Die Korrektur im motorischen Lern- und Optimierungsprozess

Auszug aus der Unterrichtsreihe: Der Angriffsschlag im Volleyball – Technikkorrektur an Stationen;
weitere Auszüge folgen...

Thorsten Koch

Korrekturmaßnahmen.....
...verbal-akustisch ...visuell ...taktil Dosierung... Zeitpunkt...

In Anlehnung an das Informationsverarbeitungsparadigma umfasst die Bewegungskorrektur alle Maßnahmen, die nach externen und internen Rückmeldungen über fehlerhafte Bewegungsausführungen zum Einsatz kommen. Mittels dieser Maßnahmen wird während des gesamten Lernprozesses eine Zielannäherung an eine optimale Bewegungsausführung angestrebt.[1] In der Literatur lassen sich unterschiedliche Kriterien zur Klassifikation von Korrekturen finden, als Arbeitsgrundlage scheint die Unterscheidung nach WOLTERS[2] sinnvoll. Diese unterscheidet zum einen in Maßnahmen, die über verbale, taktile und visuelle Analysatoren die Rückmeldungen bei der Bewegungsausführung verstärken bzw. das Wissen vom Soll-Wert und die Einsicht in den Fehler fördern. Zum anderen Maßnahmen, die im Sinne von Bewegungsaufgaben die Bewegungsausführung unterstützen und kinästhetische Rückmeldungen ermöglichen. Letztlich unterscheidet die Autorin in Maßnahmen, die durch eine Komplexitätsreduzierung die Bewegungsausführung erleichtern. Als bedeutsam für den Erfolg des Feedbacks gilt die Dosierung, der Zeitpunkt und die Form der Rückmeldung. Zudem ist ein individuelles Vorgehen gefordert, um auf die verschiedenen Lerntypen einzugehen.[3]

Verbal-akustische Maßnahmen

Im Rahmen der verbal-akustischen Maßnahmen lässt sich zwischen verbalen Rückmeldungen über den Vollzug einer Bewegung durch eine externe Person unterscheiden sowie zwischen Maßnahmen, die der Bildung einer Bewegungsvorstellung dienlich sind.[4] Zu letzteren zählen die Bewegungserklärung, die (metaphorische) Instruktion, die Selbstinstruktion und die Rhythmisierung. Die Bewegungserklärung erfordert die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Bewegungsvollzug, die zu einer „Durchdringung“ der Bewegung in den Technikknotenpunkten führt. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Bewegungsablauf dient somit der Bildung einer Bewegungsvorstellung. Hierbei spielt die Anschaulichkeit der verbalen Information eine wesentliche Rolle, die abhängig von der Altersstufe und der vorangegangenen Bewegungserfahrungen personenadäquat zu formulieren ist.[5] Neben der adressatenspezifischen Semantik muss die Bewegungserklärung aus gedächtnispsychologischen Gründen möglichst kurz und verständlich sein. Des Weiteren sollte sie sich auf die wichtigsten Schlüsselstellen der Fertigkeit beschränken, da das motorische Lernen andernfalls behindert wird.[6]

Das Gleiche gilt auch für die Instruktion, wobei empfohlen wird, für neue und wichtige Informationen Ankerbegriffe und Assoziationsmöglichkeiten zu schaffen. Hier erweist sich empirischen Ergebnissen zufolge der Einsatz von Metaphern als ein hervorragendes Mittel zur Bildung von Bewegungsvorstellungen.[7] Zu den Instruktionen sind auch die Selbstinstruktion und das Laute Denken zu zählen, die ein Mittel zur kognitiven Verinnerlichung der Bewegung darstellen. Begründet wird dies damit, dass gesprochene Kognitionen während der Bewegung weniger schnell vergessen werden.[8] Letztlich gilt das Augenmerk der Rhythmisierung von Bewegungen, durch deren Akzentuierung der Schlüsselstellen mittels rhythmisierender Silben die Bewegungsausführung erleichtert und unterstützt wird. Rhythmisierungen ermöglichen während des Bewegungsvollzugs kinästhetische Rückmeldungen über die eigene Bewegung, die mit dem Soll-Wert verglichen bzw. an diese angeglichen werden können.[9] Bezüglich der verbalen Rückmeldung durch einen Partner über den Vollzug einer Bewegung ist darauf zu achten, dass lediglich zunächst ein - nämlich der gravierendste - Fehler korrigiert werden sollte.[10] Des Weiteren ist die Fehlerursache zu korrigieren und nicht - wie häufig in der Praxis - der Folgefehler, wobei eine Korrektur immer einen Hinweis zur richtigen Bewegungsausführung enthalten sollte.[11] Im Rahmen - nicht nur - verbaler Rückmeldungen sollte der Fehler nicht als Kritik an der Person verstanden, sondern positiv angesprochen werden, weil dies die Lernmotivation steigern kann.[12] Für die verbal-akustischen Maßnahmen gilt es anzumerken, dass sowohl ein genauer Einblick in die Bewegungsstruktur als auch eine gewisse Beobachtungsfähigkeit zur Erfassung der Fehler seitens des Lehrers erforderlich ist.[13]

