So können Talente erfasst & gefördert werden?

Marco Schmid (URL)

Talenterfassung Talentförderung Training

1 Talenterfassung

Ein „gerechtes“ System zur Talentsuche und -auswahl muss stets bemüht sein nicht den „Besten“, sondern den „Geeignetsten“ zu finden. Den „Besten“ kann man wie be­schrieben im Normalfall ohne weiters an den besten Wettkampfresultaten erkennen. Den „Geeigneten“ vom „Ungeeigneten“ zu trennen, ist meist einiges schwieriger.

Nach Kaross / König ist jedes System darauf zu überprüfen, ob es diesem Grundsatz gerecht wird. Zudem müssen Zugangs- und Fördermöglichkeiten möglichst lange offen gehalten werden. Das schließt ein, dass anfangs „Ungeeignete“ mit einge­schlossen, „Geeignete“ aber nicht ausgeschlossen werden. Dieser Grundsatz hat zur Folge, dass der Kaderkreis zu Beginn groß sein muss und erst nach und nach ein­geschränkt werden darf, indem die sicher „Ungeeigneten“ ausgeschlossen werden. Bei einem großen Kader hat der retardierte, aber sehr talentierte Sportler auch die Möglichkeit gefördert zu werden, und er wird sich im laufe der Zeit, wenn er seinen körperlichen Nachteil wettgemacht hat, auch durchsetzten. Kommt er aber schon zu Beginn (ungerechtfertigterweise) nicht ins Kader, so wird er deshalb auch nicht optimal gefördert und man verwehrt ihm die Chance auf eine optimale Entwicklung. Der Nachteil dieser Methode ist, dass sie sehr kostspielig ist, weil der große Kaderkreis auch die entsprechenden finanziellen Mittel verschlingt.

Das Verfahren zur Talenterkennung sollte deshalb so ausgelegt sein, dass durch vielfältige Untersuchungen möglichst wenige „Ungeeignete“ ins Kader rutschen und dass somit die „Drop-out-Rate“ minimiert werden kann.

Klar spielt die Leistung bei der Talentauswahl im Jugendalter eine mit entscheidende Rolle, denn wie beschrieben, gibt es kein Talent ohne Leistung. Aber die Bestenliste darf nicht das einzige Selektionskriterium sein.

Nach Joch ist die Talentförderung „nicht primär suchen und finden“, sondern fördern! Zudem meinte Joch bei seinem Referat in Tenero, dass es nicht das Ziel der Talentförderung sein kann, zukünftige Olympiasieger zu „züchten“, sondern einfach gute Sportler. Er erwähnte in diesem Zusammenhang die Analogie zur Wissenschaft. Längst nicht jeder gute Wissenschaftler ist mit einem Nobelpreis geehrt worden! Genau gleich kann auch nicht weder Top-Sportler Olympiasieger werden. Hierzu müssen unheimlich viele, zum Teil nicht oder nur schwer beeinflussbare Größen wie zum Beispiel Tagesform, Gesundheit und Wettkampfglück, optimal zusammen spielen.

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Weitere Möglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Sportmotorische Tests (objektive Leistungserfassung)

  • Trainerbeurteilung, Schätzskala zum sportlichen Talent (subjektive Trainerbeurteilung): Wie schätzt der Trainer das Talent des Kindes ein? Ent­wicklungspotential?

  • Erhebung der wöchentlichen Trainingszeit / Saison- / Jahresplanung (objektive Trainerangaben): Trainiert ein Kind 5 mal die Woche im Verein oder nur einmal alleine?

  • Erhebung bisheriger Wettkampfresultate (objektive Trainerangaben): Nicht nur im Sinne von guten Klassierungen oder guten Leistungen, sondern auch von sprunghaften Fortschritten in verschieden motorischen Bereichen, die nicht auf körperliche Entwicklungsvorteile zurückzuführen sind.

