In 30sec auf den Punkt bringen

Simon Muff

 

Im letzten Artikel bin ich der Frage auf den Grund gegangen, aus welchen Gründen ein Time-Out notwendig werden kann. Ist die Auszeit beantragt und die Spieler stehen schwitzend und schnaufend um einen, dann beginnt die Herausforderung die 30 Sekunden möglichst effizient zu nutzen. Was man in der kurzen Zeit tun oder eben nicht tun sollte, davon soll der hier vorliegende Artikel handeln.

In seinem Buch „Erfolgreiches Teamcoaching“ macht Lothar Linz einen sehr interessanten Vorschlag. Er formuliert „10 goldene Regeln des gehirngerechten Coachings“.

Quelle: cev

Die Punkte überzeugen, ich werde mich an ihnen orientieren und sie im Kontext „Volleyball“ einbetten und ergänzen. Als ersten Punkt führt er an: „Bei Stress die Aufnahmefähigkeit der Spieler durch ausreichende Entspannung gewährleisten.“ In 30 Sekunden gar nicht so einfach ist man geneigt zu entgegnen. Die praktische Umsetzung könnte aber so aussehen, dass man die Spieler erst etwas trinken, etwas verschnaufen und den Puls ruhiger werden lässt, bevor man etwas sagt. Was für die Spieler gut ist, kann auch für den Coach sehr hilfreich sein, weil dieser ja an der Seitenlinie auch oft sehr angespannt ist und in einem ersten Moment sich etwas entspannen muss. Als zweiten Punkt nennt Linz „Möglichst viele verschiedene Sinne ansprechen“. In der Schule kennt man dieses Prinzip unter dem Stichwort des „mehrkanaligen Lernens“. Die praktische Umsetzung kann darin bestehen, dass Gesprochenes mit einer Zeichnung unterstützt wird oder dass Gesten vorgeführt werden.

TOP

Quelle: fivb
 

Am Schluss einer Auszeit wird in der Regel ein Schlachtruf gesprochen, bei dem sich die Hände der Spieler berühren. Hier bringt die Berührung den Zusammenhalt zum Ausdruck, auch das physisch „sich nahe Sein“ hat diesen Effekt. Man kann ihn noch verstärken, wenn sich beispielsweise die Spieler die Arme auf die Schultern legen und so einen Kreis bilden. Es wird hier der Tastsinn angesprochen.

Weiter nennt Linz den Punkt „Rational und (!) emotional coachen“. Diese Regel geht in eine ähnliche Richtung wie die vorherige.

Das Gehirn hat zwei Hälften und beide sollen angesprochen werden, zumal die Spieler sehr unterschiedlich denken und wahrnehmen. Das Rationale soll neben dem Emotionalen stehen und für den Coach besteht die Herausforderung wohl am meisten darin, die Seite nicht zu vernachlässigen, die ihm selber weniger liegt. Machen sie sich in einer ruhigen Minute mal Gedanken, welcher Seite sie eher entsprechen. Dazu kann man sich auch ein Feedback von den Spielern holen oder das eigene Coaching mit einem Aufnahmegerät während einer gewissen Zeit systematisch aufzeichnen. Als vierten Punkt nennt Linz „Die Informationsmenge beschränken“. Ein äußerst evidenter Punkt, denn in Stresssituationen verringert sich die Aufnahmefähigkeit und wenn ich dann meine Spieler noch mit Informationen voll stopfe, erreiche ich gar nichts. Auch ohne Stress bilden Zeit und Gedächtnispsychologie die limitierenden Faktoren für die Informationsvergabe.

Linz lässt diese Erkenntnisse in den folgenden Punkten einfließen: „Informationen bündeln und markante Punkte wiederholen“, „einfache Sprachformeln finden (diese sind bei Stress leichter zu verarbeiten)“ und „einfache und konkrete Handlungsaufträge“. Ich glaube diese drei Punkte lassen sich auch mit der „KKK-Formel“ zusammenfassen. Es soll kurz, klar und konstruktiv gesprochen werden. Zeit und Aufnahmefähigkeit verunmöglichen darüber hinaus gehende Bemühungen. Zu den Sprachformeln wären Metaphern zu ergänzen. Bilder wie „Spinnennetz“, „Hufeisen“ und „Lagerfeuer“ sind für die Spieler gute Stützen, wenn es zum Beispiel ums Angriffsspiel geht. Das Spinnennetz ist in der Mitte am dichtesten. Manchmal soll der Ball um keinen Preis in der Mitte des gegnerischen Feldes platziert werden. Ganz anders die Vorstellung des Lagerfeuers. Alle sitzen rundherum und wärmen sich die Hände, niemand schickt sich aber an, in die Mitte gespielte Bälle zu verteidigen. Das Hufeisen ist dort am stärksten, wo seine Nägel eingeschlagen sind. Hier geht es um die Vorstellung, quasi um diese Nägel herum zu spielen.

