Der Weg zum Gold

Lubos Kyncl

Teil 1: Geschichtliches
 

Niederländische Volleyball Geschichte

William G. Morgan kommt die Ehre zu Volleyball in seiner einfachsten Form eingeführt zu haben. In seiner Funktion als „physical director“ der YMCA in Massachusetts gab er Geschäftsleuten Unterricht, denen Basketball zu anstrengend war. Morgan suchte ein Gruppenspiel, das man in einer Halle spielen kann, leicht zu erlernen war und vor allen Dingen nicht zu anstrengend sein durfte. Kurzum ein Spiel bei dem es um Reaktion geht und das war Volleyball in den ersten Jahren.

Unter Aufsicht der YMCA verbreitete sich Volleyball schnell über Nord- Mittel und Südamerika,  Asien und Europa. In Europa wurde Volleyball während und nach dem ersten Weltkrieg durch das Amerikanische Heer, die amerikanische Rote Kreuz Mission und durch gefangene Soldaten bekannt. 1946 kamen einige Länder in Paris zusammen um die Gründung der FIVB vorzubereiten. 1947 wurde während des ersten Volleyballkongresses der FIVB gegründet. Auf diesem Kongress waren  Vertreter aus 14 Ländern anwesend. Eines dieser Länder waren die Niederlande

In den Niederlanden war es Pater S. Buis, der 1925 nach seinem Studium in den USA das Volleyballspiel im Missionshaus St. Willibrordus in Uden eingeführt hat. Der Volleyballsport in den Niederlanden wurde vom AMVJ und dem „christlichen Institut für Leibesübungen“ organisiert. Die ersten niederländischen Spielregeln wurden 1934 von einem Dozenten am christlichen Institut für Leibesübungen namens S.J. Roosje herausgegeben. Diese Spielregeln wurden aus dem Artikel „le volleyball, nouveau jeu sportif“ in der schweizerischen Zeitschrift Lèducation physique übernommen.

Weil kanadische Soldaten, die 1945 die Niederlande von der Deutschen Besetzung befreiten Netze und Bälle zur Verfügung stellten wurde Volleyball in den Niederlanden stetig bekannter. 1947 organisierte die AMVJ in Amsterdam ein internationales Turnier. In einem Demonstrationsspiel zeigten tschechische Teams aus Prag (Sparta und Slavia) wie Volleyball eigentlich gespielt werden sollte. Im gleichen Jahr wurde der niederländische Volleyballbund  (NeVoBo) gegründet. Der NeVoBo entwickelte sich von einem kleinen Verein mit 800 Mitgliedern (1948) zu einem gut organisiertem Bund mit über 160.000 Mitglieder in 1983. Im Jahre 2003 zählte der NeVoBo nur noch 130.000 Mitglieds und ist damit der sechst größte Sportbund der Niederlände. Zudem gibt es circa 30.000 Hobbyspieler. In Holland wohnen 16.000.000 Einwohner.

Das Bankras Modell

Niederländische Volleyballvereine und die Nationalmannschaft waren in internationalen Vergleichen meist völlig chancenlos gegen die Ost-europäische oder italienische Übermacht. Von diesem Amateurdasein hatte man in dem Niederlanden genug und startete den Versuch mit einem völlig neuen Methode den Volleyball am die Weltspitze heranzuführen. Das Projekt begann in de Bankras Sporthalle des Ersteliga Vereins Martinus aus Amstelveen. Der Verein engagierte einen israelischen Trainer namens Arie Selinger. Selinger war einer autoritärer Trainer, mit großer macht, ähnlich wie der Fußballtrainer Cruijf. Aus Geschichtsbüchern entnahm er das die Niederländer eine Gewinnermentalität besaßen und übertrug diese auch auf den Volleyball. Die Sprache wollte er nicht erlernen um nicht in den Sportpessimismus vergangener Tage zu verfallen. Er sprach niemals über Fehler sondern erwähnte immer nur die Dinge die gut liefen. Mentales Training und Konzentration wurden eingeführt. Selinger verlangte 20 Stunden Training pro Woche und mindestens 60 Spiele auf hohem Niveau pro Jahr.

Selinger lernte, entwickelte, dachte und lebte Volleyball. Er schrieb seine „Volleyballbibel“ Powervolleyball, und entschied sich damit für das Bankras Modell mit den Niederländischen Riesen. Er nahm sich vor die langen Körper beweglich zu machen. Er wusste dass die Niederländer die längsten Menschen der Welt sind. Es gibt 30.000 Niederländer die größer als zwei Meter sind. Die Philosophie lautete:

EIN Topteam ist: EINE Person mit EINEM Herz und EINEM Geist und EINEM paar Hände und EINEM Paar Beine“.

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Das Bankras Modell war vollständig. Zu dem Vorwurf der Kritiker es sei eine Sekte äußerte sich Selinger wie folgt: „Es war ganz sicherlich keine Sekte. Das Team war auf dem Weg zu Weltruhm. Niemand wurde zu irgendetwas gezwungen. Die Spieler wollten selber“. Während des Trainings schlug er Angaben, schmetterte oder warf die Bälle zu. Der Ball kehrte immer wieder zum Trainier zurück. Das war damals in den Niederlanden ungewöhnlich, wo der Trainer bislang seine Anweisungen vom Rande des Spielfeldes aus gab. Der Trainer wurde in kürzester Zeit zum Guru. „Wenn er den Spielern gesagt hätte sie sollen unverzüglich alle aus dem Notausgang des Flugzeuges springen hätten sie das vermutlich getan“. Der Wille des Generals war Gesetz.

