Intuitives Spielen

- Überlegungen und Gedanken zur Förderung des intuitiven Verhaltens im Volleyball -

 Christian Zeyfang

Intuition im Sport Kinder- & Jugendtraining So trainiere ich... Zusammenfassung

Einführende Gedanken

"Die Intuition sagt, woher es kommt und wohin es geht" (Carl- Gustav Jung)

Intuition ist spontanes Erfassen, plötzliche Erkenntnis, aber auch ein Moment künstlerischen Gestaltens. Eigenschaften, die im Volleyball und anderen Spielsportarten nicht nur wünschenswert sind, sondern gerade auch die Attraktivität ausmachen. Der Sport, besonders der Wettkampf, lebt von Intuition der alltäglichen Art (SCHÖNPFLUG 1994). Der überraschend gelegte zweite Ball, das geistesgegenwärtige Agieren im Block; in der Angriffsgestaltung faszinieren vor allem mutige, unkonventionelle Spielgestaltungen von  Zuspielern, in der Abwehr das Vorausahnen und frühzeitige Erfassen der gegnerischen Aktionen, schließlich die Umsetzung in eigenes Agieren.

Dabei ist nicht alles mit bewusst gesteuerter Wahrnehmung gleichzusetzen[1], sondern Wahrnehmung kann ein Teilbereich von Intuition sein. VOIGT (1993) beschreibt Volleyball als Umschaltspiel, tatsächlich werden im Training seit den späten achtziger Jahren vermehrt Wahrnehmungs- und Umstellungsfähigkeiten trainiert.  Aber Intuitives Spielen ist mehr:

Spielen mit dem Ball, mit dem Gegner,
mit der Taktik;
aber auch mit den Wahrnehmungen, Gefühlen
und den vorhandenen Fähigkeiten.

Wird darauf im Training zu wenig Rücksicht genommen? Werden die Voraussetzungen des Intuitiven Spielens nicht systematisch und vor allem flexibel genug ausgebildet?

Besonders im Kindes- und Jugendalter sind solche Eigenschaften zu entwickeln (wenn eine Entwicklung generell möglich ist - dazu mehr im folgenden). In jedem Fall können gerade im jungen Trainingsalter Veranlagungen und Talente dieser Richtung gefördert werden.

 

1 Was ist Intuition?

Intuition ist seit Jahrtausenden ein wichtiger Begriff im Denken der Menschen, in der Philosophie, Anfang dieses Jahrhunderts in der Psychologie, im Moment vor allem in Verbindung mit fernöstlichen Denkweisen und Lebensanschauungen. Darin zählt vor allem die Einheit Mensch, das gesamte und gesammelte Agieren und Körper, Geist und Seele (vgl. HERRIGEL 1984). Nach BOREL (1987) ist Intuition direkte Erkenntnis, unmittelbares Begreifen, vor allem ist sie offensichtlich, d.h. sie ist da und sie ist richtig[2].  Die Intuition sagt, woher es kommt und wohin es geht (Jung 1988). Anschaulichkeit, Ganzheitlichkeit und Emotionshaltigkeit sind nach ORNSTEIN (in SCHÖNPFLUG 1994) die Eigenschaften des intuitiven Bewusstseins; im Gegensatz zum sprachlich-analytischen. Geht man noch weiter zurück, findet man Intuition vor allem in Verbindung mit Erleuchtung. Sprachliche Wurzel ist intueor (lat.) für hinschauen,  (geistig) betrachten, aber auch erwägen.

COHN behauptet, dass Intuition ein menschliches Talent ist. Daraus schließt sie, dass Intuition wie alle anderen Talente des Menschen gefördert werden kann (1992). Sie unterscheidet Wahrnehmung, Deduktion und Intuition. Wobei letztere die Abkürzung ist, Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Erinnerungen und Schlussfolgerungen werden als Orientierungspunkte unbewusst eingesetzt um zur spontanen Erkenntnis zu kommen (ebd.). Dabei schließt sie Irrtümer jedoch nicht aus. Denn je höher entwickelt eine Funktion ist, desto wahrscheinlicher sind Irrtümer. Durch diese Behauptung unterscheidet sie sich auch signifikant von anderen Definitionen. Dadurch wird auch deutlich, dass zu intuitiven Verhalten auch Mut gehört, seinen Erkenntnissen zu folgen.

