Time-Out im Ralley-Point-System

- über die wachsende Bedeutung von Auszeiten im Volleyball -

Simon Muff

Die Auszeit, im modernen Deutsch selbstverständlich wenn möglich in Englisch, also Time-Out, bedeutet wie es der Name schon sagt ein Stopp, ein Unterbruch des Spiels. Man findet es sowohl im Handball wie auch im Eishockey und andern Mannschaftssportarten. Auch im Volleyball ist es beheimatet und nicht mehr wegzudenken. Dass nun dieses elementare Ding innerhalb einer Traditionssportart einen höheren Stellenwert bekommen soll, ist es mir doch wert, bei dieser Gelegenheit ein paar Gedanken zu machen. Ich selbst werde nämlich als Trainer, Spieler und als Zuschauer davon in unmittelbarer Zukunft betroffen sein.

Alles hängt eigentlich von den drei Buchstaben R.P.S. ab. Was soviel wie Ralley Point System bedeutet. Dieses System legt den neuen Zählmodus im Volleyball fest. Wie gehabt wird ein Match auch in Zukunft auf drei Gewinnsätze gespielt. War es bis anhin nur im letzten und entscheidenden fünften Satz dem Tie-Break so, dass ein Fehler einen direkten Punktgewinn zur Folge hat, so soll es jetzt während dem ganzen Spiel gehandhabt werden. Anstatt den Satz bei fünfzehn Punkten oder mit zwei Punkten Differenz zum Gegner (15:17) als gewonnen abhaken zu können, müssen jetzt 25 Punkte mit zwei Punkten Differenz zur andern Mannschaft auf der Anzeigetafel leuchten. Der letzte Satz (Tie-Break) wird aber immer noch auf 15 Punkte gespielt. Die Folgen dieser Änderung lassen sich unschwer erkennen: Das Spiel wird kürzer und logischerweise in der Länge berechenbarer. Konnte sich bis jetzt ein minutenlanges Side-Out Spiel entwickeln (Wechsel des Aufgaberechts), führt nun jeder Fehler gezwungenermaßen zu einem Punkt für den Gegner. Sobald die führenden Mannschaft acht bzw. 16 Punkte erreicht hat folgt neu ein so genannt technisches Time-Out von einer Minute, welches das Kontingent der Teams nicht belastet. Zusätzlich hat jede Mannschaft das Anrecht auf zwei zusätzliches Time-Outs pro Satz von 30 Sekunden. Zu sagen ist, dass diese neue Zählweise auf internationalem und nationalen Parkett bereits Realität ist, sie aber in den regionalen Ligen noch nicht zur Anwendung gekommen ist, es aber vermutlich bald wird. An der ganzen Änderung ist nun vor allem der psychologische Aspekt, der mit dem Time-Out eng verknüpft ist, interessant und nicht zu unterschätzen.

Durch die neue Spielweise entwickelt sich ein sehr schnelles Spiel, das keine Unkonzentriertheiten zulässt. Konnte bis anhin ein Coach recht gut zwischen einem Ballwechsel noch kurze Anweisungen ins Feld rufen oder mit speziellen Handzeichen angeben, wird dies nun sehr viel schwieriger. Der Druck, der auf den Spielern lastet ist größer, denn jeder Fehler hat einen direkten Punktgewinn für den Gegner zur Folge. Die Spieler können es sich gar nicht erst leisten, den Worten eines Coaches zwischen zwei Spielzügen groß  Beachtung zu schenken, denn die nächste Aktion verlangt bereits volle Konzentration. Das haben auch die Chefstrategen des Internationalen Volleyballverbandes gemerkt und warten mit der Neuerung des technischen Time-Outs auf.  Während einer Minute hat nun der Coach Zeit, sich an seine Spieler zu wenden und ihnen meist taktische Informationen zu geben. Der wichtigste Punkt meiner Meinung nach ist, wie sich der Coach verhält. Empirische Untersuche haben gezeigt, dass ein Spieler, dem während einer Minute der Kopf vollgeredet wird, sich auch nur die Hälfte merken, geschweige dann noch umsetzen kann. Der Coach muss hier als Psychologe brillieren, will er den Unterbruch wirklich zu seinem Vorteil nutzen können. Landläufig trifft man genau das Gegenteil an. Während der ganzen Zeit wird heftig diskutiert und noch mehr gestikuliert - am Ende schickt der Coach seine Truppe wieder aufs Feld mit der Annahme, dass die Spieler seine Anweisungen, die oft halbe „Lebensweisheiten“ sind, umsetzen können. Aber nichts gewesen, der gefrustete Coach beschließt nun im nächsten Unterbruch noch länger und intensiver auf die Spieler einzureden, weil doch die Sache nicht schwer zu begreifen wäre. So dreht sich das ganze Theater weiter, das Team bricht auseinander und man trägt eine Schlappe nach Hause.