  • Schätzung des Entwicklungsalters: Wie viel Prozent seiner maximal möglichen Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter hat das Kind bereits ausgeschöpft? 

  • Erhebung medizinischer Daten (Angaben einer medizinischen Fachperson): Gibt es gesundheitliche Einschränkungen beim Jugendlichen (Herzfehler, Asthma etc.) die einer Karriere als Spitzensportler im Wege stehen könnten?

  • Schätzskala zum Sportinteresse, Selbstbeurteilung (Angaben der Junioren): Sind die Kinder überzeugt, den Weg des Leistungssportler zu gehen? Sind sie vielleicht von den Eltern beeinflusst und zum Training gezwungen worden?

  • Elternbefragung (Angaben der Eltern): Hier kann unter anderem das soziale Umfeld beurteilt werden. Werden die Kinder von den Eltern gefördert oder vielleicht sogar „gepushed“? Wie ist die Einstellung der Eltern zum Spitzensport? Unterstützen sie ihn? Wie sind die finanziellen Möglichkeiten der Eltern (des Umfelds) einen Teil der Sportkarriere der Kinder mit zu finanzieren?  

(unter anderem aus Zahner, Projekt Talentsichtung, 1997)

 

2 Methoden der Talentförderung 

Wie beschrieben ist nach Oerter (1973) die Entwicklung ein „Prozess mit fast unendlich vielen Freiheitsgraden“. Das Problem der Talentförderung besteht nun gerade darin, wie mit diesen Freiheitsgraden umgegangen wird.

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2.1 Strategie der Reduzierung der Freiheitsgrade

Gerade in der ehemaligen DDR wurde dieses System mit großem Erfolg betrieben. Ein Aspekt bei der Strategie die Freiheitsgrade zu begrenzen, besteht in der Nor­mierung der sozialen und kommunikativen Kontakte, in der Regelung des Tagesablaufs und in der systematischen Unterordnung aller Tätigkeiten unter die sportlichen Leistungsziele. Dies wurde in der ehemaligen DDR in Sportinternaten mit dem Ziel der Ausschaltung leistungshinderlicher Verhaltensentscheidungen realisiert. Für ein solches System müssen allerdings auch die ge­sellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür bestehen und nicht aus sozialen oder pädagogischen Gründen Einwände geltend gemacht werden. In einer offenen Ge­sellschaft scheitern die meisten Unternehmungen dieser Art, erinnert das Modell doch stark an die Planwirtschaft.

 

2.2 Strategie der „marktwirtschaftlichen“ Steuerung

„In offenen Gesellschaften mit marktwirtschaftlicher Wirtschafts- und Gesellschafts­struktur ist es bei der Suche nach Übereinstimmungen zwischen den Leitlinien der Talentförderung und den Normen gesellschaftlichen Handelns nahe liegend, sich auf Mechanismen zu beziehen, die den Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft folgen. „Für die Talentfindung bedeutet dies, dass die sportlichen Höchstleistungen gesellschaftlich als erstrebenswertes Ziel akzeptiert und anerkannt werden. Das Bedürfnis nach ge­sellschaftlicher Anerkennung in Verbindung mit einer entsprechenden finan­ziellen Entlöhnung, die Ausdruck dieser Anerkennung ist, fördert das Engagement aller, die mit der Talentförderung befasst sind: das sportliche Talent selbst, Trainer, Vereine, das Elternhaus.“ (Joch bei Daugs, S.199ff.)

 

2.3 „Wachsen lassen“

In radikalem Gegensatz zur Methode Reduzierung der Freiheitsgrade steht das Modell Wachsen lassen. Hier geht es darum, möglichst wenig in die Entwicklungsprozesse von Jugendlichen einzugreifen.