1988 stieg Martinus trotz heftiger Gegenwehr aus der Ersten Liga aus um als Nationalmannschaft weiter zu machen. Alle Spieler von Martinus waren ohnehin schon Nationalspieler. Das Ziel war zunächst zusammen zu bleiben und bei den Olympischen Spielen 1992 in Amsterdam zu glänzen. Aber die Hauptstadt bekam die Ausrichtung der Spiele nicht und so änderte sich der Ort in Barcelona Olympisches Gold war Ziel und Traum zugleich.

Die Außenwelt beäugte die Fanatiker in der Bankras Halle oft als Verrückte, Mitglieder einer Sekte oder Klosterschüler. Vor allem seit sie aus der ersten Liga ausgestiegen sind. Sie selber dachten, dass sie dort nichts mehr lernen konnten. Sie waren nur noch Nationalmannschaft. Es ging um die Ehre, Geld spielte keine Rolle mehr. Den Trainer Arie Selinger zog das große Geld 1989 nach Japan. Er kam später auf Gesuch der Spieler ein halbes Jahr vor dem Olympischen Turnier zurück.

Auch für einzelne Spieler, die in rasantem Tempo Anschluss an die Weltspitze gefunden hatten, lockten Lire und DM, und der Anblick der immergleichen Gesichter beim Training wurde für manch Einen unerträglich. Nach dem Weggang des Trainers wechselten auch einige Spieler ins Ausland, um dort Geld zu verdienen. Noch kurz vor dem Turnier ließ der Trainer die Spieler extrem hart trainieren. Ron Zwerver über diese Zeit: „Der Trainer stellte in der olympischen Vorbereitung für Barcelona zwei Spielergruppen gegeneinander auf und ließ die Auswahl unmenschlich hart trainieren. Ich war kurz davor aufzuhören. Ich konnte vor allem mental nicht mehr. Ich glaube Arie wollte uns mit diesem harten Training Mundtot machen. Das fand er angesichts der Umstände vielleicht das Beste“

Die Niederlande schafften den Sprung ins Finale, war aber gegen Brasilien chancenlos. Boudrie, einer der Spieler, sagte über das Finale: „Nicht jeder brachte 110% seiner Leistung. Brasilien war phänomenal, unfassbar. Ich habe nie wieder ein stärkeres Team gesehen, das so schön und so schnell gespielt hat. Sie hüpften wie die Frösche und waren einfach unschlagbar. Deshalb war ich sehr stolz auf unsere Silbermedaille.“

Nach Barcelona

Nach den olympischen Spielen  von Barcelona veränderte sich alles. Die bankrotte „Topsportstichting“ (der Sponsor des Bankras Modells) wurde aufgelöst. Die übrig gebliebenen Vertragsspieler wurden entlassen und Spieler wie Ron Zwerver schlossen einen Vertrag in Italien über 600.000 Dollar ab. Mit dieser Summe wäre das Bankras Modell ein ganzes Jahr lang ausgekommen.

Die Spieler des alten Modells lernten im Ausland dass es nicht um das wir Gefühl ging sondern in erster Linie um das Ich-Gefühl. Es ist vor allen Dingen wichtig dass man selber gut spielt. Das Team kommt an zweiter Stelle. Für die niederländischen Spieler des Bankras Modells war es eine verkehrte Welt.

1992 wurde in neuer Nationaltrainer eingestellt. Ein Trainer mit einer anderen Volleyball Philosophie als sein Vorgänger. Joop Alberda lernte in seiner Anfangszeit als Trainer den Amerikaner Doug Beal, den Mann  hinter dem Olympischen Titel der Amerikaner kennen. Er veränderte das Modell auf radikale Weise von einem diktatorischen Modell in ein demokratisches. Er selber war ein Meister der Psychologie. Die Grundphilosophie von Alberda war „Totalvolleyball“. Die Multifunktionalität des Niederländischen Spiels in Kombination mit verbessertem Block- und Verteidigungsverhalten. Fünf Spieler sollten schweben wenn Stellspieler Blange den Ball zuspielte. Das Spiel veränderte sich nicht fundamental, aber die Handlungsgeschwindigkeit wuchs.

Alberda: „Unser Bestreben war es einen schnellen Außenangriff zu spielen. Das ist das optimale, dann hat man lediglich einen Ein Mann Block vor sich. Ein etwas langsamerer Außenball geht auch noch. Ein lückenhafter Zweimann Block ist für uns auch akzeptabel. Der nächste Faktor ist Verfügbarkeit. Jeder hat anspielbar zu sein, es sei denn er ruft, dass er den Ball nicht haben will. Blange ist hierbei ausschlaggebend. Er ist ein Zuspieler, der sich traut im letzten Moment zu entscheiden wohin der Ball geht und vor allem die Mittelleute einsetzt. Und während des Trainings ist er in der Lage simple Dinge verdammt gut zu machen“

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