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Visuelle Maßnahmen

Den visuellen Maßnahmen, die (audio)visuelle Rückmeldungen über den eigenen Bewegungsablauf ermöglichen, lassen sich Video-Feedback, Video-Digitalisierung und die Lichtspurmessung zuordnen. Zu visuellen Maßnahmen, die dagegen das Wissen vom Soll-Wert in Form eines Modells vermitteln, zählen die Realdemonstrationen, Lehrbildreihen, Lehrfilme und das mentale Training.[14] Die über Bilder transportierten Informationen dienen sowohl als internes Modell für den Aufbau einer Bewegungsvorstellung, aber auch als Vergleichsstandard für gegebenenfalls notwendige Korrekturen. Obwohl Realdemonstrationen im Sportunterricht den größten Raum visueller Maßnahmen einnehmen, besteht die Gefahr, dass der Bewegungsablauf vom Demonstrierenden nicht fehlerfrei dargestellt wird bzw. durch den schnellen Bewegungsablauf nicht in den wesentlichen Punkten erfasst werden kann[15].

Dazu eignen sich Lehrbildreihen, die eine Bewegung von der Anfangs- bis zur Endphase überschaubar darstellen, unbegrenzte Informationsdauer beinhalten und einzelne Schlüsselstellen durch Markierungen hervorheben.[16] Als Nachteile der Lehrbildreihen sind die nur unvollständig zum Ausdruck kommenden Weg-Zeit- und Kraft-Zeit-Verläufe anzusehen, die durch ergänzende Maßnahmen wie verbale Informationen und/oder Realdemonstrationen ausgeglichen werden sollten. Ebenso spielt der Lehrfilm eine wesentliche Rolle bei der Bildung einer Bewegungsvorstellung und ermöglicht die Kennzeichnung wichtiger Knotenpunkte mittels Linien oder Farbgebungen. So zeigen Untersuchungen, dass die bildhaft-anschauliche Reproduktion des Bewegungsablaufes an Knotenpunkten der Bewegung die Bewegungsvorstellung fördert. Zudem ist die Dehnung des Bewegungsablaufes bis Fixation eines Einzelbildes genauso wie die beliebige Wiederholbarkeit möglich, was eine bessere und strukturiertere Informationsaufnahme ermöglicht. Der Einsatz dieser Möglichkeiten wirkt sich günstiger auf den motorischen Lernprozess aus als die Präsentationen von Bewegungen in realer Geschwindigkeit.[17] Anhand der Ergebnisse aus der Gedächtnisforschung lassen sich folgende Bedingungen für die Praxis bei der Erstellung von Lehrfilmen festhalten: Synchrone Darbietung der visuellen und verbalen Informationen, systematische und geordnete altersadäquate Aufbereitung des Lernstoffes, Veranschaulichung und Abstraktion von komplexen Sachverhalten.[18] Die Bedeutung des Lehrfilms erfährt in der Fachdidaktik eine unterschiedliche Bewertung. So sind einige Autoren der Ansicht, dass der Lehrfilm oftmals lediglich als unkommentiertes Kino verwendet werde, andere Autoren wiederum erachten ihn für die Korrektur und den Aufbau von Bewegungsvorstellungen als unverzichtbar im Sportunterricht.[19]

Als eine bedeutende Maßnahme hat sich das mentale Training erwiesen, bei dem der angestrebte Bewegungsverlauf nicht real ausgeführt, sondern gedanklich nachvollzogen wird. Da das mentale Training eines hohen Übungsaufwandes bedarf, bleibt dieser Komplex - genauso wie das ideomotorische Training - an dieser Stelle unberücksichtigt.