Feige beschreibt die Methode 1973 folgendermaßen: „Wachsen lassen mit individuell dosierten Reizen unter Einbeziehung der Umfangreichen Ergebnissen der Trainingslehre.“ (Feige bei Joch S.64)

Die Lehre geht davon aus, dass das Kind durch eigene Kräfte wächst und sich dadurch entwickelt. Der Prozess ist vergleichbar mit einer Pflanze, die aus ihrer Umwelt die nötigen Nährstoffe bezieht und sich an die Umwelt anpasst und sich in ihr selbst zurechtfindet.

Nach Wilhelm sollte der Pädagoge „diese Arbeit der Natur möglichst unterstützen; und er unterstützt sie am besten, wenn er möglichst wenig in diesen Prozess ein­greift" (Wilhelm bei Joch, S.65)  

Als Beispiel wird oft Straßenfußball in Brasilien angeführt. Er wird als das eigent­liche Talentreservoir des Fußballs angesehen. Dabei spielen die Kinder auch eigenständig ohne die Beaufsichtigung oder Förderung der Erwachsenen und es hat sich auf der internationalen Bühne schon der eine oder andere Jugendliche so durchgesetzt.

Auch die Langstreckenläufer in Kenia kommen oft aus ähnlichen Verhältnissen. Sie müssen jeden Tag viele Kilometer bis zur Schule und zurück rennen. Dabei werden sie nicht gefördert oder dazu angestachelt diese Leistung zu vollbringen, es gibt schlichtweg keine andere Möglichkeit! Trotzdem ist es natürlich ein optimales, unbe­wusstes Training. Und weil es im Langstreckenlauf einfach „viele Kilometer in den Beinen“ braucht, sind diese Läufer den Mitteleuropäern und Amerikaner oft schon weit voraus. Dazu kommt in diesem Beispiel auch noch der soziale Aspekt. Für Afrikaner ist der Sport oft der einzige Weg um an Prestige, Ruhm und Geld zu kommen. Wenn sie an internationalen Wettkämpfen teilnehmen können, verdienen sie ein Vielfaches von dem, was sich durch „normale“ Arbeit zu Hausen erarbeiten würden. Für uns in Zentraleuropa ist dies nicht der Fall, es ist sogar oft so, dass wir uns auf ein finanzielles Wagnis einlassen, wenn wir auf die Karte Spitzensport setzen. Wie viele Leichtathleten können in der Schweiz von ihrem Sport leben? 

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2.4 Intentionale Vielseitigkeit

Nach Hanebuth sollte das Talentfördertraining vor allem Vielseitig sein. „Jede ausschließlich für sich betriebene Sportart führt unweigerlich zu einer leistungshemmenden Einseitigkeit, weil dadurch sowohl die menschlichen Organe als auch die Muskelkraft und die Bahnen der körperlichen Bewegungsabläufe immer nur in ein und derselben Form von Intensität beansprucht werden und in diesem gleich bleibenden, monotonen Wachstumsreiz abstumpfen“. (Hanebuth bei Joch S.67) 

Diese Beschreibung entspricht auch heute noch den Regeln der modernen Trai­ningslehre. Sie passt gut in das „Prinzip des wirksamen Belastungsreizes“ oder  „das Prinzip der Variation der Trainingsbelastung“.

Die Vielseitigkeit kann dabei im Sinne der Motivationsförderung als vielseitig-abwechslungsreich, aber auch als Vermeidung von zu früher Spezialisierung als viel­seitig-allgemein verstanden werden.

Dabei beinhaltet die Vielseitigkeit nicht nur trainings- oder sportartenspezifische Multifunktionalität, sondern auch die Vielfalt der Trainingsmittel und –formen, trainingsmethodischer Variantenreichtum und kindgemäße Abwechslung. Die Viel­fältigkeit sollte vor allem das Ziel verfolgen, ein möglichst großes Bewegungsrepertoire zu schaffen.  

