Einführung Systematische Spielbeobachtung

Michael Warm & Andreas Meusel

 

Warum

Einsatzmöglichkeiten

Beobachtungsziele

Bewertungsschemata

Beobachtungstools

Beobachtungsbogen

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Warum systematische Spielbeobachtung?

Volleyball ist in allen Leistungsklassen ein sehr komplexes Sportspiel. Die systematische Spielbeobachtung ist ein geeignetes Mittel, um die wesentlichen Strukturen in dieser Komplexität besser zu erkennen und Training sowie Spielgeschehen darauf abzustimmen. Sie ist unverzichtbar um:

  • in einem Spiel objektive Informationen über die eigene Mannschaft und/oder den Gegner zu erhalten,

  • die vorhanden technisch-taktischen Möglichkeiten aller Spieler einer Mannschaft optimal einzusetzen (Spiel) bzw. zu fördern (Training).

Im Spiel sollten so wenige Informationen wie nötig gegeben werden. Ein Teil der Erkenntnisse über den nächsten Gegner kann schon in den Trainingseinheiten vor dem Spiel in Übungen und konkreten Handlungsanweisungen vermittelt werden.

Entscheidend für die Anwendung der systematischen Spielbeobachtung während des Spiels sind die Möglichkeiten der Spieler/innen, diese umzusetzen. Deshalb sollte die systematische Spielbeobachtung schrittweise eingeführt werden.

Die Möglichkeiten zur Umsetzung variieren von Spieler zu Spieler und von Spiel zu Spiel. Selbst im Verlauf eines Spiels/Satzes verändert sich die Verfassung eines Spielers. Bei großen Schwankungen bzw. schlechter Verfassung konzentriert sich das Coaching im Wesentlichen auf die Stabilisierung seiner Spielers. Hier braucht er Tipps für die entscheidenden technisch/taktischen Knotenpunkte seines Spiels. Erst bei stabiler oder guter Form kann sich der Spieler auf die effektivsten technisch/taktischen Maßnahmen für das Spiel konzentrieren.

Deshalb sollte der Trainer seine Spieler gut kennen und beobachten. Es gilt der Leitsatz: „Weniger ist mehr“. Die konsequent richtige Anwendung weniger Verhaltensweisen ist wirkungsvoller, als viel Wissen und nichts umsetzen können.

 

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Die Einsatzmöglichkeiten der systematischen Spielbeobachtung

  • vor einem Spiel (Gegneranalyse): wo sind Stärken und Schwächen meines Gegners

  • während eines Spiels (Online-Analyse):

  • weichen die Leistungen meiner Spieler von ihrer „Normalform“ ab

  • setzen meine Spieler die taktischen Vorgaben um

  • wie wirken die taktischen Maßnahmen, was verändert der Gegner

  • nach einem Spiel (Leistungsanalyse): detaillierte Informationen über den Leistungsstand einer Mannschaft bzw. eines Spielers

  • Mentale Vorbereitung eines Einwechselspielers, der sich mit Hilfe eines Beobachtungsbogens auf die taktischen Schwerpunkte seines Einsatzes vorbereitet: Beispielsweise beobachtet der Zuspieler die Erfolgsquoten seiner Angreifer oder die Schwächen des gegnerischen Blocks

  • Mit den Schlussfolgerungen aus der systematischen Spielbeobachtung bestimme ich auch die Inhalte bzw. Schwerpunkte der kommenden Trainingseinheiten: wenn mir die Stärken und Schwächen des nächsten Gegners bekannt sind, lege ich einen Akzent meines Trainings auf die Stärken meines Teams, die im kommenden Spiel am wirkungsvollsten gegen die gegnerischen Schwächen erscheinen.

  • Ebenso bestimme ich mit Hilfe der Auswertung mehrerer Spiele die Trainingsschwerpunkte über einen längeren Zeitraum: wenn die Auswertung ergibt, dass wir immer wieder Punktverluste bei Sprungaufschlägen haben, sollte diese Technik (Annahme von Sprungaufschlägen) über einen längeren Zeitraum im Vordergrund stehen.

  • In den zukünftigen Spielen informieren mich die Ergebnisse der Spielbeobachtung über die Wirkung meines Trainings.

Darüber hinaus kann ich meinen Spieler/innen objektive Informationen über die individuelle und mannschaftliche Leistungsfähigkeit und -entwicklung geben:

  • Im regelmäßigen Umgang mit solchen Informationen lernen die Spieler ihre eigene Leistungsfähigkeit besser einzuschätzen;

  • Die Motivation zur Verbesserung der eigenen Schwächen im Training steigt;

  • Auch im Spiel lenken die Spieler/innen ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf die spielentscheidenden Elemente. Sie wenden ihre Aktivitäten erfolgsorientierter an.

