Talenterkennung & -förderung?!

Marco Schmid (URL)

Die Talentförderung und Talenterkennung ist ein hoch komplexes Gebilde. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Entwicklung nicht prognostizierbar ist, weil sie keine lineare Kausalität aufweist. Oft werden im Rahmen von Talentselektionen die „Besten“ ihrer Kategorien in einer bestimmten Sportart in ein Kader aufgenommen und nicht die „Geeignetsten“. Die „Besten“ sind anhand ihrer Wettkampfresultate oft einfach zu erfassen. Ganz im Gegensatz zu den „Geeignetsten“: Sie sind in den Jugendkategorien nicht immer schon herausragend. Mögliche Gründe dafür können ein körperliches Entwicklungsdefizit (Retardierung), weniger Training, schlechtes soziales Umfeld oder andere sein.

In einem gut durchdachten Talent-Modell darf deshalb nicht lediglich die juvenille Leistungsfähigkeit als Selektionskriterium herbei gezogen werden. In meinen eigenen Untersuchungen anhand des Nachwuchskaders „Jugend für Olympia“ des Schweizerischen Leichtathletikverbands habe ich erkannt, dass auffällig viele Athleten und Athletinnen „früh“ im Jahr geboren sind. Nach Untersuchungen  von anderen Autoren sind die Top-Athleten in Aktivalter statistisch mehrheitlich in der zweiten Jahreshälfte auf die Welt gekommen! Dies mag damit zusammenhängen, dass diese sich in den Jugendkategorien stärker zu behaupten hatten, da sie körperliche Defizite mit anderen Qualitäten wie Kampfgeist oder Wille kompensieren mussten.

Die Einflussfaktoren auf die sportliche Leistungsfähigkeit bei Jugendlichen sind sehr vielfältig. Neben der Problematik des Alters (kalendarisches Alter, biologisches Alter und Trainingsalter) nenne ich an dieser Stelle auch die sozialen Bedingung, in der ein Sportler aufwächst, die somatischen Persönlichkeitsmerkmale, die genetische Disposition oder die Persönlichkeitsaspekte.

Das wichtigste Kriterium im Zusammenhang mit der Talentproblematik bleibt aber das Training. Dieses muss im Schüler- und Jugendalter möglichst mit vielen Bewegungserfahrungen (vielseitig, allgemein, variantenreich, abwechslungsreich und gründlich) ausgestattet sein. Andererseits muss im Jugendalter der kurzfristige Erfolg, welcher oft mit einer Forcierung des Trainings, verbunden mit einer höheren Anfälligkeit auf Verletzungen, verbunden ist, vermieden werden. Die Jugendlichen sind keine grossen Kinder oder kleinen Erwachsenen! Das Training ist deshalb nicht ein reduziertes Erwachsenentraining, sondern es muss auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ausgerichtet werden!     

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