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2 Intuition im Sport

Welche Bedeutung hat die Intuition nun für den Sport, für das Volleyballspiel? "1. Intuition ist ein Faktum, 2. Sie kann trainiert werden" (COHN 1992), oder auch   "Intuition scheint sich im Sport als Erklärungsbegriff für herausragende Leistungen zu bewähren und empfiehlt sich daher zur Förderung" (SCHÖNPFLUG 1994).

Es stellt sich also sowohl die Frage, ob Intuition trainiert werde soll, als auch welche Inhalte der so vielfältig aufgezählten Eigenschaften der Intuition für den Sport, in diesem Fall besonders für Volleyball, interessant sind und im Training gefördert werden sollen.

Dabei besteht das Problem, Intuition als metaphysische Gabe oder perfektionierbare Leistung aus dem Alltagsrepertoire (SCHÖNPFLUG 1994) zu bezeichnen und zu sehen. Es gibt immer Spieler, die auf diesem Gebiet begabter sind als andere, Bernd Schuster und Diego Maradona im Fußball, oder auch Alex Fabiani, der grandiose französische Zuspieler der achtziger Jahre. Ich möchte folgende Punkte als Eigenschaften der Intuition aufzählen und Überlegungen zur Trainierbarkeit anstellen (Abb. 1):
 


Abb. 1 Faktoren des Intuitiven Spielens

1) Spontane Erkenntnis, Unmittelbares Begreifen und Umsetzung

Grundlagen dafür sind nach COHN (1992): Klarheit der Wahrnehmungen, ausreichendes Vorhandensein entsprechender Fakten (vgl. dazu Widererkennungsleistungen in VOIGT/JENDRUSCH 1993), geschultem Denken und unblockierten Gefühlen. Dies sind Voraussetzungen, die vorhanden sein müssen, um intuitiv handeln zu können.

Diese Grundlagen müssen für den Sport, oder eben speziell Volleyball, auch gelernt werden. Trainingsformen zur Wahrnehmung sind bekannt und vorhanden (WESTPHAL/GASSE/RICHTERING 1987 u.a.), Fakten zum Bereich Volleyball werden in der Ausbildung erarbeitet, geschultes Denken und wache Gefühle werden seltener gefordert. Vielleicht liegt darin der Schlüssel, warum das intuitive Spielen zu selten anzufinden ist.

Bei allen  Gemeinsamkeiten von Wahrnehmung und Intuition - nach SCHÖNPFLUG Geschwindigkeit, Evidenz und Ganzheitlichkeit -, entscheidend sind die Unterschiede: Emotionen und Kreativität sind unbedingter Bestandteil intuitiven Verhaltens, zudem ist es nicht unbedingt auf Sinneseindrücke angewiesen (PAPIN 1995). Daher gilt es, trotz offensichtlicher Verwandtschaft, diese Bereiche zu trennen - und als Konsequenz müssen auch die Trainingsformen sich unterscheiden. Zudem müssen Möglichkeiten zur Umsetzung geschaffen werden. Dies zum einen in den bekannten Bereichen - Athletik, Psyche, Taktik, Technik; natürlich möglichst in komplexen Anforderungen -, aber auch speziell in psychischen Teilbereichen, wie (Selbst)Vertrauen und Mut (näheres dazu im weiteren). Schließlich muss Erkenntnis und Umsetzung verbunden werden. Gerade in diesen Bereichen können im Training bisher vorhandene Defizite aufgearbeitet werden.

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2) Künstlerisches Gestalten

"Es geht nur, wenn sich Phantasie und Intelligenz die Waage halten. Wenn die eine von beiden die Oberhand gewinnt, ist alles vorbei." (TOLSTOI nach HÜHOLDT 1992).  Im kognitiven Bereich wird in letzter Zeit vermehrt gearbeitet, aber künstlerisches Gestalten, "phantastisches" Spielen - dieser Bereich ist der, der die Attraktivität des Spiels ausmacht - wenn man Volleyball als Spiel sehen will und nicht nur als praktische Umsetzung von Taktik und Strategie. Und dieser Bereich muss auch im Training verstärkt werden. Der Spieler "denkt wie der Regen, der vom Himmel fällt; er denkt wie die Wogen, die auf dem Meere treiben;(...). Er ist in der Tat selbst der Regen, das Meer, die Sterne" (SUZUKI in HERRIGEL 1984).

