich immer eine Form des jeweiligen Spiels, die funktioniert. Sie erkennen Probleme des laufenden Spiels und finden für diese Lösungen oder handeln eine neue Spielform aus. Damit treten nicht nur soziale Prozesse in den Vordergrund. Die Lernenden erlangen auch auf kognitiver Ebene Einsicht in Strukturen des Spiels:

„Taktiken und Techniken als Mittel zum Zweck des Lösens einer Spielaufgabe im Rahmen der Spielidee; Regeln als Instrumente der Verwirklichung der Spielidee.“ (Loibl, 2001, S. 19). (Wie im vorherigen Kapitel (3.2) bereits angesprochen)

Auch eine Spezielle Spielfähigkeit wird im genetischen Konzept geschult. Sie bezeichnet die Fähigkeit auf Basis von Regelkenntnissen, motorischem Können und Spielerfahrung in dem speziellen Spiel Volleyball mitspielen zu können (Loibl, 2001).

Das genetische Lehren kommt ursprünglich aus der Physik. Wagenschein (1991; Martin Wagenschein (1896 – 1988) war Pädagoge, Mathematik- und Physiklehrer.) bezeichnet damit einen Vermittlungsweg, der durch drei Prinzipien gekennzeichnet ist:

  • Genetisch lehren heißt, dass Lernende am ursprünglichen Problem arbeiten und selbsttätig Lösungen entwickeln.

  • Sokratisch lehren heißt dabei, die Selbständigkeit der Lernenden zu fordern, indem Fragen der Lernenden an sie zurückgegeben werden und der Lehrende den Lösungsweg der Lernenden durch Fragen unterstützt und indirekt lenkt.

  • Exemplarisch lehren heißt, das genetisch-sokratische Vorgehen an ausgewählten Beispielen durchzuführen, an denen zentrale und grundlegende Erkenntnisse besonders prägnant gewonnen werden können. Diese Erkenntnis stellt dann die Basis dar, auf der mit klassischem Darlegenden Unterricht weiter gearbeitet werden kann.

In diesem letzten Punkt ist eine äußerst wichtige Aussage enthalten: Darlegender Unterricht ist mit eingeschlossen. Ihm wird allerdings durch das genetische Lernen ein besserer Nährboden bereitet. Das bedeutet für unser Volleyballtraining, dass ich sehr wohl Techniken üben und trainieren muss. Nur sollte zuerst und hauptsächlich das Spiel gespielt werden, damit Techniken als Lösungen für im Spiel auftretende Probleme sinnvoll werden (siehe Kapitel 5.2).

Durch diese drei Prinzipien könnte mit dem genetischen Lernen ein weiteres Problem, das nicht nur Volleyballtrainer betrifft, gelöst werden: Das Zeitproblem oder anders: Das Bedürfnis, mit relativ wenig Training in der Woche möglichst viel erreichen zu wollen.

Sicher dauert es dabei zu Beginn länger, wenn Anfänger quasi ‚das Rad’ – also in diesem Fall Volleyball und einige dazugehörige Techniken – neu erfinden. Sie sollen durch diese Herangehensweise aber unter anderem Problemlösen lernen und das können sie nur, wenn sich ihnen auch Probleme stellen. Das lernt man nicht, wenn der Trainer/Lehrer als Experte alle Lösungen vorgibt und die Lernenden diese nur noch reproduziere. Ist Problemlösen einmal gelernt, ‚explodiert’ irgendwann die Lernkurve in dem Sinne, dass nicht mehr alle Lösungen einzeln vermittelt werden müssen.

Bei Fortgeschrittenen vermittle ich also beispielsweise nicht: Schlagen in Anlaufrichtung, Schlagen gegen die Anlaufrichtung, Schlagen über die Schulter nach innen oder nach außen, Legen, Drive-Schlag und Anschlagen des Blocks, sondern ich thematisiere z. B. ‚den Block austricksen’. Dann ergeben sich die genannten ‚Techniken’ ganz logisch als Möglichkeiten, diese Aufgabe zu erfüllen (siehe auch Kapitel 4.2). Außerdem spare ich die Zeit, die es gekostet hätte, jede einzelne Technik – losgelöst von ihrem Sinn – isoliert zu trainieren.