TOP

Egal ob Bilder oder Sprachformeln, es lohnt sich mit Dingen zu arbeiten, welche die Spieler aus dem Training bereits kennen und einordnen können. Das Abrufen von Vorwissen ist viel effizienter als neues in 30 Sekunden erklären zu wollen. Die Qualität eines Teams kann zum einen in der Menge von Wissen bestehen, das im Wettkampf abgerufen und umgesetzt werden kann oder aber, dass wenig Wissen fast bis zur Perfektion beherrscht wird und das Team darin seinen großen Trumpf hat.

„Aufmerksamkeitsbindung über Blickkontakt und Namensnennung“ nennt Linz als weiteren Punkt.

Quelle: fivb

Die Situation kennen wohl alle von der Schule, Fortbildungskursen oder auch ersten Trainings mit neuen Trainern – der Namen ist ein ganz wichtiges Instrument im Umgang mit Menschen. Wenn ich jemanden den Namen sagen kann, hat das zum einen viel mit Respekt gegenüber der Person zu tun, denn ich nehme sie als Individuum wahr und nicht einfach als Element X in der Menge aller „Du’s“ oder „Sie’s“ und zum andern erreiche ich eine Person ganz einfach schneller. Die Informationen können direkter weitergegeben werden, zumal der Adressat auch eindeutig definiert ist. Der Blickkontakt ist sehr entscheidend, weil bei der Kommunikation nur etwa zehn Prozent über die tatsächlich gesagten Worte stattfindet, die restlichen 90 Prozent laufen über Gestik, Mimik, Intonation usw. ab. Man stelle sich vor, ein Coach müsst von einer dünnen Pappwand von seinem Team getrennt Anweisungen geben – unvorstellbar. Augenkontakt ist in der face-to-face-Kommunikation sehr entscheidend. Dort wo er bei den modernen Kommunikationsmitteln fehlt, sind viele Kompensationselemente zu erkennen, das wäre aber Thema eines andern Artikels.

Mit „Nur ‚positive’ Formulierungen verwenden“ beschreibt Linz wohl eine der schwierigsten Herausforderungen. Einfach gesagt geht es hier darum, den Spielern zu sagen, was sie tun sollen und nicht, was sie nicht tun sollen. Wenn ich also meinen Spielern sage: „Im zweiten Satz dürft ihr keinen Ball mehr in den Block schlagen!“, so ist das eine klare negative Handlungsanweisung. Es wird mit Nachdruck erwähnt, was auf keinen Fall passieren darf. Man darf sich nicht wundern, wenn die Spieler genau das nicht wie gewünscht umsetzen und viele Bälle im gegnerischen Block hängen bleiben. Um den Spieß nun aber umzudrehen, könnte der Coach sagen: „Versucht den Block auf der Linie zu umgehen.“ oder „Versucht mehr Lobs über den Block zu spielen“ oder „Der Spieler auf der Position 2 ist der schwächste Blockspieler. Darauf fokussieren wir unser Angriffsspiel“. Diese Beispiele zeigen, wie man den Spielern sehr wohl konkrete Handlungsanweisungen geben kann, aber sie sollen auf eine positiv zu lösende Aufgabe konzentriert sein. Negative Anweisungen blockieren, machen Angst und lenken die Aufmerksamkeit auf den Fehler. Gerade in Stresssituationen kann sich das fatal auswirken.

TOP

Quelle: fivb

Als letzten Punkt nennt Linz „Überbetonungen vermeiden“. Er spricht damit das Problem der Steigerung an. Als Coach läuft man in Gefahr, dass die Spieler abschalten, weil sie wissen, dass man jeden Punkt sowieso mehrmals wiederholt und in mehreren Anläufen immer das Gleiche sagt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man sich als Coach der limitierenden Faktoren Zeit und Informationsmenge gut bewusst sein muss. Weiter verschafft man sich mit Bestimmtheit einen Vorteil, wenn man die Präferenzen der Spieler kennt und weiß, auf welchem Kanal sie Informationen bevorzugt aufnehmen. Ausgehend vom Zitat „Energie folgt der Aufmerksamkeit“ lässt sich der positive Inhalt von Anweisungen unterstreichen. Positiv zu erfüllende Anweisungen sollen dem Spieler helfen, sich im Spiel zurechtzufinden und nicht Mahnfinger und Verbote.

Zu guter Letzt bleibt aber auch zu sagen, was ich bereits im letzten Artikel angesprochen habe. Die zehn Punkte von Lothar Linz bilden eine gute Grundlage für die Analyse des eigenen Verhaltens. Nur noch mit diesen Punkten und einem Schema im Kopf zu coachen wäre aber des Guten zuviel getan. Intuition und das Gespür für den Augenblick werden auch weiterhin einen nicht unwesentlichen Teil in der Arbeit eines Coachs ausmachen.

Zum Abschluss ein Zitat, über welches sich das Nachdenken lohnt. In meiner Trainerausbildung wurde von einem Experten einmal die Aussage gemacht: „Diejenigen Trainer, die in den Auszeiten und zwischen den Sätzen ausrasten, ihre Spieler beschimpfen und dauernd unzufrieden die Hände verwerfen, haben im Trainingsalltag ungenügend gearbeitet.“

Literatur: Linz, Lothar: Erfolgreiches Teamcoaching. Ein sportpsychologisches Handbuch für Trainer. Aachen. 2004.

TOP