Time-Out Stratgien

Simon Muff

 

Zweimal pro Satz hat der Trainer die Gelegenheit das Spiel zu unterbrechen, indem er ein Time-Out nimmt. Von den Auszeiten erhofft man sich immer einiges, doch welche Überlegungen und Strategien führen dazu? Während man in der Literatur etliche Seiten darüber findet, was man in einem Time-Out sagen oder auch nicht sagen sollte, sind Überlegungen zu den Strategien kaum zu finden. Dieser Artikel versucht diese Lücke zu schließen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu können und wollen. Es soll vielmehr der Beitrag und die Ausgangslage zu einem vertieften Diskurs sein.

Quelle: fivb

Weiter ist es auch der Versuch das, was viele Trainer und Trainerinnen aufgrund ihrer Intuition und Erfahrung „unbewusst“ entscheiden, strukturiert und analytisch „bewusst“ zu machen. Vorausschicken möchte ich, dass dieser Artikel nur bedingt für Teams gilt, welchen die technische Auszeit zur Verfügung steht.

Im folgenden Mind-Map habe ich verschiedene Strategien zusammengefasst. Die Darstellung hat den Aufbau für den hier vorliegenden Artikel geliefert.

Beginnen möchte ich die genauere Betrachtung bei der wohl häufigsten Ausgangslage – dem eigenen Team. Als ersten Aspekt habe ich „Kondition“ ins Mind-Map geschrieben. Ein Spiel läuft sehr gut, es entwickelt sich ein wahrer Schlagabtausch, der langsam zur Entscheidung kommt. Hier kann es nun sehr entscheidend sein, im richtigen Augenblick für sein Team eine Auszeit zu beantragen. Die Schwierigkeit ist, dass man dem Team nicht den Rhythmus bricht, aber auch nicht so lange wartet, bis die eigenen Spielerinnen wegen der aufkommenden Müdigkeit beginnen, unnötige Fehler zu machen. Wer aber den richtigen Moment erwischt, gibt seinem Team die Gelegenheit kurz durchzuschnaufen, etwas zu trinken und sich wieder zu sammeln, um für den Endspurt nochmals zulegen zu können.

Der Faktor „Stress“ spielt dann eine Rolle, wenn irgendein Umstand das Team aus der Konzentration wirft. Das können zwei Spieler sein, die sich kurzzeitig auf dem Feld in die Haare geraten, die ich aber nicht auswechseln kann oder will, das können taktische Unsicherheiten bei der Aufstellung sein oder auch ein Tapeverband, der unbedingt erneuert oder erweitert werden muss.

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Quelle: fivb
 

Der Bereich „Taktik“ ist wohl der größte und wichtigste. Hierher gehören alle Umstellungen im System, gespielte Varianten und Spielerwechsel. Es braucht vor allem dann ein Time-Out, wenn ich als Trainer die Umstellung nicht von der Seitenlinie aus kommunizieren kann oder will. Für Spielerwechsel braucht es eigentlich keine Auszeit, es sei denn, man verbindet ihn mit einer taktischen Veränderung, die man vorgängig in der Auszeit besprechen oder ankündigen will.

Wenn einfach gar nichts läuft, nichts zusammenpassen will, dann versucht man sein Glück oft mit einer Auszeit. Es sind die Momente, in denen man als Trainer der Verzweiflung nahe ist und einen das Gefühl der Machtlosigkeit überkommt. Wohl bemerkt, aufrüttelnde Worte und taktische Anweisungen können in solchen Situationen durchaus erfolgreich sein, doch es gibt auch den Punkt, wo einfach nichts mehr zu machen ist und man eine schlechte Leistung besser im Anschluss genau analysiert, als in 30 Sekunden die Welt verändern zu wollen.

Der Punkt „Ereignisse“ umfasst alles, was im Spiel vorkommen kann, aber nicht volleyballerischer Alltag darstellt. Vor allem Verletzungen nehmen hier eine wichtige Rolle ein, nach welchen es darum geht, die Gedanken des Teams wieder auf das Spiel zu konzentrieren.

Der große Gegenpol zum Fokus auf das eigene Team ist die auf der andern Seite des Netzes stehende Mannschaft. Der Gegner kann durchaus Grund sein, eine Auszeit zu beantragen. Zum einen um ganz einfach den Rhythmus zu stören, einen guten Lauf zu brechen oder um selber den Tritt wieder finden zu können. Das Brechen des Rhythmus’ kann je nachdem mit statistischen Daten ergänzt werden, mit Hilfe einer Rotationsanalyse kann beispielsweise sehr gezielt vor der besten Rotation des Gegners eine Auszeit verlangt werden. Das gleiche gilt für Schlüsselspieler auf ihrer stärksten Position, die man mit einer Unterbrechung aus dem Konzept zu bringen versucht. Die Schwierigkeit ins Spiel zu finden kann auch für Ersatzspielerinnen provozieren, indem sie beispielsweise bereits kurz nach der Einwechslung für eine Auszeit an die Seitenlinie geschickt werden.
 

Auch die Zuschauer können das Beantragen einer Auszeit sinnvoll werden lassen. Vor allem dann, wenn man einer aufkommenden Hexenkessel-Stimmung den Wind aus den Segeln nehmen will. Ein nicht zu vergessender Aspekt ist auch der Schiedsrichter. Wenn sich die Spieler mehr auf die Leistung der Unparteiischen konzentrieren und diese eventuell auch laufend bemängeln, dann ist eine Auszeit angesagt, in der sich die Gemüter beruhigen können und danach die Konzentration wieder voll aufs Spiel gerichtet wird.

Quelle: fivb

Es wird ihnen beim Lesen vielleicht dann und wann durch den Kopf gegangen sein: Die verschiedenen Bereiche lassen sich doch nicht so strikte trennen! Da bin ich ganz einverstanden. Ist mein Team schwach, weil der Gegner so gut ist? Nehme ich eine Auszeit wegen dem eigenen Team oder wegen dem Gegner? Lässt sich mein Team von Schiedsrichterentscheiden ablenken, weil einfach nichts zusammenpassen will oder sich vorher eine Schlüsselspielerin verletzt hat? Ändere ich meine Taktik wegen eines Spielers des Gegners oder weil mein Zuspieler einfach nicht seinen besten Tag? Das sind sehr komplexe und spannende Fragen, die sich nicht immer ganz klar beantworten lassen, wie es das Mind-Map vielleicht suggeriert. Und dennoch lohnt es sich meiner Meinung nach, die eigenen Strategien von Zeit zu Zeit genau unter die Lupe zu nehmen und möglichst rational zu analysieren. Die Übersicht kann dazu eine wertvolle Hilfe sein und neue Erkenntnisse und Sichtweisen ermöglichen. 

Doch bei aller Analyse wird es die Intuition und das „Gespür für den Augenblick“ eines erfahrenen Trainers nie ersetzen können und soll es auch nicht! Es gibt auch keine konkreten Handlungsanleitungen, was denn in den Auszeiten je nach Situation gesagt werden soll. Muss es auch nicht, denn davon wird in der nächsten Ausgabe die Rede sein!

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