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Aus eigener Erfahrung habe ich gelernt, dass die vielen Worte nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Warum einfach einmal nichts sagen, die Mannschaft verschnaufen lassen, kurz entspannen und dann wieder auf ins Gefecht? Wer die Mannschaft, die man betreut nicht genau kennt und die verschiedenen Charaktere nicht einschätzen kann, wird meiner Meinung nach mit der neuen Zählweise Mühe bekunden. Die noch größere Bedeutung als die des technischen Time-Outs werden aber die so genannt taktischen Time-Outs erlangen. Das taktische Time-Out darf der Coach nach eigenem Gutdünken pro Satz zweimal einsetzen. Rund eine halbe Minute hat er nun zur Verfügung. Fast immer wird die taktische Auszeit bei einer Führung des Gegners genommen, oft dem Ziel dem Gegner den Rhythmus zu brechen und die Konzentration zu stören. Man will einen Fehler oder auf höherem Niveau einen leicht abzunehmenden Service provozieren, um sich leicht einen Punkt ergattern zu können. Spiele können auf diese Weise sehr schnell kippen, denn wenige Fehler und Unachtsamkeiten genügen und das Spiel ist gewendet.

An dieser Stelle seien nun die Spieler erwähnt, sie sind ja schließlich die Protagonisten auf dem Feld und sie sind ebenso, wenn nicht mehr von der neuen Regel betroffen. Der Druck, der auf jedem der sechs „Um-Punkte-Kämpfenden“ beruht ist groß und wird gegen Ende des Satzes sehr groß. Oft ist dieser Druck ein Hindernis junge Spieler einzusetzen, weil sie noch nicht über genügend Erfahrung verfügen, um in kritischen Momenten die Übersicht behalten zu können. Wie dem auch sei, die Auszeiten bleiben, und nach jedem Unterbruch muss sich jeder Spieler wieder voll konzentrieren können und die Mannschaft muss als ganzes den Tritt wieder finden. Aus diesem Grund habe ich die Unterbrüche als Spieler nicht besonders gerne. Nicht dass ich mich nicht konzentrieren könnte, aber den Rhythmus wieder zu finden ist nicht immer einfach. Wenn ich mal außer Atem komme, gibt es meist andere Mittel um mich erholen zu können (Schweiß vom Boden wischen, den plötzlich offenen Schuhbändel binden etc.).

Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung kommt auch den Siedsrichtern zu. Diese stehen durch die schnellen Punktverluste ebenfalls unter einem stärkeren Druck und eventuelle Fehlentscheide wirken sich unter Umständen fatal aus. Auch ihnen werden die technischen Auszeiten nicht immer gelegen kommen und verlangen danach wieder höchste Konzentration.

Alles in allem kann man sagen, dass alle am Spiel Beteiligten recht stark von der neuen Regelung betroffen sein werden. In Zukunft werden wohl vermehrt Spieler den Ton angeben, die psychisch sehr stark sind, über eine gute anaerobe Ausdauer verfügen und die auf den Punkt X wieder ihre maximale Leistung zeigen können. Psychisch schwache Spieler werden entweder vom Gegner durch Provokationen und gezielten Stress (Service auf den betreffenden Spieler) oder vom Coach mittels Auswechslung aus dem Spiel genommen. Der Coach wird es sich in Zukunft nicht mehr leisten können, sofern er auf Sieg spielt, psychisch leicht irritierbare und unkonzentrierte Spieler auf das Feld zu schicken. Er muss sehr differenzierte Auszeit-Strategien entwickeln können, um seiner Mannschaft zu helfen anstatt zu schaden. Auch muss er entschlussfreudig sein, denn ein schnelles Spiel lässt keine Nachdenkzeit. Auch der (Spitzen)schiedsrichter wird wohl aufgrund der neuen Regel mehr Zeit in Mentales Training investieren müssen, um die Konzentration nach den Unterbrüchen nicht zu verlieren oder sie dann so schnell als möglich wieder zu finden.

Nur wer sich ideal und effizient an die neue Auszeit-Regelung und ihre Strategien anpasst und deren wachsende Bedeutung erkennt, wird mittelfristig Erfolg haben!

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