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Das Video-Feedback[20] stellt eine Korrekturmaßnahme dar, die eine objektive extrinsische Information vom eigenen Bewegungsvollzug in Zeitlupendarstellung ermöglicht. Es wird zur Präsentation von Soll- und Ist-Werten sowie zur Verdeutlichung der Diskrepanz von beiden eingesetzt. Da die Wirksamkeit des sensomotorischen Lernens maßgeblich von der Fähigkeit zur systematischen Selbstbeobachtung abhängt, kommt der observativen Selbstkontrolle in Form von Video-Feedback eine besondere Rolle zu.[21] Die besten Ergebnisse im Umgang mit dieser Maßnahme werden bei zeitlichen Verzögerungen bis maximal 30 sec. zwischen Bewegungsausführung und Feedback erzielt und wenn die Kombination von Video-Feedback und Instruktion genutzt wird. Untersuchungen zum Video-Feedback übermitteln jedoch auch z. T. widersprüchliche Ergebnisse. So besteht Uneinigkeit darin, ob diese Maßnahme alleine oder nur in Verbindung mit einer Soll-Wert-Präsentation oder nur der Soll-Wert den motorischen Lernprozess am effektivsten unterstützen.[22] Konsens im sinnvollen Umgang mit dieser Korrekturmaßnahme besteht jedoch darin, dass die Lernenden Beobachtungsstrategien (z.B. Aufmerksamkeitslenkungen) genauso beherrschen müssen wie die Bewertung von Ergebnismöglichkeiten. Eine weitere Maßnahme, die eine visuelle Rückmeldung über den eigenen Bewegungsverlauf ermöglicht, ist in der kontrastiven Demonstration zunächst des nachgeahmten Fehlers und anschließend der richtigen Ausführung durch einen Partner zu sehen.[23] Eine spezielle visuelle Maßnahme stellt die Orientierungshilfe dar, die indirekt in Verbindung mit der Bewegungsausführung zu einer kinästhetischen Rückmeldung führt.

 

Taktile Maßnahmen

Die taktilen Maßnahmen haben die Funktion, die Bewegungsausführung durch Rückmeldungen über die Soll-Wert-Vorstellung, die während des Bewegungsvollzugs eintreffen zu verbessern.[24] Taktile Maßnahmen können jedoch auch in Form von personaler Bewegungshilfe eingesetzt werden, so z.B. die Zug-, Schub-, Dreh- und Gleichgewichtshilfen, die meist in gemischter Form eingesetzt werden. Im Sinne aktiver Bewegungshilfe greifen diese Maßnahmen direkt in den Bewegungsablauf ein und bedeuten für den Lernenden einen hohen Grad an Fremdbestimmung. Dagegen kann die bewegungsführende Hilfe als taktile Maßnahme zum Aufbau einer fertigkeitsspezifischen Bewegungsvorstellung behilflich sein und zur Bewusstmachung bestimmter Winkelstellungen von Körperteilen beitragen.[25]

Abschließend lässt sich bezüglich der Rückmeldungen über den eigenen Bewegungsverlauf feststellen, dass die besten Ergebnisse im motorischen Lernprozess erzielt werden, wenn mehrere Informationsquellen bei der Ansteuerung eines fest definierten Soll-Werts zur Verfügung stehen.[26]

Zu Maßnahmen, die im Sinne einer Bewegungsaufgabe den Bewegungsvollzug unterstützen und kinästhetische Rückmeldungen über den korrekten Bewegungsablauf ermöglichen, ist der Einsatz von zwingenden Situationen zu zählen. Diese lassen dem Lernenden bei der Bewegungsausführung lediglich einen engen Gestaltungsspielraum, so dass er dem angestrebten Bewegungsbild kaum ausweichen kann.[27] Ebenso zählen autokorrektive Maßnahmen zu den Bewegungsaufgaben im Sinne einer Korrekturmaßnahme. Sie ermöglichen ohne Partnerhilfe eine unmittelbare kinästhetische Rückmeldung über den eigenen Bewegungsverlauf durch die Interpretation des Bewegungsergebnisses. Auch die Überkorrekturen, die sich in der Praxis bewährt haben, lassen sich zu den Bewegungsaufgaben zählen. Die zu verbessernde Bewegung wird dabei übertrieben ausgeführt und unterstützen die Eigenwahrnehmung.

Zu den Maßnahmen, die mittels einer Komplexitätsreduzierung die Bewegungsausführung erleichtern, zählen alle Vereinfachungsstrategien, die den Lernenden im Hinblick auf die Programmlänge und Programmbreite überfordern.[28] So lässt man beispielsweise nur die zu verbessernden Teilbewegungen üben oder schafft erleichternde Bedingungen für die Gesamtbewegung.