Auch Thiess meint in seiner Abhandlung des Themas „der Weg der sportlichen Leistungsentwicklung erfolgt über die Vielseitigkeit zur Spezialisierung, von der breit angelegten allgemeinen Ausbildung zu den spezifischen Trainingsinhalten“ (Thiess bei Joch S.68)

Meiner Meinung nach ist es deshalb wichtig, in der Schüler- und Jugendzeit als Leichtathlet mit Mehrkampf zu beginnen, oder parallel zur Leichtathletik eine andere Sportart zu betreiben, und sich erst im Laufe der Zeit auf eine Disziplin zu spezialisieren. Leider konzentrieren sich viele Athletinnen und Athleten zu früh auf nur eine Disziplin und somit fehlen ihnen dann oftmals Bewegungserfahrungen aus anderen Bereichen. Zudem ist das Training im Sinne der Motivationsförderung (vielseitig-abwechslungsreich) für die Jugendlichen spannender und interessanter. Ich denke, dass die zu frühe Spezialisierung auch zur Folge haben kann, dass die Athleten nach einer gewissen Anzahl Jahre, vielleicht noch vor dem Erreichen des Erwachsenenalters, das Handtuch aufgrund von Motivationslosigkeit werfen.

Mit zunehmender Dauer sollte sich dann das Spektrum der Vielseitigkeit verengen und sich eher auf die Vorbereitungsphase konzentrieren. Bei uns im Verein wird das meist so gelöst, dass wir im Winter in einem Training pro Woche am Schluss Spielsportarten wie Fußball oder Unihockey betreiben. Diese fördern auf spielerische Art und Weise Koordination, Ausdauer, Konzentration, Schnelligkeit, Teamgeist und Spaß. In der Wettkampfphase werden die Spiele aber vor allem aus ver­letzungstechnischen Gründen weitgehend weggelassen.

 

3 Die Bedeutung des Trainings

Laut Joch ist die Talentförderung in erster Linie ein Trainingsprozess. Training in diesem Sinne ist ein pädagogischer, biologisch-adaptiver, sozialer und grund­legender Prozess der sportlichen Leistung, der auf eine möglichst gute Ausschöpfung des Leistungspotentials ausgerichtet ist. Talentförderung ist damit kein punktuelles, einmaliges Ereignis, sondern en langjähriger und systematischer Prozess.

Das Training ist im Rahmen der Talentförderung ein Lernprozess (es müssen Erfahrungen gesammelt werden) und folgt dem „Prinzip der Allmählichkeit“. Es geht darum, einem sportlich begabten Kind oder Jugendlichen den Weg zur inter­nationalen Spitze zu ebnen und nicht darum, den kurzfristigen Erfolg im Nach­wuchsalter zu suchen.

Das Training bildet das Fundament für später zu erbringende Höchstleistungen. Dabei werden vor allem Anforderungen an die Stabilität und Tragfähigkeit gestellt. Stabilität bedeutet, dass ein gesichertes und gefestigtes Bewegungsrepertoire ge­schaffen wird. Im Sinne der Tragfähigkeit sollen später zu erbringende sportliche Höchstleistungen verletzungsfrei toleriert werden können und nicht zu physischen oder psychischen Zusammenbrüchen führen.

Der Fundamentalcharakter des Training bedeutet zusätzlich, dass das Training weder Selbstzweck noch Endziel, sondern nur eine Vorstufe und Vorbereitung auf folgende Leistungen ist.

Das Training im Kindes- und Jugendalter sollte nicht ein bloßes Wiederholen von Übungen im Sinne des schnellstmöglichen Erfolgs sein, sondern eher das Anreichern (Enrichment) einer Vielzahl von Bewegungserfahrungen. Das folgende Schema soll diesen Sachverhalt verdeutlichen.


Abb. 1 (aus Joch, Das sportliche Talent, S.76)

Die Jugendlichen sind keine großen Kinder oder kleinen Erwachsenen! Das Training ist deshalb nicht ein reduziertes Erwachsenentraining, sondern es muss auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ausgerichtet werden!     

 

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