Ein Vergleich der Trainingsmethoden

UDSSR - BR Deutschland

Marina Cukseeva

Psychologie und Selbstkontrolle

5 Psychologie

Ein ganz wichtiger Aspekt im Trainingsprozess ist die Psychologie.

5.1 Psychologie in der Sowjetunion

Aus dem ja bereits beschriebenen Grund, dass nämlich ein Spieler die Mannschaft nicht wechseln konnte, entstand eine ganz besondere Mentalität der Mannschaft.

Ein neuer Spieler musste sich der Mannschaft anpassen. Bei dem 20‑30köpfigen Mannschaftskader gab es 3-4 gleichwertige

Belikova im Angiff (Quelle: FIVB)

Bild: FIVB

Spieler auf jeder Spielposition. Daraus resultierte eine große Konkurrenz unter den Spielern, die sich ganz besonders in jedem Training zeigte. Für ein Spiel wurde nicht derjenige aufgestellt, der im letzten Spiel gut gespielt hatte, sondern der, der im Moment die beste Leistung zeigte. Diese Situation führte dazu, dass jedes Training zu einer Art Wettkampf führte bzw. ausartete. Diese Konkurrenz führte zu einem erheblichen Leistungsdruck und „psychologischem Stress“.

Aber auch der Trainer verstand es mit Psychotricks die Spieler immer wieder in Stresssituationen zu versetzen. Dazu nutzte der Trainer einige „gemeine“ Tricks.

Beispiel 1
Am Ende eine Trainings sagte er: „So, jetzt die letzte Übung, maximale Schnelligkeit, hart schlagen!“
Nach der Übung, in der dann jeder noch einmal seine maximale Leistung zeigte, dann noch einmal die Aussage des Trainers: „So, jetzt die letzte Übung, ...“

Wenn man müde ist, ist es schwer sich zu konzentrieren und sich neu zu mobilisieren, noch einmal wieder die volle Leistung zu bringen.

Beispiel 2
Der Trainer traf während eines Trainingspiels ungerechte Entscheidungen. So zeigte er zum Beispiel eine Netzberührung an, obwohl es keine gegeben hatte oder gab ein anderes Mal den Ball „Aus“, obwohl dieser im Feld war. Diese Entscheidungen führten bei den Spielern zu psychischem Stress. Der Sinn bestand darin, die Spieler zu trainieren, mit diesem Stress auch im Spiel fertig zu werden.

Auch während einzelner Übungen gab es da den einen oder anderen Trick des Trainers, um ein wenig Stress zu erzeugen.

Beispiel 1
Geübt wurde zum Beispiel der Angriff gegen den Block. Der Trainer sagt plötzlich: „Jetzt steht es 12:12 im Tiebreak. Keiner darf jetzt einen Fehler machen.“

Beispiel 4
Geübt wird der Aufschlag.

Der Trainer sagt zu einem Spieler: „Du bist jetzt zum Aufschlag eingewechselt, Spielstand 13:14 im Tiebreak. Du kannst gut aufschlagen, musst riskieren, darfst aber auf keinen Fall einen Fehler machen!“

Auch hier bestand wieder der Sinn darin, die Spieler zu trainieren, mit dem Stress im Spiel fertig zu werden. Die Spieler sollten dadurch lernen, solchen Situationen gewachsen zu sein.

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5.2 Psychologie in der Bundesrepublik

Eine Konkurrenz unter den Spielern gibt es in Deutschland fast gar nicht, da für jede Spielposition in der Regel nur ein wirklich guter Spieler verpflichtet wird. Als Auswechselspieler und für das Training werden meist jüngere Spieler eingesetzt. Oft ist daher der Leistungsunterschied zwischen den „ersten Sechs“ und den Auswechselspielern zu groß, um Konkurrenz aufkommen zu lassen. Keiner der Spieler der „ersten Sechs“ muss sich daher im Training behaupten oder gar durchsetzen. Der Ersatzspieler kann dem Spieler der „ersten Sechs“ in der Regel nicht „gefährlich“ werden.

Und sollte der Druck durch den Trainer zu groß werden, besteht ja immer noch die Möglichkeit, nach Saisonende die Mannschaft zu wechseln. Aus diesen Gründen ist der psychische Druck während des Trainings in der Regel sehr gering.

Dafür ist der psychische Stress während eines Spiels oft umso größer. So kann man oft erleben, dass eine falsche Schiedsrichterentscheidung den ganzen Spielverlauf beeinflussen, bzw. verändern kann.

Die gleichen Auswirkungen können durch Fehler des Trainers entstehen, wenn dieser taktische Fehler macht oder beispielsweise gar eine falsche Mannschaftaufstellung abgegeben hat. Ein solcher Fehler bringt die Mannschaft in so großen Stress, dass alle Spieler nur noch eigene Fehler machen, da viele diesem Stress nicht gewachsen sind, können sie die Situation nicht verarbeiten und sich der vielleicht nur leicht geänderten Situation anpassen.