Die im Rahmen dieser Arbeit vorgenommene Klassifizierung von Korrekturmaßnahmen kann - wie auch alle anderen in der Literatur vorgeschlagenen Klassifikationen - aufgrund der Überschneidungsbereiche nicht immer trennscharf erfolgen. Dennoch erscheint sie aus Gründen einer übersichtlichen Darstellung erforderlich. So kann beispielsweise eine die Ausführung unterstützende Bewegungsaufgabe in manchen Fällen auch eine komplexitätsreduzierende Übung darstellen. Ebenso stellt beispielsweise die Rhythmisierung sowohl eine verbal-akustische Maßnahme als auch eine unterstützende Bewegungsaufgabe dar.[29]

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Dosierung von Rückmeldungen

Was die Dosierung der Rückmeldungen angeht, herrscht in der Fachliteratur keine Übereinstimmung. So spielt die Bewegungserfahrung und der Beherrschungsgrad einer Bewegung für die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen eine wesentliche Rolle.[30] Neuere Befunde zum Bewegungslernen weisen darauf hin, dass eine Reduzierung der Häufigkeit von extrinsischen Rückmeldungen genauso positiv mit der Fertigkeitsentwicklung korrespondiert wie auch der Wechsel von Ausführungsversuchen mal mit und mal ohne Rückmeldung. Dies basiert auf der Annahme, dass die ständige externe Rückmeldung mit der internen interferiere und dadurch eine stabile Repräsentation der Bewegung ausbleibe. Des Weiteren begünstigen verteilte Rückmeldungen nach mehreren Versuchen den Optimierungsprozess eher als mehrere, im Block zusammengefasste Informationen. Da oftmals mehrere Ausführungen verschiedene Fehler zum Vorschein bringen, sollte nicht sofort jeder Fehler, sondern eine gemittelte Rückmeldung, d.h. der Mittelwert der aufgetretenen Fehler zum Anlass der anschließenden Korrekturmaßnahme werden.[31]

 

Zeitpunkt der Korrekturmaßnahmen

Was den Zeitpunkt der einsetzenden Korrekturmaßnahme angeht, liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Deren Gemeinsamkeit liegt lediglich in der Empfehlung, nach dem aufgetretenen Fehler nicht zuviel Zeit bis zur Rückmeldung verstreichen zu lassen, wobei die Spanne von acht bis dreißig Sekunden reicht.[32] Dagegen zeigen neue Studien, dass bei Sportlern mit ausgeprägtem Bewegungsempfinden eine zunehmende Verzögerung der Rückmeldung nicht notwendigerweise zu einer Verschlechterung der motorischen Leistung führt.[33]

 

Fußnoten

[1] Vgl. HEBBEL-SEEGER 1997, 103.

[2] Vgl. WOLTERS 2000, 154ff.

[3] Vgl. WOLTERS 2000, 176.  

[4] Vgl. HEYMEN/LEUE 2000, 132.

[5] Vgl. QUITSCH 1989, 65.

[6] Vgl. GLORIUS/LEUE 1993, 3.

[7] Vgl. DAUGS et al. 1996, 214.

[8] Vgl. MUNZERT 1997, 219.

[9] Vgl. GRÖßING 1997, 171.

[10] Vgl. WIEMEYER 1997, 309.

[11] Vgl. GLORIUS/LEUE 1993, 4-5.

[12] Vgl. HEYMEN/LEUE 2000, 135; WOLTERS 2000, 153.

[13] Vgl. SCHEID/DOLL-TEPPER 1994, 125.

[14] Da die hier beschriebenen Korrekturmaßnahmen bereits eine Eingrenzung durch das Reihenthema und die organisatorischen Bedingungen erfahren, werden die Video-Digitalisierung und die Lichtspurmessung nicht weiter berücksichtigt.

[15] Vgl. DAUGS et al. 1996, 24.

[16] Vgl. TIMM/ZOGLOWEK 1996, 20.

[17] Vgl. OLIVIER 1987, 161ff .

[18] Vgl. TIMM/ZOGLOWEK 1996, 20.

[19] Vgl. GRÖßING 1997, 176.

[20] Zum technischen Aufbau des Video-Feedbacks vgl. DAUGS et al. 1989, 216.

[21] Vgl. DAUGS et al. 1989, 216.

[22] Ebenda.

[23] Vgl. HEYMEN/LEUE 2000, 132.

[24] Vgl. WOLTERS 2000, 156.

[25] Vgl. ROTH 1998, 34.

[26] Vgl. MARSCHALL 1996, 152.

[27] Vgl. THUMSER 1971, 89.

[28] Vgl. ROTH 1998, 31-33.

[29] Vgl. WOLTERS 2000, 157.

[30] Vgl. HEBBEL-SEEGER 1997, 107.

[31] Vgl. MARSCHALL 1996, 16.

[32] Vgl. GRÖßING 1997, 180; WOLTERS 2000, 154; HEYMEN/LEUE 2000, 137.

[33] Vgl. YAKSAN 1999, 3.

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