Phantasie fordern wir vor allem von dem Spielgestalter, dem Zuspieler. Alfred ADLER spricht von „Künstlerischer Versenkung“ (in ANSBACHER 1995). In der Volleyball-Literatur wird vor allem Wert auf die kognitive Ausbildung der Zuspieler gelegt (MOCULESCU 1989 a & b, PAPAGEORGIOU/SPITZLEY 1994 usw.), die Wichtigkeit dessen ist unumstritten. Aber das alleine macht nicht die Kunst des Spielgestaltens aus. Oft wird auch "genetisch" argumentiert, es gibt geborene Zuspieler; selbst dann muss diese Gabe zusätzlich unterstützt werden. "Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine großen Werke werden vollbracht, wenn er nicht rechnet und denkt." (SUZUKI).

3) Ganzheitliches Begreifen und Handeln[3]

Intuitives Spielen findet nur in und mit der Einheit Mensch - Körper, Geist, Seele - statt. Die kognitiven Prozesse  und die Emotionen arbeiten einheitlich mit der Motorik und den biologischen Prozessen im Körper.

Das Erfassen einer Situation und das Reagieren ist eins in der Intuition. Sobald Bereiche getrennt werden, oder nicht vorhanden sind - Gefühle - , kann nicht in vollem Umfang und mit aller Freude und Möglichkeiten intuitiv gespielt werden .

4) Vertrauen in die Erkenntnis, Mut in der Ausführung

Die spontane, unbewusste Entscheidung muss auch umgesetzt werden. Der Sportler muss sich und seinen - in diesem Fall unbewusst gefällten - Entscheidungen vertrauen. Nur dann wird er denn Mut entwickeln, "sich spielen zu lassen", und nicht ständig skeptisch bleiben.

Dann kann der Spieler in einen Zustand kommen, in dem er sich kompetent fühlt und die Situation beherrscht (CSIKSENTMIHALYI 1992); Spielen wie im Rausch, alles ist richtig, die Nähe zum Flow-Erlebnis (ebd.) ist unverkennbar. Im Inner Training wird dieser Zustand mit einem "Ausschalten des Denkens" (GALLWEY 1974) beschrieben. Richtig ist, dass der Mut und das Vertrauen vorhanden sein muss, um das Spiel(en) geschehen lassen zu können. "Nicht ich spielte die letzten Löchern; sie spielten mit mir" beschreibt MURPHY diesen Moment (1994). Als er nicht mehr zweifelte, sondern einfach nur spielte.


Intuition ist unbewusst, komplex und ganzheitlich,
evident und schnell,  kreativ und emotional.
 

Intuition entwickelt sich dort am besten, wo wir den größten Rückhalt an Erfahrung und wirklicher emotionaler Beteiligung haben (COHN 1992). Im Training müssen wir den Kindern und Jugendlichen von Anfang an die Möglichkeit geben, Erfahrung, und dies nicht nur in technischen Bewegungsausführungen, zu sammeln, und ihre positiven Erlebnisse unterstützen. Aufgrund des hohen emotionalen Anteils kann Intuitives Spielen nicht gegen den Widerstand der Spieler entwickelt werden, „Freiwilligkeit ist die Voraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung innerer Sperren“ (BAUMANN 1993, 281).

 

3 Bedeutung und Möglichkeiten im Kinder- und Jugendtraining

„Der Mensch von heute ist allerdings so sehr an den Gebrauch des Verstandes gewöhnt,
dass es ihm schwer fällt, sich von ihm loszureißen und in reiner Anschauung
das Fließende, Fortlaufende, Organische der Zeit zu erfühlen.“

(Henri BERGSON, nach STÖRIG 1987, 558)

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Intuition ist ein menschliches Talent. Daraus folgt, dass Intuitives Spielen in hohem Maße anlagebedingt ist. Um zur Entfaltung kommen zu können muss dieses, ebenso wie andere Talente, intensiv gefördert werden[4]. Im Kinder- und Jugendtraining müssen die Grundlagen gelegt werden, um obige Befürchtungen BERGSONs nicht wahr werden zu lassen. Der Trainer des (überaus erfolgreichen) brasilianischen Juniorinnenteams, Wadson  LIMA sagt „Players can only meet such demanding standards, if they have been properly coached at an early age“ (1994). Wie in vielen anderen trainingsrelevanten Bereiche müssen auch im Bereich des Intuitiven Spielens, früh solche Grundlagen gelegt werden, dass das vorhandene Talent sich später optimal entwickeln kann.