 

Die Beobachtungsziele

Bei der Bestimmung der Beobachtungsziele konzentriere ich mich auf die leistungsbestimmenden Spielelemente in der Spielklasse meiner Mannschaft (siehe Beispiele auf den folgenden Seiten). Um das Spiel meines Teams zu steuern, beobachte ich die Elemente, die meine Mannschaft umsetzen kann.

  • Bei Trainingsspielen und in der Saisonvorbereitung beobachte ich schwerpunktmäßig das Spiel meines Teams, um herauszufinden, wie ich die Mannschaft am besten auf- bzw. zusammenstelle.

  • In einem Spiel der laufenden Saison versuche ich vor allen Dingen die wirksamsten Maßnahmen gegen den Gegner zu ermitteln. Ich gebe nur die gewonnenen Erkenntnisse weiter, die der entsprechende Spieler (in seiner aktuellen Verfassung) auch umsetzen kann.

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Bewertungsschemata bei der Spielbeobachtung

Die Kategorisierung bei der Spielbeobachtung kann völlig unterschiedlich erfolgen. Dabei sind Skalen von 2 bis 5 Stufen gängig.

2-Stufen-Skala

Eine Ausnahme bilden Analysen, die nur die Abschlusshandlungen jedes Spielzuges beschreiben. Hier genügt eine 2-Stufen-Skala:

Der Spielzug wird entweder durch einen Punktgewinn (Aufschlagass, Angriffserfolg, etc.) oder einen Fehler (Aufschlagfehler, Angriffsschlag ins Aus, etc.) beendet. Es tauchen also nur die Bewertungen + und – auf.

3-Stufen-Skala

Mit dieser Kategorisierung kann man bereits jeden Ballkontakt beurteilen und in die Analyse aufnehmen. Die Bewertung ergibt demnach entweder:

+ (direkter Punktgewinn und damit Abschlusshandlung)

0 (der Ball bleibt nach der Aktion im Spiel)

– (direkter Punktverlust durch einen Fehler)

4-Stufen-Skala

Diese Skala ist die meist gebrauchte Skala. Neben den Abschlusshandlungen unterscheidet man die Ballkontakte, nach denen der Ball im Spiel bleibt, herkömmlich noch durch ihre Wirkung. So können Einzelqualitäten der Spieler bzw. auch ganzer Elemente besser differenziert werden.

+ (direkter Punktgewinn und damit Abschlusshandlung)

0 (nach dem Ballkontakt besitzt die eigene Mannschaft die Initiative)
 / (nach dem Ballkontakt erhält die gegnerische Mannschaft die Initiative)

– (direkter Punktverlust durch einen Fehler)

Beispiele: Die Annahme ist zwar nicht perfekt, aber immerhin so gut, dass der Zuspieler unter mehreren erfolgsversprechenden Alternativen auswählen kann. Dies wäre eine Annahme mit der Qualität 0. Ist die Annahme dagegen nur so gut, dass der Zuspieler nur einen hohen Pass spielen kann und somit der Gegner durch eine stabile Block- Feldabwehrposition scheinbar das Übergewicht erhält, klassifiziert man die Annahme mit einem „/“.

Ähnlich beurteilt man den Block. Kann die eigene Mannschaft danach den Ball gut angreifen, da der Ball vom Block leicht spielbar tuschiert wurde, so würde man dem Blockspieler eine 0 gutschreiben. Ähnliches, wenn der Ball von der gegnerischen Sicherung nur so hochgespielt werden kann, dass keine gute Angriffssituation mehr möglich ist. Umgekehrt wird der Block mit einem „/“ beurteilt, wenn der Gegner zu einem guten Wiederaufbau nach der Sicherung kommt, oder aber die eigene Mannschaft aus einer defensiven Situation heraus den Gegenangriff starten muss.

5-Stufen-Skala

Hier können die Unterschiede noch differenzierter beurteilt werden. Oft werden nun Spezialfälle mit einer eigenen Kategorie belegt.

Beispiele: Schlägt ein Angreifer einen Ball ins Netz oder aber ins Aus, so bekommt er dafür ein -, wird der Ball dagegen blockiert, so bekommt er eine andere Kategorie, obwohl auch hier der Spielzug direkt beendet ist.

Dadurch kann man nach einem Spiel genauer beurteilen, wo tatsächlich die Unterschiede zwischen den Mannschaften lagen.

Bevor man sich nun einen eigenen spezifischen Beobachtungsbogen für seine Mannschaft zusammenstellt, sollte man sich genau überlegen, welches Element mit welcher Skala beurteilt werden soll.

Dabei gilt: Je feiner die Skala, desto aussagekräftiger später auch die Analyse. Jedoch sollte man auf gar keinen Fall unterschätzen, welch hohe Anforderung eine detaillierte Skala – möglicherweise verbunden mit vielen Beobachtungselemente – an den Scout stellt. Oft empfiehlt es sich, die Skalen und die Anzahl der Elemente eher gering zu halten und dafür die wirklich aussagekräftigen Elemente für sein Spiel herauszufiltern!

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