Ist die frühe Leistungsfähigkeit ein hinreichendes Kriterium

für die Talenterkennung?

Marco Schmid (URL)

Selektionsentscheidungen werden im Nachwuchs (Aufnahme ins Kader etc.) über­wiegend von den für die jeweiligen Altersklassen zuständigen Vereins- und Verbandstrainern aufgrund eines Gesamtresümees aus Trainings- und Wettkampf­eindrücken getroffen. Speziellere Leistungsdiagnostische bzw. sportpsychologische Verfahren mit wissenschaftlichen Hintergründen werden dabei kaum eingesetzt. Beobachtungen deuten darauf hin, dass bei dieser Strategie oftmals die aktuelle Wettkampfleistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter überbewertet und langfristig relevante individuelle psychische und motorische Parameter unterbewertet werden. Dies erklärt unter anderem die hohe Drop-out-Rate bei Jugendlichen Sportlern. Einzelne Wettkampfresultate sind Momentaufnahmen der Leistungsfähigkeit und haben einen stark statischen Charakter. Wenn nur die juvenile Leistungsfähigkeit Aufschluss über das Talent eines Sportlers geben würde, hätten wir ja gar kein Problem bei der Talenterkennung. Man nimmt die 5 oder 10 Stärksten pro Jahrgang aus einer Disziplin ins Kader und fertig! Auf diesem Weg ließe sich sehr viel Geld sparen.

Aber warum ist es denn so, dass nach Untersuchungen von Coni nur wenige Talente den Sprung in die Weltspitze auch wirklich schaffen, die bereits im Schüler- und Jugendalter durch bestenlistenfähige Leistungen aufgefallen sind? In einer Studie von Witt (aus Joch S.160)  wird darauf hingewiesen, dass zum Beispiel in der A-Jugend­Bestenliste des Deutschen Leichtathletikverbandes bereits 82% der besten Schüler und 65% der besten Schülerinnen nicht mehr in der 30-Bestenliste des DLV registriert sind.

Juvenile Leistungsfähigkeit ist weder ein notwendiges noch ein hinreichendes Kriterium dafür, wer wirklich ein Talent ist! Es gibt genügend Belege dafür, dass Quer- oder Späteinsteiger bis zur internationalen Spitze aufsteigen können, oder auch solche Sportler, welche aus verschieden Gründen in ihrer Schüler- und Jugendzeit nur mittelmäßig waren, diesen Sprung schaffen.

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