Wie entscheidend gerade in psychologischen Bereichen die Arbeit vor allem im Kindertraining ist, macht HÜHOLDT (a.a.O., 137) deutlich: „Die inneren Aktivitätsmuster des Nervensystems, die bioelektrischen und biomechanischen Mechanismen, die den Vorgängen des Lernens und der Gedächtnisbildung, dem assoziativen und kreativen Denken sowie vor allem auch dem Sicherinnern zugrunde liegen“ können nicht losgelöst von einer entsprechenden Motivationslage funktionieren, in der sich ein Individuum zu Beginn dieser neuronalen Funktionsabläufe befindet[5] (vgl. auch RAHMANN zit.  in  HÜHOLDT). Wenn wir also von den entsprechend talentierten Spielern Höchstleistungen erwarten wollen, müssen die Talente gefordert, gefördert und positiv verstärkt werden.

Auszunutzen gilt es, dass Kindheit und Kreativität nicht zu trennen sind und dass der Spieltrieb Quell und Triebfeder der Kreativität (und der Geistesblitze) gleichermaßen ist (vgl. HAHN, LORENZ, RUSSEL nach HÜHOLDT). Wobei biologische Gesetzmäßigkeiten zu berücksichtigen sind:

  • Inanspruchnahme aller Eingangskanäle: Mit allen Sinnen arbeiten, die Spieler nicht nur eindimensional fordern.

  • Reduzierung von Denkblockaden: Aus den gewohnten Denk- und Verhaltensmustern ausbrechen, Freiräume schaffen.

  • Die Förderung des visualisierenden, sinnorientierten, ganzheitlichen Denkens: Defizite in diesem Bereich, die sich in unserem Bildungs- bzw. Erziehungssystem fast zwangsläufig ergeben, frühzeitig erkennen und fördern (vgl. HENTIG 1993).

Wir müssen den jugendlichen Sportlern die Möglichkeiten schaffen, sich entwickeln zu können. Dies gilt besonders im wissenschaftlich (noch) unklar definierten Bereich des Intuitiven Spielens. „Nur wer gelernt hat, sich frei zu äußern, ist auch imstande, Neuformulierungen zu wagen“ (HÜHOLDT).

 

4 Wie trainiere[6] ich Intuitives Spielen?

„Denn wenn du dich nur bewegst,
wo du dich sicher fühlst,
lernst du nicht mehr.“

(Toni INNAUER 1991)

Intuitive Trainingsformen sind in der Fachliteratur umstritten, Nachweise oder wissenschaftliche Untersuchungen zu Sinn und Erfolg fehlen gänzlich. Es werden höchstens Empfehlungen ausgesprochen. So spricht SCHÖNPFLUG (1994, 73f.) von der Möglichkeit, die Förderung der intuitiven Anteile im Training zu erproben. Dies können sein meditative Elemente, Aufgabenvariationen, wie die Umstellung der Mannschaftspositionen oder intuitionsfördernde Anweisungen des Trainers. Aber auch das Verhalten des Trainers kann intuitiv gesteuert sein, z. B., spontane, plötzliche Einfälle sofort im Training umzusetzen.

COHN bietet zur Verbesserung und besonders Überprüfung der Intuition vor allem den Austausch intuitiver Beobachtungen und daraus folgendem Verhalten an. Wichtig scheint außerdem, Freiheiten im Kopf zu schaffen, damit Platz für neue Orientierungsmöglichkeiten vorhanden ist (vgl. MARTIN/CARL/LEHNERTZ 1991). Wer zu lang an lieb gewonnen Lösungen festhält, "überhört" vielleicht andere, ihm eingegebene, intuitive Ideen. HÜHOLDT (1992, 402ff.) spricht davon, "konstruktive Irritationen" zu schaffen, um kreative Prozesse anzuregen. Nur wenn ich "kreierend denke", kann ich auch kreative Lösungen finden. Und Kreativität ist etwas, was intuitiv stattfinden kann, wenn man es nicht unterdrückt - sondern die Intuition in den Freiräumen gewähren lässt. Auch die Gruppe kann mit dem hierin vorhandenen Potential anregen, Perspektiven verändern (HÜHOLDT).