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Ein anderes Beispiel: Wenn Anfänger ein Problem in der Ballannahme haben, weil einige Bälle vom Gegner zu schnell, hart und/oder flach geflogen kommen, ergibt sich fast von alleine – zumal fast alle Anfänger eine ungefähre Vorstellung davon haben – der Annahmebagger als Lösungsmöglichkeit, der dann ganz im Sinne des Lehrgangs natürlich außerhalb des Spiels geübt werden kann und muss. Entwickle ich dieses Problem mit den Lernenden von Grund auf, brauche ich das nicht auch noch beim Pritschen in voller Ausführlichkeit zu wiederholen. Den Lernenden soll klar werden, dass bestimmte Techniken zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe (Pritschen als Möglichkeit sehr zielgenau zuzuspielen, Bagger für harte, flache und/oder zu schnelle Bälle) entwickelt worden sind.

Der Ablauf eines genetischen Lehrgangs kann also wie folgt beschrieben werden (Loibl, 2001):

Phänomen => Problem => Lösung(en) => Üben

Der Grundgedanke dabei ist (wie schon erwähnt), dass die Lernenden selbst nach Lösungen dieses Problems suchen und nicht einfach – von Experten vorgefertigte – Lösungen reproduzieren. Sie können diese dann erproben und gegebenenfalls verwerfen oder weiterentwickeln. Die Lernenden entwickeln somit Einsicht, Verstehen und Kreativität, während sie vom Lehrenden nach dem sokratischen Prinzip unterstützt werden. Dem Trainer/Lehrer kommt hierbei die Aufgabe zu, immer zu wissen, welche Lösungen prinzipiell möglich sind, um die Lernenden zu begleiten und entsprechende Situationen zum Üben der jeweiligen Lösungen bereitzustellen.

Das Phänomen hat in dieser Abfolge die Aufgabe, bei den Lernenden überhaupt das Interesse zu wecken, Volleyball zu spielen. Das kann durch bereits vorhandene Vorerfahrungen oder durch die Vorführung eines Videos oder – noch besser – durch den Besuch eines ‚richtigen’ Volleyballspiels geschehen. Damit kann sich den Lernenden quasi ganz von alleine das Problem ergeben, Volleyball spielen zu wollen.

Da die Lösungen von den individuellen Gegebenheiten der Lernenden abhängig sind (u. a. Körpergröße, Kraft, Vorerfahrungen usw.), werden sich unterschiedliche Lösungen für verschiedene Lernende ergeben. Für das Üben bedeutet das aber, dass nicht nur eine individuelle Lösung geübt wird. Vielmehr wird ständig ein Prozess der Optimierung durchlaufen, bei dem auch andere Lösungen einmal zu optimalen Lösungen werden können, wenn sich die Gegebenheiten geändert haben (Loibl, 2001).

Kinder werden z. B. auf Grund ihrer Körperkraft, Armlänge und Handgröße zwangsläufig eine andere Technik beim Pritschen entwickeln, als erwachsene Anfänger. Wenn diese Kinder dann heranwachsen und sich dadurch die Körperkraft erhöht und Hände und Arme größer bzw. länger werden, ändern sich damit die Gegebenheiten, und eine mitunter völlig andere Pritschtechnik wird die optimale Lösung für die sich stellenden Aufgaben.

Wichtig dabei ist auch, dass es zwei unterschiedliche Sachverhalte sind, dem „eigenen Gang von Problemen und Lösungen zu folgen, als den historischen Entwicklungsweg nachzugehen“ (Loibl, 2001). Es geht also nicht darum, Volleyball geschichtlich mit allen seinen Formen und Technikvarianten ‚nachzuerfinden’, sondern den von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich auftretenden Problemen mit jeweils geeigneten Lösungen zu begegnen.

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