5.3 Beurteilung

In der UdSSR hat man viel Wert auf die Psychologie gelegt, damit die Spieler nicht unvorbereitet einer Stresssituation gegenüber stehen. Dafür hat man im Training die psychische Belastung sehr hoch gehalten, für den Spieler war diese Belastung oft größer als die Körperliche.

Da in Deutschland der psychische Stress im Training in der Regel gering ist, gehen die Spieler nicht jeden Tag an ihre Leistungsgrenze, weder psychisch noch physisch.Das hat zur Folge, dass viele Spieler nur im Spiel an ihre körperliche Grenze gehen. Hinzu kommt dann die aus den genannten Gründen unterschiedlich hohe psychische Belastung die das Spiel in der Regel in starkem Maße beeinflusst.

Als Resultat ist zu sagen, dass die Spieler das Training oft „spielerisch“ und somit wesentlich leichter empfinden als das Spiel.

 

6 Selbstkontrolle und Theorie

Ein noch zu erwähnender Punkt, in dem sich die Trainingsmethoden sehr unterscheiden, sind die theoretische Ausbildung und die Selbstkontrolle der Spieler.

6.1 Selbstkontrolle und Theorie in der Sowjetunion

In der Sowjetunion hatte jeder Spieler verschiedene, im Folgenden beschriebene Hefte zu führen.

1. Trainingsheft
Im Trainingsheft wurden die Trainingsübungen und deren Ausführungs-Qualität beschrieben. Des Weiteren definierte man in diesem Heft die eigenen Ziele, den erzielten Fortschritt sowie die eigenen Fehler und als weiteren Punkt die eigene Körperverfassung.

2. Theorieheft
Hier wurde alles notiert, was bei den Mannschaftsbesprechungen über individuelle Technik eines jeden Volleyballelements besprochen bzw. gelernt wurde, zum Beispiel, Aufschlag, oberes und unters Zuspiel u.s.w.. Auch die Taktiken gegen mögliche Gegner wurden ausgiebig besprochen und notiert.

3. Spielheft
In diesem Heft wurden alle Strategien und Aufstellungen jedes einzelnen Gegners aufgeschrieben. Vor jedem Spiel wurde der Gegner gemeinsam analysiert. Nun hatte jeder Spieler die Aufgabe, sowohl individuelle als auch Mannschaftsaufgaben aufzuschreiben und diese dann in der Besprechung vorzuschlagen.

Nach dem Spiel hatte dann jeder Spieler das Spiel für sich zu analysieren und alles zu notieren, das heißt, jeder beurteilte seine eigene Leistung bzw. Handlungen sowie die der ganzen Mannschaft. Jeder beurteilte, was von den vorgenommenen Zielen besser oder weniger gelungen war.

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6.2 Selbstkontrolle und Theorie in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik gibt es beim Training praktisch keine Selbstkontrolle. Bei der Spielvorbereitung und Mannschaftsbesprechung vor einem Spiel bekommen die Spieler eine Gegnerauswertung vom Trainer, in der er die Stärken und Schwächen der gegnerischen Mannschaft und gegebenenfalls auch einzelner Spieler beschreiben wird.

Die aus den Stärken und Schwächen des Gegners resultierenden Aufgaben für die Spieler und die Mannschaft werden dann auch ausschließlich vom Trainer gegeben.

6.3 Beurteilung

Außer einem höheren Zeitaufwand haben Selbstkontrolle und Theorie doch erhebliche Vorteile. Der wesentliche Vorteil ist, dass der Spieler wesentlich bewusster trainiert, er seine eigenen Fehler ganz bewusst bemerkt und bemüht ist, diese zu reduzieren und auszumerzen. Die Trainingsqualität steigt.

Ohne die Selbstkontrolle macht ein Spieler eventuell immer wieder die gleichen Fehler und merkt es nicht, da er ist lediglich auf die Beurteilung des Trainers angewiesen ist. Schlägt ein Angreifer beispielsweise immer ohne Block auf die Position sechs, ohne zu variieren, so schlägt er mit Block entweder in den Block oder sogar ins Aus.

Während der Spielvorbereitung ist der Spieler bei der Entwicklung der Taktik ganz entschieden beteiligt, was ihn natürlich in die Lage versetzt, die aus der Taktik erarbeiteten Aufgaben wesentlich besser zu verinnerlichen und sich damit zu identifizieren, um  sie im Spiel auch wirklich umzusetzen. Ist er nicht beteiligt, hat er wesentlich größere Schwierigkeiten, die vorgegeben Taktik auszuführen, dabei noch den Gegner zu beobachten und zu erkennen, wie dieser reagiert.

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