Der Lehrende muss in allen Prozessen immer bereit sein, Anstöße zur Veränderung (CSIKSZENTMIHALYI) zu geben. Oft ist der Spieler zu unsicher, neuen Ideen zu folgen. Diese Unsicherheit muss im intuitiven Spielen und Training genommen werden. Intuition lebt in Freiheit, Freude am Spiel und Sinn für Überraschungen (COHN). Diese Räume müssen geschaffen werden.

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4.1 Übungsprinzipien

  • Intuitives Spielen wird nur in der Anwendung, oder zumindest in der Verbindung theoretischer und praktischer Anteile gelernt.

  • Auch wenn Freiheiten geschaffen werden, heißt das nicht, dass der Lehrende sich aus dem Trainingsbetrieb heraushalten soll. Seine Aufgabe ist es, anzuleiten, anzuregen, Erfahrungen mitzugeben und zu organisieren, sowie den Erfahrungsprozess so wenig wie möglich aber auch so viel wie nötig zu strukturieren.

  • Spontanes Handeln, sowohl von Spieler- als auch von Trainerseite, ist nicht nur erlaubt, sondern soll gefördert werden. Dies darf sich jedoch nicht in ein ständig unkontrolliertes Geschehen entwickeln.

  • Überraschende Momente müssen von Beginn an im Training eingebaut werden. Das kann ein plötzlich eingeworfener zweiter Ball beim Einspielen sein, oder auch Aufforderungen, eine Übung blitzartig umzustellen.

  • Unklare  oder  wunderliche - egal, ob "gute" oder "schlechte" - Situationen sollen aufgearbeitet werden, auch, und gerade dann, wenn sich nicht immer (logisch begründbare) Erklärungen finden lassen.

  • Nach intensiven Phasen können ruhige, meditative Abschnitte folgen, um dem nicht bewussten Teil des Spielers die Chance zu geben, Gewesenes zu verarbeiten und Rückschlüsse daraus "anzulegen".

  • Intuitives Spielen erfordert viel Mut. Wichtig ist es also, die Spieler selbstbewusst werden zu lassen. Oft ist es besser, wenig einzugreifen, und Situationen sich entwickeln zu lassen, und in und durch diese Situationen auch die jungen Spieler.

  • Manche Übungsformen erfordern auch von Seiten des Trainers viel Mut, um eingefahrene Strukturen aufzubrechen (Positionswechsel o.a.).  Auftretende Widerstände aus Reihen der Spieler müssen dabei (manchmal, hoffentlich so gut wie nie) ignoriert werden. Bei länger anhaltenden Unmutsäußerungen ist es allerdings notwendig, die Situation zu klären. Intuitives Spielen kann nicht gegen den Widerstand der Spieler trainiert werden.

  • Freiräume müssen nicht nur innerhalb des Trainings, sondern auch in den Köpfen der Spieler geschaffen werden.

  • Der Lehrende muss immer wieder Situationen schaffen, die kreative Handlungsmöglichkeiten der Spieler zulassen und fordern[7].

  • Intuitives Spielen ist spielen, auch nicht nur Volleyball oder ein anderes Sportspiel. Wenn Zeit und Möglichkeiten vorhanden sind, sollen die Kinder in allen Bereichen spielen können, sei es mit Geräten, Räumen, aber auch mit der Zeit, mit der eigenen Leistungsfähigkeit usw. .

  • Im Kinder- und Jugendtraining müssen Grundlagen so früh wie möglich geschaffen werden. Oft gilt es zudem, Defizite aus der bis dahin vorhandenen sportlichen Erfahrung aufzuarbeiten. Dies gilt für das intuitive Erfassen und Umsetzen von Situationen genauso wie bekanntermaßen für koordinative und athletische Fähigkeiten.


Abb. 2 Übungsprinzipien zum Intuitiven Spielen

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4.2 Übungsformen

Positionswechsel in Wettspielen

  • Anfangen kann dies schon bei kleinen und mittleren Ballspielen. Die Kinder können in den unterschiedlichen Bereichen (Angriff, Verteidigung, Ballhalten, Ball verteilen) gefordert werden. Dabei sollen Aufgaben gezielt vertauscht werden.

  • Für Volleyball heißt das: Spieler auf anderen als den gewohnten Positionen einzusetzen, sowohl bei Kleinfeldspielen, als auch bei 6:6 und besonders in offiziellen Wettkämpfen. Erst dann kommen neben der Aufforderung von Trainerseite noch andere, intuitionsrelevante Faktoren, wie Konzentration oder Emotionen, hinzu.

  • Dies gilt auch für den Positionstausch Bank - Stammspieler, oder den Einsatz als "Trainer" der eigenen Mannschaft. Das Wissen, die Erfahrung wird dadurch erhöht, die Möglichkeit des "richtigen Intuierens" (COHN) erhöht.

Spielbeobachtung

  • Möglich auf Video, besser noch live. Das Spiel einer Mannschaft wird angeschaut, Zuspielstrategien "entdeckt", bessere Möglichkeiten überlegt ("Spielstop" auf Video), schließlich Spielaktionen vorweggenommen (mal nüchtern betrachtend, mal spontan, "aus dem Bauch heraus"), und nach der Aktion analysiert. Dies ist sicherlich eine das Ratio fördernde Möglichkeit. Aber auch Gedankenspiele wie in diesem Fall können Intuition verbessern.

  • Dasselbe Vorgehen, allerdings nur auf Video, kann mit  Spielen des eigenen Teams gemacht werden. Dabei werden gespielte Aktionen betrachtet und begründet. Gerade wenn dies nicht möglich ist, und die Aktion erfolgreich war, kann das den Mut und das Vertrauen in das eigene intuitive Spielen verstärken.

Anspannung - Entspannung

  • Nach spielintensiven Phasen im Training, am besten mit intuitiven Inhalten, sollen die Spieler völlig zur Ruhe kommen. Damit wird dem nicht bewusst denkenden und arbeitenden Teil des Körpers die Chance gegeben, das Gewesene zu registrieren und zu verarbeiten. Dadurch kann unbewusstes Wissen angelegt werden, das in den nächsten Fällen das intuitive Spielen unterstützen kann.

Wettkämpfe

  • In Wettkämpfen innerhalb des Trainings sollen die Spieler mit ungewohnten  Anforderungen konfrontiert werden:

    • Zuspiel gegen vier Blockspieler,

    • Zuspiel mit mehr Angreifern als Blockspieler,

    • Angriff gegen eine verstärkte Abwehrreihe,

    • Angriff auf unterschiedlichen Feldgrößen,

    • Aufschlag gegen ungewohnte und ständig variierende Annahmeriegel.

  • Besondere, ungewöhnliche Aktionen werden mit mehr Punkten belohnt. Dies fördert zwar nicht unbedingt die Intuition, aber den Mut, intuitiven Impulsen zu folgen. 

Freiräume schaffen

Um psychische Spannung abzubauen, wird in diesem Bereich schon gearbeitet (vor wichtigen Spielen Spaziergang am Meer u.ä.). Auch im Training muss Platz geschaffen werden für neue Ideen:

  • Innerhalb einer Übung werden alle bekannten Möglichkeiten der Lösung gesammelt. Danach wird eine neue, andere Lösung gefordert.

  • Aus einer Beschäftigung mit körperlicher Arbeit (intensiver Kraftkreis) wird eine kognitiv ansprechende Übung, oder eine taktische Aufgabe in der Praxis.

  • Meditative Elemente innerhalb des Trainings (vgl. oben).

  • 6:6 - Ein Ball wird gespielt, Angriff und Abwehrteam müssen Taktik überlegen. Dem gegnerischen Team wird die Lösung vorgelegt. Innerhalb kürzester Zeit wird jetzt der Ball vom Trainer eingespielt, und die Teams müssen eine andere Lösung  - gegen ihre vorher eigens entwickelte Taktik - gefunden haben.

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Konstruktive Irritationen (vergl. Abb. 3)

Als Schlagworte nach HÜHOLDT seien genannt:

  • Sensationen: Das spektakuläre Freispielen eines Angreifers, oder die "unmögliche" Rettungstat eines Abwehrspielers - im eigenen Training oder in der Spielbeobachtung kann in diesen Bereichen gearbeitet werden.

  • Bizarrerien: "Was wäre, wenn..." - Situationen im Training spielen. Dabei auch verrückteste Ideen zur Sprache kommen lassen,, die Spieler immer wieder verblüffen.

  • Einsatz von (fremden, ungewohnten) Akteuren: So setzte 1993 bei der Jugendolympiade im Spiel um Platz 3 der damalige Jugendnationaltrainer Bernd WERSCHECK eine Leistungsturnerin beim Aufwärmen mit ein. Dadurch wurden emotionale Impulse geweckt, sowie Raum und Anregung für ungewohnte Ideen geschaffen. Das Spiel wurde in Holland gegen die Gastgeber gewonnen.

  • Irritationen: Fordere die Sportler - sei es auch mit Denkaufgaben, visuellen oder mit Handarbeit zu lösenden Rätseln. Nicht immer ist Logik der Weg. Suche Spielsituationen, die unlösbar scheinen, und finde Lösungen (per Betrachtung oder selbständig).

  • Ansonsten ist gerade in diesem Bereich die Kreativität der Trainer gefordert!!


Abb. 3 Konstruktive Irritationen

5 Ausblick auf andere Sportarten[8]

Diese Kapitel befinden sich nur auf der CD-ROM volleyball-training.de.

6 Zusammenfassung

"Seine Hände und Füße sind die Pinsel, und das ganze Weltall ist die Leinwand"  auf dem der Sportler, der Mensch sein Leben aufmalen wird (SUZUKI). Das Gebiet der Intuition ist zu eng mit esoterischen Bereichen verknüpft und zu wenig wissenschaftlich abgesichert (wenn das überhaupt möglich ist), als dass es eine Sicherheit geben kann. Außerdem hat gerade der Leistungssport ein streng zielgerichtetes und rigide reglementiertes Wesen (SCHÖNPFLUG), so dass die konsequente Anwendung, das Ausleben der Intuition die Abkehr davon bedeuten müsste. Intuitives Spielen soll aber zum einen Selbstzweck sein, zum anderen den Sportlern eine Möglichkeit mehr geben, die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Da die Intuition aber eine so vielschichtiges und schwer definierbare Eigenschaft ist, sind auch die Möglichkeiten, sie speziell zu trainieren nicht in ein paar Übungen zusammenzufassen. Die grundsätzliche Bereitschaft von Trainer und Spieler sind unbedingte Voraussetzung, und nur darauf kann sich Intuitives Spielen gezielt entwickeln lassen. Die Intuition benützt sensorische, logische und emotionale Mittel, um bewusste mit unbewussten psychologischen Daten zu verbinden und sie sinnvoll zusammenzufügen (COHN). Und die Lösungen gilt es dann technisch, taktisch und athletisch umzusetzen. Nur in dieser Gesamtheit kann die Intuition auf die Qualität des Spielens und auf die Lust am Spielen positiv Einfluss nehmen. Und wir Trainer haben die Aufgabe, heute nicht weniger, eher mehr als früher, den Sportlern auch diesen Bereich zu eröffnen:

"Es ist Sache des Lehrmeisters, nicht den Weg selbst, wohl aber das
Wie dieses Weges zum letzten Ziele hin in Anpassung an die
Eigenschaften des Lehrlings ausfindig zu machen und zu verantworten.“

(TAKUAN nach HERRIGEL)

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[1_zurück]  Eine näheres Eingehen auf die Wahrnehmungsdiskussion würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Kurz zusammengefasst steht auf der einen Seite Wahrnehmung als Informationsverarbeitungsprozess (für den Bereich Volleyball WESTPHAL/GASSE/RICHTERING 1987, VOIGT 1992, VOIGT/JENDRUSCH 1993), das ankommende Signal wird aufgenommen, dechiffriert und weiterverarbeitet. Auf der anderen Seite steht GIBSONs Ansatz der ökologischen Wahrnehmung. Dieser ist ganzheitlich und bezieht Emotionen mit in den Wahrnehmungsprozess mit ein. Daraus entwickelt NEISSER seine „Antizipierenden Schemata“ (vgl. dazu GIBSON 1983, NEISSER 1979, für den Bereich Volleyball FIKUS 1989, PAPIN 1995, SCHULZ 1995).

[2_zurück] vgl. dazu auch BAUMANN : „Bei ihrem (Intuitive Handlungen, der Verf.) Auftreten kommt es zu einer zeitlichen Verkürzung der beschriebenen psychischen Handlungsinstanzen von Antriebs-, Orientierungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen, bis sie annähernd gleich ablaufen“ (1986, 41).

[3_zurück] Ein wissenschaftliche Auseinandersetzung von intuitivem Handeln mit den unterschiedlichen Handlungs- und Handlungskontrolltheorien wurde (noch?) nicht geführt (vgl. entsprechende Literatur wie KUHL, NITSCH u.v.m.). Aufgrund des Wesens von Intuition ist ein Zusammenhang vorhanden (ähnlich wie zu Wahrnehmungstheorien), inwiefern dieser Bereich sich jedoch verwissenschaftlichen lässt, ist aufgrund der bisherigen Erkenntnisse fraglich. Vielleicht werden innerhalb der Erforschung des Gehirns weitere Unsicherheiten gelöst werden. Wissenschaftlich unzugänglich sind jedoch vor allem die Bereiche, die für intuitives Verhalten bedeutend sind: Gefühle und Empfindungen (vgl. dazu auch SPIEGEL 1996).

[4_zurück] Zum Anlage - Umwelt - Problem: Die Annahme, dass genetische Anlagen die Entwicklung psychologischer Merkmale beeinflussen, lässt sich bis dato vermuten, aufgrund der Notwendigkeit der Parallelisierung von Genen und Merkmale jedoch schwierig nachweisen (PRENZEL/SCHIEFELE 1986). Da Intuition ein offensichtlich „hypothetisches Konstrukt“ (a.a.O) ist, kann auch in diesem Fall abschließend keine Aussage getroffen werde.

[5_zurück] Inwiefern intuitive Prozesse grundsätzlich bioenergetisch zu erklären sind, ist aufgrund der Unklarheit in der Arbeitsweise von Intuition fraglich. Interessant wäre es sicherlich, zu überprüfen ob die „Wissensüberlegenheit älterer Menschen“ (OERTER / SCHUSTER-OELTZSCHNER 1987) aufgrund der auch im Alter noch wachsender Wissensstruktur Einfluss auf Intuitives Spielen hat - oder ob dieser Bereich mit dem in der Sportpraxis gebräuchlichen Begriff der „Routine“ zu erklären ist.

[6_zurück] Ich bin mir darüber im klaren, dass nach meinen bisherigen Ausführungen „Training“ und „Intuitives Spielen“ ein Widerspruch an sich sind. Ich benutze hier und im weiteren dennoch den Begriff Training bzw. trainieren als bekannten, vereinheitlichten Begriff der (möglichen) Ausbildung im Sport, also auch der intuitiven Fähigkeiten. Dies gilt auch für den Begriff „Übung“.

[7_zurück] „The straight reality of many woman’s national teams at international top-class level is that training is done Commando-style. [...] In my view, far too little attention is paid to teaching creative play and acting on players’ own initiative to develop original solutions during play“ (Wadson LIMA 1994, Trainer der brasilianischen Juniorinnen)

[8_zurück] Für anregenden Gespräche zu den folgenden Sportarten danke ich den Trainerkollegen des siebten Kombinationsstudienganges der Trainerakademie Köln, dabei besonders Jörg MÜLLER und Carsten STEINER, sowie meinen Trainerkollegen aus Schwerte, Björn WIßUWA.

[9_zurück] SAHRE untersuchte in ihrer Arbeit Unterschiede im Verhalten von lage- (Lo) bzw. handlungsorientierten Spielern im Basketball. Dabei sind, nach KUHL, Lo-Spieler, Spieler, deren Handeln in erster Linie auf eine Analyse der jeweiligen Situation ausgerichtet sind, Ho-Spieler diejenigen, deren Handeln in erster Linie ein Verändern der Situation bewirken soll (vgl. dazu außerdem BECKMANN/STRANG 1991, BECKMANN/TRUX 1991).

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